Kommentar über das US-Gesundheitssystem

Ignoranz, Inkompetenz und eine fehlende Infrastruktur

Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Corona-Infizierten ein Krankenhausbett benötigt, droht das auf Profit optimierte Gesundheitssystem der USA schnell überwältigt zu werden, schreibt Thomas Spang.
23.03.2020, 08:00
Lesedauer: 2 Min
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Ignoranz, Inkompetenz und eine fehlende Infrastruktur
Von Thomas Spang
Ignoranz, Inkompetenz und eine fehlende Infrastruktur

In New York stehen Menschen vor einem Coronavirus-Testzentrum am Metropolitan Hospital Schlange.

Marcus Santos

Das amerikanische Gesundheitssystem ist erschreckend unvorbereitet auf die Corona-Pandemie. Das hat mit einer Vielzahl von Faktoren zu tun, allen voran aber mit dem fehlenden universalen Zugang zu bezahlbarer Krankenversicherung. 28 Millionen Unversicherte und mehr als 80 Millionen nicht ausreichend Versicherte gab es vor der Krise. Es ist bittere Realität, dass genau aus diesem Grund viele Amerikaner erst dann medizinische Hilfe suchen, wenn es zu spät ist.

Ein anderes Problem sind die hohen Eigenbeteiligungen der Amerikaner, die durch ihre Arbeitgeber versichert sind. Diese machen im Schnitt knapp 1700 Dollar aus und haben sich über die vergangenen zehn Jahre verdoppelt. Ein Viertel der Arbeitnehmer hat darüber hinaus keine bezahlten Krankheitstage. Das heißt, wer nicht im Büro erscheint, wird nicht bezahlt. All das hält Menschen davon ab, zu Hause zu bleiben, wenn sie sich unwohl fühlen oder bei akuten Symptomen rechtzeitig Hilfe zu suchen. Verbunden mit den Schlampereien der Regierung, die nicht rechtzeitig genug Covid-19-Tests bereitgestellt hat, trägt das zur unsichtbaren Verbreitung des Erregers bei.

Dieser Feind lässt sich nur bekämpfen, wenn man weiß, wo er ist. Und viel zu lange tat Donald Trump alles dafür, auf dieses Wissen zu verzichten. Stattdessen versprach der Präsident das wundersame Verschwinden des Erregers, schnelle Impfungen oder nicht erprobte Medikamente. Die tatsächlichen Infektionsraten dürften um ein Vielfaches höher liegen, als die Statistiken im Moment ausweisen.

Diese Ignoranz kann sich schon sehr bald rächen. Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Infizierten ein Krankenhausbett benötigt, droht das auf Profit optimierte Gesundheitssystem der USA schnell überwältigt zu werden. In New York gibt es 11 000 Betten auf den Intensivstationen, die schon jetzt belegt sind. Nicht viel anderes sieht es in San Francisco aus, wo die privaten Krankenhäuser nur Kapazitäten bereithalten, die finanziell vertretbar sind. Planungen für den Katastrophenfall fehlen. Und deshalb fehlen auch die jetzt so dringend benötigten Kapazitäten an Betten und Beatmungsgeräten.

Die Verantwortung dafür lässt sich nicht allein der Gesundheitsindustrie in die Schuhe schieben. Sie liegt auch bei der US-Regierung, die hartnäckig Experten-Warnungen über die fehlende Vorbereitung im Fall einer Pandemie ignorierte. Statt in den Zivilschutz zu investieren, schlug Präsident Trump drei Wochen nach dem ersten Corona-Fall in den USA vor, das Budget der Gesundheitsbehörde um neun Prozent zu kürzen. Zudem schickte Trump im Mai 2018 die Experten des für Bioabwehr zuständigen Direktorats im Weißen Haus nach Hause. Dieses hatte erfolgreich die Ebola-Krise bekämpft und war für die Koordinierung im Fall einer Pandemie in den USA zuständig.

Noch unbegreiflicher ist, was mit den Milliarden geschehen ist, die nach dem 11. September 2001 in die Verteidigung gegen einen Angriff mit Biowaffen flossen. Welchen Konsequenzen hat die Regierung aus den unzähligen Studien und Übungen gezogen? Keine Schutzmasken, keine Handschuhe, keine Betten – jemand wird dafür Rechenschaft ablegen müssen.

Wie schon beim Hurrikan Katrina gibt es auch bei der Corona-Krise eine von Menschen gemachte Dimension der Katastrophe. Der Präsident kann nichts für das Virus, aber er ist für das Gesundheitssystem verantwortlich. Vor diesem Hintergrund stößt besonders übel auf, dass Verantwortliche Dank ihres Insiderwissens persönlich Vorkehrungen trafen, während sie der Öffentlichkeit predigten, alles sei nur halb so schlimm. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, dass der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses Richard Burr und andere Senatoren Aktien vor dem Corona-Crash an der Börse verkauft haben, wäre dies der Tiefpunkt der Niedertracht.

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