Neue Spuren der RAF Alte Ängste werden wach

Es ist wie ein Schatten aus düsterer Vergangenheit. Fast zwei Jahrzehnte nach der Auflösung der linksterroristischen Roten Armee Fraktion gibt es wieder bedrohliche Nachrichten.
19.01.2016, 21:15
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Alte Ängste werden wach
Von Markus Decker

Es ist wie ein Schatten aus düsterer Vergangenheit. Fast zwei Jahrzehnte nach der Auflösung der linksterroristischen Roten Armee Fraktion gibt es wieder bedrohliche Nachrichten. Es geht um Überfälle des mutmaßlichen RAF-Trios Daniela Klette (57), Ernst-Volker Staub (61) und Burkhard Garweg (47) auf Geldtransporter bei Bremen und in Wolfsburg in den letzten Monaten. Muss das als Hinweis auf neue terroristische Aktivitäten gewertet werden? Oder sind da nur drei Kriminelle nach vielen Jahren im Untergrund in Geldnot geraten?

Schnell werden alte Ängste wach. Mehr als 30 Menschen starben zwischen 1972 und 1993 bei Anschlägen der RAF. Stefan Aust, Autor des Standardwerks „Der Baader-Meinhof-Komplex“, sagte dazu: „Es war ein zentraler Angriff auf das moralische und sicherheitspolitische Selbstbewusstsein dieses Landes.“ 1998 gab die RAF ihre Auflösung bekannt. 18 Jahre später werden DNA-Spuren von drei Schlüsselfiguren der sogenannten dritten Generation der RAF bei den zwei Überfällen in Norddeutschland gefunden.

Dilettantisches Vorgehen

Die Schilderung des Tathergangs bei Bremen lässt zunächst ein eher dilettantisches Vorgehen der Kriminellen vermuten. Die Täter waren maskiert. Auf der Bekleidung zumindest eines der Täter stand auf dem Rücken ,POIZEI’ (Polizei ohne L). Allerdings sind die drei Untergetauchten und mutmaßlichen Angreifer alles andere als Amateure. Sie sollen nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft 1993 als Kommando „Katharina Hammerschmidt“ einen Sprengstoffanschlag auf die im Bau befindliche Justizvollzugsanstalt im hessischen Weiterstadt verübt haben. Gesamtschaden: 123 Millionen D-Mark. Das war fünf Jahre bevor die RAF 1998 offiziell ihre Auflösung bekannt gab. 1999 dann soll das Trio einen Geldtransport in Duisburg-Rheinhausen überfallen haben. Die Beute: rund eine Million D-Mark.

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Auf das Konto der dritten RAF-Generation gingen Mitte der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre zahlreiche Morde, die bis heute ungeklärt sind: an dem MTU-Vorstandschef Ernst Zimmermann (1985), dem Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und seinem Fahrer Eckhart Groppler (1986), dem Bonner Spitzendiplomaten Gerold von Braunmühl (1986), Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen (1989) und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder (1991). Nur wenige Gesichter der dritten Generation sind bekannt. Als Anführer dieser Generation gelten Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams. Letzterer wurde 1993 auf dem Bahnhof der mecklenburgischen Stadt Bad Kleinen bei dem Versuch, ihn zu verhaften, erschossen. Hogefeld wurde festgenommen, verurteilt und kam schließlich 2011 frei. Klette und Staub hatten zu beiden Kontakt.

Wo blieben die Terroristen?

Die dritte Generation gilt als militärisch gut ausgebildet und technisch versiert. Trotzdem verkündete die RAF am 20. April 1998 das Ende ihres Projektes Stadtguerilla. Wer sich noch dazu rechnete, tauchte unter. Doch wo blieben die Ex-RAF-Leute in diesen fast 20 Jahren? Haben sie das Land verlassen? Wovon leben sie?

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Mehr oder weniger ernst zu nehmende Hinweise auf eine Wiederkehr des Linksterrorismus in Deutschland hat es immer wieder gegeben. Schon 2001 gab es Berichte, wonach RAF-Aktivisten die Logistik der alten Roten Armee Fraktion nutzten, vor allem unentdeckte Waffendepots. Zu der neuen Gruppe, so berichtete damals der „Spiegel“, gehörten auch Daniela Klette und Ernst Volker Staub, also zwei der drei 14 Jahre später wieder aufgetauchten RAF-Veteranen. Schon damals war von einer „vierten Generation der RAF“ die Rede. Aber die Befürchtungen einer neuen Welle des Linksterrorismus bestätigten sich nicht.

Im November 2015 berichtete dann die „Ostthüringer Zeitung“ von einer anonymen Gruppe namens „RAF 4.0“, die insgesamt 40 Morde an zehn Richtern, zehn Staatsanwälten, zehn Polizisten und zehn Politikern angekündigt habe. Als Motiv wurde das Staatsversagen bei den Ermittlungen gegen die rechte NSU-Terrorzelle genannt. Schon hieß es in diversen Medien: „Die RAF ist wieder da.“ Immerhin wäre in der Reaktion auf den NSU-Terror und die Ermittlungsfehler ein plausibles Motiv erkennbar.

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Fachleute sind sich in der Bewertung der jüngsten Nachrichten noch uneins. Manche Terrorexperten halten Sorgen vor einer neuen Welle der politischen Gewalt von links für unbegründet. Sie gehen davon aus, dass es dem Trio in erster Linie um seine Altersvorsorge ging.

Das sieht der Sicherheitsexperte Wolfgang Petri anders. „Es geht nicht nur um die reine Geldversorgung. Die alte Idee lebt fort.“ Petri, der selbst 16 Jahre als Kriminalpolizist gearbeitet hat, verweist auf die brachiale Gewalt der Überfälle, die brutale Kommandoaktion: „Der modus operandi trägt eindeutig die Handschrift von Profis.“ Und er warnt: Angesichts des islamistischen Terrorismus sei der Staat „in einem sehr angeschlagenen Zustand“. Linke Terroristen könnten versuchen, dies auszunutzen – egal, ob man sie nun die dritte oder die vierte RAF-Generation nennt.

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