Arabiens vergessener Krieg Im Jemen gehen die Lichter aus

Der verheerende, im Westen fast vergessene Krieg im Jemen führt zu einer humanitären Katastrophe. Im Gespräch mit Steven Geyer warnt Tariq Riebl, der den Noteinsatz der Hilfsorganisation Oxfam im Jemen leitet, vor den Folgen.
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Der verheerende, im Westen fast vergessene Krieg im Jemen führt zu einer humanitären Katastrophe. Im Gespräch mit Steven Geyer warnt Tariq Riebl, der den Noteinsatz der Hilfsorganisation Oxfam im Jemen leitet, vor den Folgen.

Herr Riebl, der Krieg im Jemen ist aus den Augen der Welt verschwunden, obwohl dort Zustände wie in Syrien herrschen. Wie erleben Sie die Lage?

Tariq Riebl: Einen Alltag gibt es nicht mehr. Bodenkämpfe vertreiben Hunderttausende. Außerdem bombardieren die Saudis ununterbrochen das ganze Land, die zivile Infrastruktur ist zunehmend zerstört: Brücken, Straßen, Krankenhäuser, Märkte. Schon vorher war Jemen das ärmste Land der Region. Aber nun weitet sich die Not rasant aus, weil den Menschen die Reserven ausgehen. Wasserversorgung ist ein riesiges Problem, es herrscht rasende Inflation, Nahrung wird knapp. Öffentliches Leben und Wirtschaft stehen weitgehend still.

Die Uno hat Jemen neben Syrien, Irak und Südsudan als einen der vier weltgrößten Krisenherde eingestuft. Fliehen auch Hunderttausende aus Jemen?

Zahlenmäßig ist es sogar die zurzeit größte humanitäre Krise: Geschätzte 21 Millionen Menschen brauchen Hilfe, 13 Millionen davon haben nicht genug zu essen. Doch fliehen können sie kaum. Saudi-Arabien blockiert alle Luft- und Landwege und kontrolliert die Seewege. Außerdem gehören die einzigen Nachbarn, Saudi-Arabien und Oman, ja zu den Angreifern. Zudem führt der Weg nach Oman durch die Wüste, die Al-Kaida kontrolliert. Die Flüchtlingszahlen aus Jemen sind also nur nicht so dramatisch, weil die Menschen gar nicht fliehen können. 1,5 Millionen Vertriebene im Jemen wissen nicht, wohin.

Sie leben in Flüchtlingslagern?

Nein, dahin trauen sich die meisten nicht mehr, seit die Saudis das größte Lager im Jemen bombardiert haben. Also werden die Ausgebombten und Fliehenden in den Dörfern untergebracht, oft unter verheerenden Umständen: 40 Leute in einem Haushalt, weil eine rund siebenköpfige Familie an die fünf Familien aufnimmt. Viele Vertriebene sind auch in Schulen untergebracht oder obdachlos und schlafen am Straßenrand.

Unter welchen Bedingungen arbeiten Hilfsorganisationen?

Es sind nur noch wenige da, hauptsächlich Oxfam, das Rote Kreuz und Ärzte ohne Grenzen, und die Helfer leben natürlich in ähnlicher Gefahr wie die Menschen vor Ort. In der Hauptstadt Sanaa, wo ich gearbeitet habe, gab es vier bis sechs Luftangriffe am Tag – jeder zwischen 30 Minuten und fünf Stunden lang. Das ist für viele Organisationen zu gefährlich, sodass längst nicht alle der 21 Millionen Bedürftigen erreicht werden. Aber ohnehin müssen wir betonen: Für 21 Millionen Menschen gibt es keine Lösung durch humanitäre Hilfe. Sondern die Bombardierungen und vor allem die Blockade durch Saudi-Arabien müssen enden.

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