„Ich kam rein und dann: Schockstarre“

Frau Roth, wie haben Sie als junge Politikerin auf den Betrieb Fußball geschaut?Claudia Roth: Da war eine Mauer zwischen dem organisierten Fußball und den Grünen. Wir haben den DFB als geschlossene Männergesellschaft wahrgenommen.
16.07.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Ronny Blaschke
„Ich kam rein und dann: Schockstarre“

In der DFB-Kulturstiftung aktiv: Claudia Roth, hier mit DFB-Vize Rainer Koch bei der Männer-EM 2016.

imago sportfotodienst, imago/ActionPictures

Frau Roth, wie haben Sie als junge Politikerin auf den Betrieb Fußball geschaut?

Claudia Roth: Da war eine Mauer zwischen dem organisierten Fußball und den Grünen. Wir haben den DFB als geschlossene Männergesellschaft wahrgenommen. Wo der Präsident fast alles zu sagen hat. Mitte der 1970er-Jahre habe ich als Dramaturgie-Assistentin im Theater Dortmund gearbeitet. In dem Viertel, wo ich gewohnt habe, war zu den Heimspielen der Borussia immer die Hölle los. Einige rechte Schläger haben oft Ärger gemacht. Da haben wir gesagt: Dazu müssen wir uns als Stadtgesellschaft klarer verhalten.

Wie kamen Sie später als Abgeordnete mit Fußball in Berührung?

Zum ersten Mal im Europaparlament, wo ich von 1989 bis 1998 Mitglied war. Es gab eine Debatte über Gewalt im Fußball. Es sollte einen Bericht des Parlaments geben, der die Ursachen der Gewalt beschreibt. Viele Abgeordnete wollten diesen Bericht verfassen, weil sie wussten: Fußball ist populär. Der Parlamentsvorsitzende wollte diesem Streit aus dem Weg gehen und hat mir den Auftrag erteilt. Viele Kollegen haben gespottet: Frau und Fußball? Das kann nichts werden.

Vor der WM 2006 haben Sie dann den damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger kennengelernt.

Wir hatten schnell einen guten Draht. Er wollte den Staatsgästen zeigen, dass sich in der Bundesrepublik nicht nur konservative Politiker für Fußball interessieren. Er wollte zeigen, dass Deutschland bunt ist. Ich habe ihm vielleicht gerade auch als Frau von den Grünen ein bisschen genützt.

Zwanziger hat Sie dann in das Kuratorium Kulturstiftung des Verbandes berufen.

Die erste Sitzung werde ich nie vergessen. Viele Vertreter der Landesfußballverbände waren da. Ich kam rein und dann: Schockstarre. Eine Frau, und dann noch von den Grünen. Ich hatte mich vorbereitet und einige Fragen zur Tagesordnung gestellt. Dann sind einige nervös geworden. Ich habe gesagt: Ich möchte mich hier einbringen, ich möchte hier arbeiten.

Wo bietet der Fußball im Bundestag ein konkretes Arbeitsfeld?

Ich mache nicht im klassischen Sinne Sportpolitik. Ich frage: Wie kann uns Sport in gesellschaftlichen Fragen helfen? Bei der Integration von Flüchtlingen, bei der Stärkung von Homosexuellen, beim Klimaschutz.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Ich bin 2011 nach Kabul gereist und war dort auch beim Frauen-Nationalteam von Afghanistan. Wir sind durch die Katakomben eines schrecklichen Stadions gegangen und in der Umkleidekabine hingen die Bilder der deutschen Spielerinnen Birgit Prinz und Steffi Jones. Die Ausstrahlung des Frauenfußballs wollen wir für Entwicklungszusammenarbeit besser nutzen.

Wie helfen Sie kleineren Nichtregierungsorganisationen im Fußball?

Es gibt viele tolle Initiativen, die wichtige Bildungsarbeit zu leisten. Discover Football in Berlin zählt dazu, wenn es um Frauenrechte und Empowerment geht.

Wie profitieren Sie politisch von Ihrem Fußball-Engagement?

Ich gehe nicht zum Fußball, um meinen Kopf in die Kamera zu halten. Ich wurde während der Frauen-WM 2011 mal in die Kabine gebeten. Die Spielerinnen waren müde. Ich kam mir fehl am Platz vor. Mir war immer wichtig, auch den sportlichen Alltag zu beobachten. Von den vielen DFB-Sitzungen, an denen ich teilgenommen habe, bekam die Öffentlichkeit nichts mit. Aber selbst einige konservative Knochen aus den Landesverbänden haben irgendwann gesagt: Die Roth meint es ernst.

Das Interview führte Ronny Blaschke.

Zur Person

Claudia Roth engagiert sich seit zehn Jahren in der DFB-Kulturstiftung. Sie ist damit eine von nur sechs Frauen unter den 68 Mitgliedern, die den DFB in dessen drei Stiftungen für soziale Projekte vertreten.
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