40 000 türkischstämmige Demonstranten bekunden in Köln lautstark ihre Solidarität mit dem Staatspräsidenten Im Erdogan-Rausch

Köln. Ein Meer aus roten Halbmond-Flaggen, viele Männer und Frauen sind ganz eingehüllt in die türkische Nationalfahne, es geht emotional zu bei der Kundgebung in Köln. Auch der Regen kann die schätzungsweise bis zu 40 000 Teilnehmer nicht schrecken.
01.08.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Yuriko Wahl-Immel und Christoph Driessen

Köln. Ein Meer aus roten Halbmond-Flaggen, viele Männer und Frauen sind ganz eingehüllt in die türkische Nationalfahne, es geht emotional zu bei der Kundgebung in Köln. Auch der Regen kann die schätzungsweise bis zu 40 000 Teilnehmer nicht schrecken. Offizielles Thema ist der gescheiterte Putschversuch in der Türkei vor zwei Wochen. Aber die Demo-Teilnehmer wollen vom Rhein vor allem eine machtvolle Botschaft senden: volle Unterstützung für den Kurs des islamisch-konservativen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Viele scheinen geradezu im Erdogan-Rausch.

Von der Bühne ruft ein Redner: „Wir sind Deutschland.“ Er wartet auf das Echo. Aber aus der Masse schallt ihm entgegen: „Allahu akbar“ – Arabisch für „Gott ist groß“. Die türkische und die deutsche Nationalhymne werden gespielt. Eine Schweigeminute für die Opfer des Putsches in der Türkei wird abgehalten, auch für die Toten bei den Terroranschlägen in Deutschland und Frankreich. Die Themen vermischen sich.

Im Fokus aber steht Erdogan – und der Jubel der Menge ist ihm jedes Mal gewiss. In der Türkei hat der umstrittene Präsident den Ausnahmezustand verhängt, lässt die Behörden massiv gegen mutmaßliche Verschwörer in Militär, Justiz und Medien vorgehen. Demo-Teilnehmer Cabuk Kenan findet das richtig. „Es ist gut, dass Erdogan jetzt durchgreift“, meint der 29-Jährige, der eigens aus den Niederlanden angereist ist. „Wir wollen zeigen, dass wir hinter ihm stehen und hinter der Regierung.“ Auch Habib Aydin (26) aus Stuttgart sagt: „Die Verhaftungswelle sehe ich nicht kritisch. Es muss eine Säuberung gemacht werden. Der Putschversuch hat sich gegen die Demokratie gerichtet.“ Es sei falsch, wenn Kritiker und Medien Erdogan als Diktator darstellten. Oft ist an diesem Tag vom „Türkei-Bashing“ der deutschen Medien die Rede.

Die Veranstalter rufen immer wieder zum Zusammenhalt auf. Man wolle friedlich für Rechtsstaatlichkeit eintreten und stehe „auf der Seite des wehrhaften türkischen Volkes“. Melek Kum – mit der türkischen und deutschen Nationalflagge ausgerüstet – ist besorgt, weil ein Riss durch die türkische Gemeinde gehe. „Egal, ob Erdogan-Anhänger oder Erdogan-Gegner – wir müssen alle besser zusammenhalten.“ Deshalb ist die 32-Jährige gekommen, mit Mutter und Schwester, aus Krefeld.

Maßgeblich mitorganisiert hat die Kundgebung die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die der türkischen Regierungspartei AKP sehr nahesteht. Sie durfte Erdogan selbst zwar nicht per Videogroßleinwand zuschalten. Aber immerhin hat Ankara den Sport- und Jugendminister Akif Cagatay Kilic an den Rhein geschickt. Schon vor dem Putsch hatten sich einige Experten überrascht gezeigt über den „langen Arm“ des türkischen Präsidenten nach Deutschland. Im europäischen Vergleich habe Erdogan in Deutschland wohl die meisten Anhänger, sagt auch die muslimische NRW-Abgeordnete Serap Güler (CDU). Das passt zu dem Bild, das sich am Sonntag in Köln bietet. „Erdogan ist ein Held“, steht auf einem Transparent.

Es ist ein Sonntag, wie man ihn in Köln noch nicht oft erlebt hat. 2700 Polizisten sind im Einsatz, zeitweise laufen vier Gegenkundgebungen parallel. Unter anderem versammeln sich etwa 250 Rechtsextreme vor dem Hauptbahnhof – schließlich löst die Polizei diese Kundgebung aber auf. Für die Kölner Polizei ist der Tag eine Bewährungsprobe nach dem Versagen in der Silvesternacht.

Nicht alle Kölner zeigen Verständnis für die Demo. „Dass der politische Kampf in der Türkei zu uns nach Deutschland verlegt wird, finde ich nicht korrekt“, sagt Anwohner Rainer Musculus. Und Nele Skipp gibt zu bedenken: „Eine Pro-Merkel-Demo würde in der Türkei ja wohl niemals erlaubt. Und deshalb ist das heute in Köln auch falsch.“

Mehr als 1000 Soldaten entlassen Nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei hat Präsident Recep Tayyip Erdogan per Notstands-Dekret 1389 Soldaten unehrenhaft aus den türkischen Streitkräften entlassen. Darunter sei ein ehemaliger Berater Erdogans, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Sonntag unter Berufung auf das im Amtsblatt veröffentlichte Dekret. Bereits am Mittwoch hatte Erdogan 1684 Offiziere entlassen, 149 davon im Generalsrang. Anadolu berichtete weiter, mit dem nun veröffentlichten Dekret würden außerdem die Militärakademien und -gymnasien geschlossen. Zur Ausbildung von Offizieren werde eine Universität geschaffen, die dem Verteidigungsministerium unterstellt ist. Die Landstreitkräfte, die Luftwaffe und die Marine werde mit dem Beschluss ebenfalls dem Verteidigungsministerium unterstellt. Wie Anadolu weiter berichtet, sei das Privatvermögen von rund 3000 suspendierten Richtern und Staatsanwälten beschlagnahmt worden. Ein Gericht in Ankara habe einem entsprechenden Antrag der Staatsanwaltschaft stattgegeben.
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