Der Anwalt Mehmet Daimagüler kämpft mit klaren Statements für Migranten und gegen Rassismus Im stetigen Wortgefecht

München. Er ist ein gefragter Mann. Neulich saß Mehmet Daimagüler mal wieder in der Politik-Talkshow von Anne Will.
09.02.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Wiebke Ramm

Er ist ein gefragter Mann. Neulich saß Mehmet Daimagüler mal wieder in der Politik-Talkshow von Anne Will. Thema: „Misstrauen, Ängste, Verbote – Kippt die Stimmung gegen Flüchtlinge?“ Sein vorheriger Besuch bei ihr war da noch nicht lange her. Damals ging es um „Die Zschäpe-Aussage“. Kurz davor sprach er bei Maybrit Illner über „Mörderische Hetze – Zerreißt der Hass das Land?“. Daimagüler ist im Radio zu hören, im Fernsehen zu sehen, in Zeitungen zu lesen.

Die Medien schätzen ihn als jemanden, der nicht davor zurückschreckt, sich angreifbar zu machen. Der 48-Jährige versteckt sich nicht hinter immer irgendwie richtigen, weil nichtssagenden Formulierungen. „Weich gespült Daherreden“, nennt Daimagüler das bei einem Gespräch in München. Seine Sache ist das nicht. Daimagüler sagt stattdessen Sätze wie: „Der Islam als Marke hat schon ein bisschen verschissen.“ Oder er fragt AfD-Chefin Frauke Petry: „Haben Sie denn gar keine Angst, dass aufgrund der Sprache, die Sie anschlagen, irgendwann Menschen sterben?“ Er twittert auch. Zum Beispiel, dass ihn ein Schwimmhallenverbot für Flüchtlinge ungut an die NS-Zeit erinnere.

Die Reaktionen sind nicht nur positiv. Er wird beschimpft, beleidigt, mit dem Tode bedroht. Die Drohungen postet er auf seiner Facebook-Seite. Manchmal ruft er den Verfasser auch einfach an. Daimagülers Erfahrung: „Auch mit dem größten Irren kann man vernünftig reden, wenn man ihn zu einem Gespräch zwingt.“ Die Auseinandersetzung scheut er jedenfalls nicht.

Er ist scharfsinnig und schlagfertig – in seiner Vergangenheit nicht nur mit Worten. „Ich habe in meinem Leben mehr Nasen als Herzen gebrochen.“ Das Zitat stammt aus seinem Buch „Kein schönes Land in dieser Zeit“. Wer Daimagüler kennenlernen will, sollte es lesen. Wer etwas über Alltagsrassismus in Deutschland erfahren will, auch. Es ist die Zwischenbilanz seines Lebens, geschrieben 2011, die Biografie eines Aufsteigers und eine Abrechnung mit der Integrationspolitik.

Im westfälischen Siegen als Kind türkischer Gastarbeiter geboren, erlebt er früh Ausgrenzung, verbale und körperliche Gewalt. Ein Arzt duldet keinen Türken als Spielkameraden seines Sohnes und scheucht den fünfjährigen Mehmet weg. Vermieter weisen ihn wegen seines Namens ab. Zu Hause wartete der prügelnde Vater, draußen eine Welt voller Ressentiments. „Fortwährend schlechte Erfahrungen machen den Menschen krank“, sagt Daimagüler. Er weiß, wovon er redet: Depression, Alkohol, Lebensmüdigkeit. Heute trinkt er keinen Tropfen Alkohol mehr und arbeitet daran, diese Wut in den Griff zu kriegen, die ihn manchmal noch packt. Er wäre gern gelassener, souveräner. Die Selbstzweifel sind noch da – trotz beruflichem Erfolg.

Sein Grundschullehrer wollte ihn, den einzigen Türken in der Klasse, auf die Sonderschule schicken. Er wehrte sich, kam erst auf die Haupt-, dann auf die Realschule, machte Abitur, studierte Jura, Volkswirtschaft und Philosophie, promovierte. Er schaffte es bis nach Harvard und Yale. Als Student assistierte er den FDP-Bundestagsabgeordneten Gerhart Baum und Burkhard Hirsch. 1990 trat er in die FDP ein, 2008 wieder aus. Er war Unternehmensberater bei Boston Consulting, heute arbeitet er als Anwalt in Berlin. Im Münchener NSU-Prozess vertritt er die Familien zweier Mordopfer.

Hartnäckig kritisiert Daimagüler das Versagen der Ermittler im NSU-Komplex. „Aber versagt haben ja eigentlich alle“, sagt er. „In meinem türkischen Freundeskreis waren wir uns sicher, dass die Taten einen rassistischen Hintergrund haben. Aber wir haben die Klappe gehalten. Aus einer Mischung aus Angst und Opportunismus.“ Als die Neonazis mordend durch Deutschland zogen, saß er im Bundesvorstand der FDP. Er macht sich seither Vorwürfe, dass er das Thema dort nicht angesprochen hat. Nun engagiert er sich auch außerhalb des Gerichts, hält Vorträge, spricht in Talkshows. „Tätige Buße“, nennt er das.

Daimagüler mag Talkshows. „Sie bieten die Möglichkeit, Menschen anzusprechen, die man sonst nicht erreicht.“ Und er mag die TV-Polittalkerin Anne Will. „Sie ist klug, wirkt persönlich interessiert. Und sie hat so eine charmante Art, einem das Wort abzuwürgen.“

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