Kommentar zur Europawahl In jeder Krise liegen auch viele Chancen

Wer in einer Diktatur aufgewachsen ist, schätzt die EU trotz aller möglichen Fehler als eine großartige, ja eine in der Geschichte einmalige Errungenschaft, meint unsere Gastautorin Zsuzsa Breier.
29.04.2019, 15:42
Lesedauer: 2 Min
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Von Zsusza Breier

Als leidenschaftliche Europäerin, geboren und aufgewachsen hinter dem Eisernen Vorhang, in einer kommunistischen Diktatur, mit der ewigen Sehnsucht nach Freiheit und mit dem damals noch als unerfüllbar geltenden Wunsch, zu Europa, also zur EU gehören zu dürfen, zu der Welt der „Normalität“, wie wir die westliche liberale Welt nannten im Gegensatz zu all den Abnormalitäten der Diktatur, bleibe ich trotz aller möglichen Fehler und Fehlentwicklungen der Europäischen Union dabei, dass sie eine großartige, ja eine in der Geschichte einmalige Errungenschaft ist.

Hart errungen hat sie der Westen nach dem Krieg, denn die friedliche und freundliche Zusammenarbeit der Europäer in einer liberalen, weltoffenen, toleranten und vorurteilsfreien Demokratie zählte während der Kriegsjahre und des Holocaust keinesfalls zu den realistischen Szenarien. Und hart errungen wurde sie dann nochmals von den Osteuropäern am Ende des Kalten Krieges, denn auch dort gehörte es erst heute vor 30 Jahren schlicht zu dem Reich des
Unmöglichen, sich jemals aus den Fängen der sowjet-kommunistischen Diktatur befreien zu können.

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Deshalb finde ich es leichtfertig, dass wir Europäer bei jeder Krise sofort den Katastrophenzustand ausrufen, als würden all diese Krisen – sei es die Verfassungs-, Währungs-, Staatsschulden-, Migrations-, Vertrauenskrise – gleich das Ende der Europäischen Union wären. Als ob Krisen nicht zum Leben gehörten – denn wo bitte gibt es ein Menschenleben ganz ohne Krise? Eine Epoche ohne Krisen?


Auch angesichts des Brexits sollten wir Europäer eine Lektion beherzigen: Krisen sind nicht dafür da, um eine Katastrophe heraufzubeschwören, wie das gegenwärtig all die EU-Gegner tun. Denn sehr wohl können wir Schwarzmalern, Verschwörungstheoretikern und den als EU-Kritik verkleideten Haßbotschaften etwas entgegensetzen: eine Rückkehr zur Realität mit Blick auf die Geschichte. Denn je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen können, wusste schon Churchill.

Und sind wir in der Lage, Krisen und Fehlentwicklungen nicht zu leugnen, sondern als Zeichen für einen nötigen Wandel zu sehen und Kraft daraus für Reformen zu schöpfen, dann haben wir schon viel gewonnen. Was wir nämlich aus unseren Krisen machen können, sagt das Motto des vorhin zitierten Briten: „Never wast a good crisis“. Als jemand, der aus einer Diktatur den Weg in die Freiheit gehen konnte, bin ich überzeugt, dass unsere freie, demokratische europäische Rechtsordnung aus der gegenwärtigen Krise stärker hervorgehen kann.

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Zur Person

Unsere Gastautorin

ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, ehemalige Europa-Staatssekretärin und Spitzenkandidatin der FDP Bremen.

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