Muslime gegen Rechtfertigungsdruck

In einem Klima des Misstrauens

Eigentlich ist Daniel Abdin ein umgänglicher Mensch. Als der Vorsitzende des Rats der islamischen Gemeinden in Hamburg – Schura – sich wieder zu den jüngsten Anschlägen äußern soll, platzt ihm der Kragen.
14.08.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Markus Klemm
In einem Klima des Misstrauens

Imame beten mit Gemeindemitgliedern. In zahlreichen Moscheen haben Muslime Hass und Terror im Namen des Islam verurteilt. Mit dem Islam, so beteuern sie immer wieder, hätten die jüngsten Anschläge nichts zu tun.

dpa

Eigentlich ist Daniel Abdin ein umgänglicher Mensch. Als der Vorsitzende des Rats der islamischen Gemeinden in Hamburg – Schura – sich wieder zu den jüngsten Anschlägen äußern soll, platzt ihm der Kragen.

„Ich bin es leid, mich immer rechtfertigen zu müssen, wenn irgendein Idiot auf der Welt bestialisch Menschen ermordet.“ Das seien Kriminelle, mehr nicht. Natürlich seien die Taten von München, Würzburg und Ansbach eine Katastrophe. Aber dennoch, sagt Abdin in einem Tonfall, als hätte er diesen Satz schon mindestens hundert Mal von sich gegeben: „Die haben mit dem Islam nichts zu tun.“

Rechtspopulisten bezweifeln das schon lange. Aber auch bei anderen wächst die Verunsicherung, zumal sowohl der Attentäter von Ansbach als auch jener von Würzburg Muslime waren – und obendrein noch Flüchtlinge. Da kann Kanzlerin Angela Merkel (CDU) noch so oft darauf hinweisen, dass Deutschland im Krieg gegen die Terrororganisation Daesch, keinesfalls jedoch im Kampf gegen den Islam sei. Die Feindlichkeit gegenüber Muslimen und vor allem Asylbewerbern steigt, wie eine Studie der Universität Bielefeldt zeigt – und zwar unabhängig von den jüngsten Anschlägen, da die Daten für die Untersuchung davor erhoben wurden.

Mit mühevoller Kleinarbiet versucht dem Raum W+ürde abzutrotzen

Abdin steht bei seinem Ausbruch in einer heruntergekommenen Tiefgarage unweit des Hauptbahnhofs im Hamburger Stadtteil Sankt Georg. Der unwirtliche Ort zieht seit mehr als 20 Jahren jeden Tag viele Gläubige an. Schließlich ist eines der beiden Parkdecks Gebetsraum der sunnitisch arabischen Al-Nour Moschee, die der gebürtige Jordanier Abdin ebenfalls leitet.

Aus fast aller Herren Länder stammen sie, die dort beten, Imam Samir El-Rajab zuhören oder schlicht Gleichgesinnte auf ein Gespräch treffen. In mühevoller Kleinarbeit haben Ehrenamtliche über die Jahre versucht, dem Raum Würde abzutrotzen, haben den Betonboden mit Teppichen ausgelegt, die Wände gestrichen, teils holzvertäfelt und Vorhänge aufgehängt – was aber trotz der Mühen nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der Gebetsraum der auf arabisch „das Licht“ heißenden Moschee ursprünglich für das Abstellen von Autos gedacht war. „Im Sommer ist es wirklich stickig. Trotz der vielen Ventilatoren bekommt man kaum Luft. Und im Winter ist es sehr kalt“, sagt Abdin.

Hunderten Flüchtlingen war das im vergangenen Jahr egal. Sie waren froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und etwas zu essen zu bekommen. Bis zu 400 von der Flucht erschöpfte Frauen, Männer und Kinder nahm die islamische Gemeinde zu Hochzeiten der Flüchtlingsbewegung täglich auf. Die meisten waren nur auf der Durchreise, blieben nur eine Nacht. Sie wollten rasch weiter nach Skandinavien. Allein sie zu betreuen, brachte die Gemeinde finanziell und auch personell an den Rand des Ruins, wie Abdin sagt.

Doch damit nicht genug: Seit in Hamburg tausende Flüchtlinge – bis zu 80 Prozent Muslime – teils dauerhaft leben, sei die Zahl der zum Freitagsgebet kommenden Gläubigen von 600 auf 2500 gestiegen, was nur noch durch „Beten im Schichtdienst“ bewältigt werden könne. Gedankt wird die Flüchtlingsbetreuung dennoch kaum. Natürlich zollen Kirchen, Behörden und Institutionen, die sich mit Flüchtlingen beschäftigen, Respekt für das Engagement und helfen auch mal mit Zuschüssen, sagt Abdin. Doch abseits davon erinnern sich im Zusammenhang mit der Al-Nour Moschee etliche eher an den 8. Oktober 2014, als Kurden und mutmaßliche Salafisten unweit der Tiefgarage mit Steinen, Flaschen und sogar Macheten aufeinander losgingen und etwa 30 teils bewaffnete Salafisten in den Gebetsraum eindrangen.

Viel zu nützen scheint Bekenntnis nicht

In Hamburg gibt es 50 bis 60 Moscheen, 36 von ihnen sind in der Schura organisiert, rund ein Dutzend in der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib). Sieben Gemeinden sind dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) verbunden. Sie alle haben 2012 mit der Alevitischen Gemeinde und der Hansestadt Hamburg einen Staatsvertrag unterzeichnet, in dem sich alle zu den gemeinsamen Werten der grundgesetzlichen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland bekennen. Insbesondere zählt dazu die Unantast­barkeit der Menschenwürde und die Toleranz gegenüber anderen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen sowie die freiheitliche, rechtsstaatliche und demokratische Verfassung des Gemeinwesens.

Besonders viel zu nützen scheint das Bekenntnis jedoch nicht. „Die Arbeit muslimischer Gemeinden in der Flüchtlingshilfe wird von der Gesellschaft mit äußerstem Misstrauen beobachtet“, sagt der Migrationsforscher Professor Werner Schiffauer von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Stets schwinge die Angst vor Missionierung und Radikalisierung mit. Für Birte Weiß, Vorstand im Antidiskriminierungsverband Deutschland, hängt das nicht nur mit Verunsicherung zusammen. Oft seien es schlicht Ressentiments, etwa „muslimisch, männlich gleich aggressiv“.

„Der antimuslimische Rassismus im Alltag wächst“, ist Weiß überzeugt. So würden etwa Schüler wiederholt aufgefordert, zu Daesch Stellung zu beziehen, „weil sie sich ja auskennen als Muslime“. Zum gleichen ­Ergebnis kommt der Konflikt- und Gewaltforscher Professor Andreas Zick von der Universität Bielefeld in seinen Studien. So befürworteten bei einer Befragung zum Jahreswechsel 2015/2016 inzwischen 33,5 Prozent die These, dass islamische Terroristen bei Muslimen starken Rückhalt fänden.

Doch nicht nur die Bevölkerung, auch staatliche Stellen täten ihr Übriges, um den Islam zu diskreditieren, ist Professor Schiffauer überzeugt. So benehme sich der Verfassungsschutz teils wie der „Elefant im Porzellanladen“, wenn er undifferenziert Gemeinden in seinen Berichten islamistischer Tendenzen beschuldige. Dabei hätten diese großes Interesse daran, einer Radikalisierung in die Gewalttätigkeit entgegenzutreten. Sie seien schließlich doppelt gestraft. „Sie sind als Opfer geschädigt, weil die Attentate unterschiedslos alle treffen, und sie sind allgemein geschädigt, weil deren Zukunft durch jedes Attentat in Frage gestellt wird.“

Nun hat gerade der Hamburger Verfassungsschutz ein besonderes Verhältnis zum islamistischen Terrorismus. Schließlich hatte er 2001 nicht mitbekommen, dass sich etliche der Attentäter vom 11. September in der Hansestadt auf die Anschläge in den USA mit fast 3000 Toten vorbereitet hatten. Dass er nun deshalb aber wahllos alles beobachte, weist Verfassungsschutzsprecher Marco Haase weit von sich. „Der Islam als Religion interessiert uns als Verfassungsschützer nicht. Uns interessieren allein islamistische, dschihadistische Bestrebungen.“ Und dabei wurde man auch fündig. So stieg die Zahl der Salafisten in Hamburg von 2013 bis jetzt von 240 auf knapp 600. Die Zahl der Unterstützer des Dschihad erhöhte sich von 70 auf 305. Sammelpunkt der Salafisten sei dabei die Taqwa-Moschee in Harburg. Hinzu kämen rund 120 Anhänger der Hizb ut-Tahrir, die gezielt Kontakt zu Flüchtlingen aufnähmen.

Brückenkopf des iranischen Regimes in Hamburg

Unter ­Beobachtung stehe auch die zur Schura gehörenden schiitische Imam Ali-Moschee an der Außenalster – Hamburgs ältestes und bekanntestes islamisches Gotteshaus. Deren Mitglieder seien zwar nicht ge­walt­bereit, die Gemeinde sei aber Brückenkopf des iranischen Regimes in Deutschland und Europa, sagt Haase vom Verfassungsschutz.

Für Abdin hat Radikalisierung viele Gründe, nur keine theologischen. „Die machen einen Crashkurs bei Pierre Vogel und Co.“ Abdin nennt das einen „religiösen Missbrauch“ durch Leute, die „gestern“ noch Kleinkriminelle gewesen seien. André Taubert von der Beratungsstelle „Legato - Fachstelle für religiös begründete Radikalisierungen“ sieht das nicht ganz so ausschließlich. Es gebe durchaus religiöse Gründe für eine Radikalisierung, allerdings selten. Hauptindiz für das Abgleiten von Jugendlichen in die salafistische Szene sei vor allem ein „sichtbarer Isolationsprozess“ nach persönlichen Krisen. Mit noch mehr Sicherheitsbehörden könne man dem jedoch nicht begegnen – was auch Haase so sieht: „Je mehr Sozialarbeiter wir haben, desto weniger hat der Verfassungsschutz zu tun.“

Daesch Der WESER-KURIER verwendet den Begriff „Islamischer Staat“ nicht, weil diese Terrorgruppe weder religiös motiviert noch ein Staat ist. Wir sprechen wie ihre Gegner von Daesch.
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+