Gastkommentar zur Bezahlung in der Pflege

Ein Ende der Lohnsteigerung ist nicht absehbar

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und steigt, aber es fehlen die Fachkräfte. Dabei werden in der Altenpflege trägerübergreifend anständige Gehälter gezahlt, meint Gastautor Rainer Brüderle.
17.07.2021, 16:45
Lesedauer: 2 Min
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Von Rainer Brüderle
Ein Ende der Lohnsteigerung ist nicht absehbar

Pflegefachkräfte werden gesucht, die Zahl der Pflegebedürftigen steigt.

Sina Schuldt/dpa

Es werden in der Pflege trägerübergreifend anständige Gehälter bezahlt. Die Löhne für Pflegefachkräfte liegen mit 3365 Euro höher als die Fachkraftlöhne in der Gesamtwirtschaft. Laut Statistischem Bundesamt legten die Löhne für Fachkräfte in Pflegeheimen in zehn Jahren um 39 Prozent zu – doppelt so stark wie über alle Branchen. Es gibt einen Branchenmindestlohn für ungelernte Hilfskräfte, der 20 Prozent höher liegt als der allgemeine gesetzliche Mindestlohn. Aber für die ungelernten Kräfte gilt: In den meisten Regionen arbeitet niemand mehr für Pflegemindestlohn. Altenpflegekräfte sind knapp, sie können heute ihren Preis selbst bestimmen. Die in den vergangenen fünf Jahren zusätzlich geschaffenen 100.000 Jobs haben den Lohnanstieg nicht ausgebremst. Der Markt wirkt. Die Pflege ist ein attraktiver und sicherer Beruf. Ein Ende der Lohnsteigerung ist nicht absehbar.

Ein Arbeitgeber in der Altenpflege hat kein Interesse daran, seine Beschäftigten schlecht zu bezahlen. Im Gegenteil, je besser die Löhne sind, desto eher findet er Mitarbeitende und verschafft sich einen Wettbewerbsvorteil. Die Herausforderungen liegen woanders. Es fehlen die Fachkräfte, obwohl die Altenpflege von Jahr zu Jahr Rekordausbildungszahlen aufweist. Das hat mit den Leistungsausweitungen der Pflegeversicherung und mit der demografischen Entwicklung zu tun. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und steigt. Deutlich stärker als die nachrückenden Jahrgänge. Da müsste auch die Politik längerfristig ansetzen, aber das bringt kurzfristig keine Wählerstimmen.

Das „Problem Altenpflege“ wollten Jens Spahn und Hubertus Heil vielmehr in einem Wahlversprechen-Überbietungswettbewerb noch vor der Bundestagswahl abgeräumt haben. Der eine (Heil) versprach Beschäftigten in der Altenpflege 300 Euro mehr und der andere (Spahn), der es bezahlen muss, versprach, Mehrbelastungen gäbe es für die schon jetzt finanziell schwer belasteten Pflegebedürftigen nicht. Beide Versprechen werden nicht haltbar sein. Eine solide Finanzierung ihres Reförmchens fehlt nämlich.

Die Tarifverpflichtung für alle Unternehmen erinnert an zentralwirtschaftliche Vorgaben und nicht an sozialpartnerschaftliche Tariffreiheit und Tarifautonomie. Das ist staatsgläubiger Populismus. Tarifverträge lösen die Probleme der Altenpflege nicht. Im Gegenteil: Sie schaffen neue. Durch Refinanzierungsmodalitäten rauben sie den Betrieben die Luft zum Atmen und können sogar Lohnsteigerungen ausbremsen.

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