EU-Einwanderer in Großbritannien hoffen auf eine schnelle Klärung ihrer Aufenthaltsrechte In der Brexit-Schwebe

London. Gudrun Parasie fühlte sich, als sei sie über Nacht zur Ausländerin geworden. Sie, die seit 37 Jahren im Königreich lebt, mit einem Briten verheiratet ist und englische Qualifikationen als Rechtsanwältin hat.
20.02.2017, 00:00
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In der Brexit-Schwebe
Von Katrin Pribyl

London. Gudrun Parasie fühlte sich, als sei sie über Nacht zur Ausländerin geworden. Sie, die seit 37 Jahren im Königreich lebt, mit einem Briten verheiratet ist und englische Qualifikationen als Rechtsanwältin hat. Sie, die ehrenamtlich als Schöffin tätig war und sich mit Freunden, Familie und Karriere in die englische Gesellschaft eingebunden fühlte, empfand das Referendum um die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens als Bruch. „Meine ganze Existenz und mein Status waren auf einmal in der Schwebe“, sagt die 61-Jährige, die in der Lüneburger Heide aufgewachsen ist. Nie hat sie sich in all den Jahrzehnten einen britischen Pass zugelegt – warum auch? Es machte als Deutsche kaum einen Unterschied.

Doch seit dem Brexit-Votum bangen mehr als drei Millionen Menschen, die aus EU-Mitgliedstaaten auf die Insel gezogen sind – darunter rund 300 000 Deutsche – um ihre Zukunft. Wie viele genau hier leben, ist unklar. Großbritannien besitzt kein Meldesystem. Noch ist das Aufenthaltsrecht der Bürger eines EU-Staats gesichert. Aber was passiert, wenn Großbritannien die Scheidung von der Gemeinschaft vollzogen hat? Erhalten alle Einwanderer ein unbefristetes Bleiberecht? Werden nach dem Referendum zugezogene EU-Bürger ausgewiesen? Was geschieht beispielsweise mit jenen Frauen, die für ihre britischen Männer auf die Insel gezogen sind, sich aber stets um Familie und den Haushalt gekümmert haben und deshalb keine jahrelange Arbeit nachweisen können?

Die Unsicherheit ist groß. Und Premierministerin Theresa May will bislang keine Bleibegarantien aussprechen, sondern hat vielmehr in ihrer Grundsatzrede im Januar klargestellt, Brexit hieße, „dass wir die Zahl der Menschen kontrollieren können, die aus Europa nach Großbritannien kommen“. Um Druck auf die Regierung aufzubauen, haben sich im vergangenen Jahr mehrere Kontinentaleuropäer zusammengeschlossen und die Initiative „the3million“ gegründet, darunter auch die Deutsche Maike Bohn. Die 16 000 Unterstützer zählende Gruppe setzt sich für die Rechte der EU-Bürger im Königreich ein und hat für diesen Montag eine große Lobby-Aktion angekündigt. Bis zu 2000 Menschen wollen sich in Westminster mit Abgeordneten der jeweiligen Wahlbezirke treffen, um die Probleme und Sorgen zu erörtern. Die EU-Bürger möchten ihre Stimme und ihr Anliegen, nämlich ihre Rechte schnell und bald garantiert zu bekommen, im Parlament hörbar machen. „Es kann nicht sein, dass wir als Verhandlungskapital benutzt werden“, so die 49-jährige Bohn.

Doch darauf deutet vieles hin: Von verschiedenen Politikern hieß es, man würde sich nur für eine Bleibegarantie für EU-Ausländer einsetzen, wenn den in anderen EU-Staaten lebenden Briten dieselben Rechte gewährt würden. „Das ist völlig absurd“, sagt Bohn. „Die Briten haben beschlossen zu gehen, nun müssen sie auch den ersten Schritt machen.“ Dass wirklich Menschen ausgewiesen werden könnten, wie nun manche befürchten, denkt Bohn zwar nicht. „Aber die Sprache und der Umgangston verschlechtern sich auf allen Ebenen, und diesem Prozess müssen wir von Anfang an etwas entgegensetzen.“ Dabei ersetze nichts eine klare und rechtlich bindende Aussage der Politik.

Vor dem Referendum sind zahlreiche Austrittsbefürworter mit Anti-Migrations-Rhetorik auf Stimmenfang gegangen. Der Ton wurde von Woche zu Woche schärfer, und bis heute hat er sich nicht beruhigt. Fast täglich kreisen die Diskussionen in Westminster und in den Medien um das Reizthema Immigration. Die europaskeptische Boulevardpresse heizt die Stimmung weiter an und fordert in Kampagnenmanier, die Grenzen dicht zu machen. „Die Atmosphäre hat sich total polarisiert“, so Parasie. Der Bruch gehe sogar durch Familien. So hätten viele in der Verwandtschaft ihres Mannes für den Austritt gestimmt – keineswegs aus Ausländerfeindlichkeit, sondern mehr aus Naivität. „Aber es ist schwierig, das nicht als persönliche Ablehnung zu erleben.“

Wer sich durch die Foren im Internet liest, in denen sich kontinentaleuropäische Wahl-Briten austauschen, spürt Empörung. „Die Leute sind sehr gekränkt“, sagt auch Maike Bohn. Gudrun Parasie weiß zwar, dass es kaum möglich wäre, sie aus dem Land zu werfen. Zu verwurzelt ist sie auf der Insel. Und doch überwiegt der Stress in ihr. Kurz nach dem Brexit-Votum hat sie deshalb das 85-seitige Formular ausgefüllt und abgeschickt, mit dem sie eine dauerhafte Bleibeerlaubnis erwirken will. Erst dann ist es möglich, sich um die britische Staatsangehörigkeit zu bewerben. „Es reicht mir einfach nicht, dass ständig alle meinen: Alles wird gut.“ Das hieß es von EU-Freunden auch oft vor dem Referendum.

„Die Atmosphäre hat sich total polarisiert.“ Einwanderin Gudrun Parasie
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