Polizei fahndet nach Topterrorist Indonesien: Einfluss der Islamisten wächst

Bereits im Dezember, drei Wochen vor dem Anschlag am Donnerstagmorgen, erhöhte die indonesische Regierung die Terrorwarnstufe. In dem größten islamischen Land der Welt nehmen die religiösen Spannungen zu.
15.01.2016, 00:00
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Von Adrian Lobe

Bereits im Dezember, drei Wochen vor dem Anschlag am Donnerstagmorgen, erhöhte die indonesische Regierung die Terrorwarnstufe. In dem größten islamischen Land der Welt nehmen die religiösen Spannungen zu.

Der Ruf des Muezzins durchschneidet die schwüle Tropenluft, die prächtige Kuppel der Großen Moschee leuchtet im Abendrot. Auf einer Hauptstraße findet eine Hochzeit statt. Ein ganzes Dorf ist gekommen. Frauen sind in bunte Batiktücher gehüllt, Männer spielen traditionelle Gamelan-Musik, das Brautpaar marschiert unter goldenen Regenschirmen vorweg. An der feierlichen Prozession hat sich seit Jahrhunderten nichts geändert. Auf der kleinen Insel Lombok östlich von Bali koexistieren die Religionen friedlich. Hindu-Tempel stehen gegenüber Moscheen, chinesische neben christlichen Friedhöfen.

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Doch über die Weihnachtsfeiertage und zum Jahreswechsel erhöhte die Regierung die Terrorwarnstufe. Der zuständige Minister für Sicherheitsfragen sagte, die Behörden hätten detaillierte Hinweise auf die Möglichkeit eines Terroranschlags erhalten. Die amerikanische Botschaft in Jakarta gab eine „Notfallmeldung“ für US-Bürger heraus, die sich an den Touristenstränden von Lombok aufhielten.

2000 Spezialkräfte fahnden nach Terror-Anführer

Im palmenumsäumten Feriengebiet am Senggigi Beach war von der Aufregung allerdings nicht viel zu spüren. Das Personal trug Weihnachtsmützen, die ausländischen Gäste genossen Steaks und Wein beim Sonnenuntergang, der die Lombokstraße in ein dunkelrotes Licht tauchte. Doch Touristen geraten verstärkt ins Visier von Terroristen. 2002 starben bei einem Bombenattentat auf einen Nachtclub auf Bali mehr als 200 Menschen. Und nun der verheerende Anschlag auf ein Einkaufszentrum in Jakarta.

Vor einigen Tagen spielte sich im Dschungel der Insel Sulawesi ein wahrer Krimi ab: 2000 Spezialkräfte schlugen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Schneisen in den Urwald und versuchten den Anführer der Terrorgruppe „East Indonesia Mujahideen“ (MIT), Abu Wardah – besser bekannt als Santoso – aufzuspüren. Dieser hat sich in dem unwägbaren Terrain mit seinen Unterstützern verschanzt.

Seit Jahren fahndet die Polizei nach dem Topterroristen, der seine Solidarität mit Daesch bekundet hat und in Propagandavideos mit dem heiligen Krieg droht. Der Dschihadist steht im Verdacht, mehrere Bombenanschläge auf Polizisten verübt und Terroristen rekrutiert zu haben, die mit falschen Pässen ins Land eingereist sind. Bei der Operation wurden zwei Polizisten und ein Armeeoffizier getötet. Von Santoso aber fehlt weiter jede Spur.

Präsident Widodo hat es zur Chefsache erklärt, den meistgesuchten Mann des Landes zu fassen. Die Regierung befürchtet, dass sich in der unzugänglichen Bergregion Sulawesis neue Terrorzellen bilden könnten, die das Land mit weiteren Anschlägen überziehen. Auf der Insel wurden bereits Trainingscamps von Al-Kaida gesichtet. Der australische Generalstaatsanwalt George Brandis warnte unlängst, Daesch könnte in Indonesien ein „entferntes Kalifat“ errichten. Nach Informationen von Sicherheitskreisen hat die Terrormiliz mehr als 1000 Sympathisanten. Die Sicherheitsbehörden registrierten zwischen 100 und 300 Syrien-Rückkehrer in Indonesien.

Gut zwei Stunden braucht der Airbus von Lombok bis in die Hauptstadt Jakarta. Es ist ein atemberaubender Flug über dichten Dschungel und Vulkane. Am Flughafen Soekarno-Hatta klatscht einem die Tropenhitze ins Gesicht. Eine endlose Blechlawine zieht sich in die City, deren Silhouette im Smog nur schemenhaft zu erahnen ist. Rahmat, ein Muslim, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, fährt mit seinem Toyota Corona durch den Stadtverkehr. Die Fahrt über mehrstöckige Autobahnen führt vorbei an Wellblechhütten und Warungs, kleinen Schnellrestaurants. In seinem abgedunkelten Wagen hat sich Rahmat – kräftiger Körper, dunkle Sonnenbrille – eine Spezialhupe einbauen lassen, die wie die Sirene eines Krankenwagens klingt und mit der er sich den Weg freihupt.

Islamismus gedeiht in Armenvierteln

Normalerweise dürfte man das nicht, doch Rahmat ist Mitglied einer Militärvereinigung, und das Militär ist noch immer der wichtigste Akteur in Indonesien. Eine Art Staat im Staate. „Ohne das Militär würde das Land auseinanderfallen“, ist sich Rahmat sicher. Rund 500 Ethnien und ebenso viele Dialekte und Sprachen gibt es in dem Reich mit seinen mehr als 17 500 Inseln – sie alle haben unterschiedliche Traditionen und Kulturen. In Jakarta zeigt sich diese Vielfalt wie unter einem Brennglas. Junge Damen in Minirock und Schlangenledersandalen warten neben vollverschleierten Frauen an Bushaltestellen, Frauen in traditioneller Kleidung und Bambuskörben laufen neben Geschäftsleuten, die auf ihrem Smartphone tippen.

Wenn Tradition und Moderne mit voller Wucht aufeinanderprallen, schlägt es zuweilen Funken. 2009 wurden bei Bombenanschlägen auf zwei Luxushotels in der indonesischen Hauptstadt neun Menschen getötet. Dahinter steckte die mit Al-Kaida verbündete Terrorgruppe Jemaah Islamiyah. Der westliche Lebensstil ist den religiösen Eiferern ein Dorn im Auge. In den Vororten Jakartas, wo die Menschen in ärmlichen Bambusverschlägen hausen und ihre Wäsche in den dreckigen Nebenarmen des Ciliwung-Flusses waschen, fällt die Saat des Islamismus auf fruchtbaren Boden. Im Dezember war bei einer Razzia Sprengstoff entdeckt worden. Mehrere Terrorverdächtige wurden verhaftet.

In der imposanten Istiqlal-Moschee lungern Gläubige auf dem Gebetsteppich herum, halten ein Nickerchen oder surfen auf ihren Tablets. Der Beobachter fragt sich dabei schon, was das für eine Religion ist, die das Internetsurfen in einem Gotteshaus toleriert, aber liebkosende Paare in der autonomen Provinz Banda Aceh im Norden Sumatras, wo die Scharia gilt, mit Peitschenhieben bestraft.

Im größten islamischen Land der Welt toben Richtungskämpfe zwischen moderaten und radikalen Kräften. Die Nahdlatul Ulama, die mit 50 Millionen Mitgliedern größte islamische Organisation Indonesiens, versucht mit dem Konzept des Islam Nusantara, einer nationalen, liberalen Spielart des Islam, dem rigiden Wahhabismus etwas entgegenzusetzen. Das Konzept ist jedoch umstritten, weil es als antiarabisch und sektiererisch gilt. Für die Mehrheit der Muslime gibt es nur den einen Islam.

Experten beobachten Islamisierung

Die Erzkonservativen im Staate gewinnen zunehmend die Oberhand. Das Finale der Miss-World-Wahl musste 2013 auf die hinduistisch geprägte Urlaubsinsel Bali verlegt werden, weil islamistische Hardliner protestierten. Im vergangenen Jahr wurden alkoholische Getränke aus den Supermarktregalen verbannt – offiziell aus Jugend- und Verbraucherschutzgründen. Experten sehen darin eine schleichende Islamisierung und Abkehr des Landes von einer säkularen Demokratie. Präsident Jokowi und seine Partei PDI-P befinden sich in einer Koalitionsregierung mit der Islamic National Awakening Party (PKB) – der Druck religiöser Gruppen nimmt zu. Das lokal gebraute Bintang-Bier wird indes nur noch in lizenzierten Restaurants oder Hotels ausgeschenkt – für umgerechnet drei Euro die halbe Literflasche, was für indonesische Verhältnisse viel Geld ist.

Der Durchschnittslohn beträgt umgerechnet 100 Dollar im Monat. Entsprechend blüht der Schwarzmarkt. In den dunklen Gassen Jakartas, im Rotlichtviertel Hayam Wuruk, gehen die Bintang-Flaschen unter der Ladentheke weg, in Kartons werden sie aus Hinterhöfen hervorgeholt und in schwarze Plastiktüten verpackt – eine Situation, die stark an Algerien oder Tunesien erinnert.

Rahmat schert sich um derlei Verbote wenig. Abends in der Skybar des Nobelhotels „Santika Premiere“ im 22. Stock. Auf dem Tisch stehen mehrere Bintang-Flaschen, die Skyline ist hell erleuchtet. „Die indonesische Gesellschaft ist sehr tolerant“, sagt Rahmat und zieht genüsslich an seiner Zigarette. Aber wie viel Toleranz zeigt der Staat im Umgang mit radikalisierten Gruppen? Der wachsende Islamismus wird zum Prüfstein für die drittgrößte Demokratie der Welt.

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