Angeklagter Syrien-Rückkehrer bleibt viele Antworten schuldig „Ich habe nicht gekämpft“

Frankfurt/Main. Am Ende wird Richter Thomas Sagebiel etwas ungemütlich „Jetzt mal ein bisschen Butter bei die Fische!“, fordert er und blickt streng über den Rand seiner Brille zu Kreshnik B. auf der Anklagebank.
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Von Wiebke Ramm

Am Ende wird Richter Thomas Sagebiel etwas ungemütlich „Jetzt mal ein bisschen Butter bei die Fische!“, fordert er und blickt streng über den Rand seiner Brille zu Kreshnik B. auf der Anklagebank. „Sonst kommen wir noch auf die Idee, dass Sie vom IS als Märtyrer nach Deutschland geschickt wurden, hier zunächst als Schläfer leben und dann Anschläge machen sollen.“ „Das habe ich nicht vor“, sagt der 20-Jährige leise.

Der Prozess gegen Kreshnik B. vor dem Oberlandesgericht Frankfurt ist der erste Prozess in Deutschland gegen einen mutmaßlichen IS-Kämpfer. Im Juli 2013 ist B. aus Hessen nach Syrien gereist, um für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu kämpfen. Im Dezember 2013 kehrte er zurück nach Deutschland, noch am Flughafen wurde er festgenommen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. B. ist wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung angeklagt. Bis zu zehn Jahre Gefängnis sieht das Gesetz dafür vor. Doch das Gericht hat ihm eine milde Gefängnisstrafe von maximal vier Jahren und drei Monaten in Aussicht gestellt, wenn er erzählt, warum er zum Dschihadisten wurde. Aber B. macht es den Richtern alles andere als leicht. An diesem vierten Verhandlungstag redet er sich um Kopf und Kragen.

Kreshnik B. ist in Bad Homburg geboren und in Frankfurt aufgewachsen. Seine Eltern stammen aus dem Kosovo. Religiös aufgewachsen sei er nicht. Erst auf der Berufsschule habe er begonnen, sich für den Islam zu interessieren. Da war er 16 oder 17 Jahre alt. Wie es dazu kam, bleibt unklar. Hat ihn jemand überzeugt? „Man redet mit Leuten“, sagt Kreshnik B. vage. Mehrfach betont er, dass es sein eigener Entschluss gewesen sei, in Syrien zu kämpfen, gegen das Assad-Regime.

B. ist kein Mann langer Erklärungen. Seine Sätze sind ungeordnet, arm an Details, zum Teil wirr. Und manchmal kommen Sätze aus seinem Mund, die Zweifel wecken, dass er dem bewaffneten Kampf wirklich abgeschworen hat. Das Gericht hält ihm Chatprotokolle vor. Darin schreibt B. von Bekannten, die „sich gesprengt hätten“. Richter: „Das hört sich nach Selbstmordattentat an.“ B.: „Nein, nein.“ Er sagt, es sei um jemanden gegangen, der „im Kampf gefallen“ sei. Ob er da traurig gewesen sei, fragt der Richter. Und dann wird es heikel. „Wenn er als Märtyrer gefallen ist, warum soll ich denn dann trauern?“, antwortet Kreshnik B. Dann sagt er: „Ich wünsche es mir.“ „Sie wünschen sich immer noch, als Märtyrer zu sterben?“ „Ja“, sagt Kreshnik B. Er sagt es dermaßen unbedarft, dass unklar bleibt, was er damit wirklich meint. Nähere Angaben zu dem Treueeid, den er in Syrien geschworen hat, will er nicht machen. Auch nicht, wie es zu seiner Rückkehr kam. Es ist der Moment, in dem der Richter ungehalten wird.

Am Anfang seiner Reise sei er am Sturmgewehr ausgebildet worden, erläutert Kreshnik B., doch er beteuert: „Ich habe nicht gekämpft. Ich habe nicht auf Leute geschossen.“ Er habe zwar an drei Kämpfen teilgenommen, aber immer ganz hinten gestanden. Dass er seiner Schwester was anderes geschrieben hat, erklärt er so: „Ich wollte ein bisschen den Helden spielen.“

Noch im November 2013, kurz vor seiner Rückkehr, schrieb B. seiner Schwester, er wolle „Sniper“ werden. „Ja, Scharfschütze“, gibt er offenherzig zu. Warum? „Scharfschützen sind sehr effektiv.“ Eben noch Scharfschütze werden wollen und dann plötzlich geläutert nach Deutschland zurückkehren? Wie passt das zusammen? B. sagt, er habe „keinen Sinn“ mehr in den Kämpfen gesehen, als verschiedene islamistische Gruppen begonnen hätten, sich gegenseitig zu bekämpfen.

Das Gericht hat Zweifel und ändert spontan das Beweisprogramm. Es will nun doch die Schwester hören. Sie soll heute als Zeugin gehört werden. „Sie sind damit einverstanden, Herr B.“, fragt Richter Sagebiel. „Na ja“, antwortet Kreshnik B.

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