„Ich empfinde Wut und Trauer“

Die Balkanroute ist praktisch abgeriegelt. Hat Sie die Grenzschließung überrascht?Xannis Mouzalas: Was uns überrascht hat, war der Verstoß gegen die EU-Beschlüsse, wonach die Grenzen zumindest vorerst geöffnet bleiben sollen. Leider haben Österreich und die Visegrad-Staaten das schlicht ignoriert.
08.03.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Die Balkanroute ist praktisch abgeriegelt. Hat Sie die Grenzschließung überrascht?

Xannis Mouzalas

: Was uns überrascht hat, war der Verstoß gegen die EU-Beschlüsse, wonach die Grenzen zumindest vorerst geöffnet bleiben sollen. Leider haben Österreich und die Visegrad-Staaten das schlicht ignoriert. So konnten wir uns nicht rechtzeitig darauf vorbereiten, um eine humanitäre Krise hierzulande einzudämmen.

Klingt nach einem Hilferuf.

Ich will an dieser Stelle betonen: Das ist nicht ein griechisches, sondern ein europäisches Problem. Wir haben es nicht verursacht. Wir werden auch nicht hinnehmen, dass dieses europäische Problem in ein griechisches Problem umgewandelt wird. Das können wir politisch nicht akzeptieren.

Was muss Europa tun?

Wir Griechen müssen die Flüchtlinge und Migranten registrieren. Das tun wir. Europa muss dafür sorgen, dass die Menschen in Europa verteilt und die Migranten wieder zurückgeführt werden. Drei Dinge also: Registrierung, Verteilung, Rückführung. In Sachen Verteilung und Rückführung passiert bisher aber gar nichts.

Griechenland steht jetzt vor einer großen Herausforderung.

Der wir uns auch stellen werden. Die Flüchtlinge und Migranten brauchen Lebensmittel, Unterbringungsmöglichkeiten, eine Gesundheitsversorgung, Sozialarbeiter. Und wir brauchen Hilfe im großen Stil. Aber bitte noch einmal: Die Situation in Griechenland wird sich definitiv nicht verbessern, solange sich nicht auch die Flüchtlingszahlen aus der Türkei verringern.

Bei welcher Zahl an Flüchtlingen und Migranten droht in Hellas der Kollaps?

Wir haben jetzt 33 000 Flüchtlinge und Migranten in Griechenland. Wenn es 50 000 werden, werden wir Unterbringungsmöglichkeiten für 50 000 schaffen. Wenn es 70 000 werden, dann eben für 70 000.

Und so weiter?

Nein.

Es gibt also eine Grenze der Belastbarkeit?

Das gilt für jedes Land der Welt. Die Flasche wird platzen. Ich weiß nicht genau, wann. Aber die Flasche wird zersprengt.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie über ein Europa sinnieren, in dem die Grenzen geschlossen werden?

Ich kann angesichts dieser Entwicklungen in Europa und der Erniedrigung und Entwürdigung von Menschenleben nichts anderes empfinden als Wut und tiefe Trauer.

Das Gespräch führte Ferry Batzoglou

.

Xannis Mouzalas,

von Beruf Gynäkologe und mit den „Ärzten der Welt“ lange in Krisengebieten im Einsatz, ist seit September 2015 Athens Migrationsminister. Ein schwieriger Job, muss er doch vermitteln zwischen griechischen und europäischen Interessen.

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