Bundestagswahl 2021

Reaktionen auf Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock

Annalena Baerbock führt die Grünen als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl, der Co-Vorsitzende Robert Habeck verzichtet auf diese Rolle. Die Entscheidung hat Gründe.
19.04.2021, 19:30
Lesedauer: 4 Min
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Von Hannes Koch
Reaktionen auf Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock

Kanzlerkandidatin der Grünen: Annalena Baerbock.

Kay Nietfeld / dpa

Die Bühne hatten die Grünen in einer alten Fabrik in Berlin-­Schöneberg aufgebaut, mit den notwendigen Scheinwerfern und den Kameras. Außer ein paar Technikern und Funktionärinnen war kaum jemand persönlich anwesend. Wegen Corona stellten die Journalisten ihre Fragen per Internet von zu Hause oder aus ihren Büros. Robert Habeck, schwarzes Hemd mit aufgerollten Ärmeln, schwarze Jeans, hatte eine paar Minuten Zeit, seine Vorstandskollegin und Mitbewerberin zu präsentieren. Während diese zufrieden lächelnd schräg hinter ihm wartete, kam Habeck schnell auf den Punkt: „Sie wird uns im Wahlkampf anführen.“ Dann trat Annalena Baerbock, blaues Kleid, rote Pumps, ans Mikrofon. Sie wird die Kanzlerkandidatin ihrer Partei, Herausforderin der Union.

Bei gleicher Qualifikation wird eine Bewerberin bevorzugt. Dieser Satz fand sich früher oft in Stellenanzeigen. Nun beschreibt er das Prinzip, nach dem die Grünen ihren Wahlkampf für den nächsten Bundestag ausrichten. Dass die Positionierung als Führungsfrau eine wichtige Rolle spielte, erwähnte Baer­bock während ihrer Vorstellungsrede am Montag in Berlin selbst. Ihre Kandidatur sei auch zu verstehen als Zeichen der „Emanzipation“.

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Die Verkündigung bei den Grünen war monatelang erwartet worden. Als gemeinsame Parteivorsitzende seit Anfang 2018 betonten Baerbock und Habeck immer, dass sie an einem Strang zögen und auch die Entscheidung über die Kandidatur, die nur eine Person übernehmen kann, freundschaftlich treffen wollten. Was sich im Hintergrund wirklich abgespielt hat, ist nicht bekannt. Tatsächlich führten die beiden ihre früher oft zerstrittene Partei harmonisch und als Team. Auch am Montag war kein Zerwürfnis zwischen Baerbock und Habeck zu erkennen.

Beide hätten die Entscheidung bereits vor Ostern in einem Gespräch getroffen, sagte Baerbock. Robert Habeck, 51 Jahre alt, ist in der Grünen-Führung bisher eher für die philosophische Welterklärung und den großen strategischen Bogen zuständig. Außerdem hat er als Vize-Ministerpräsident sowie ­Agrar- und Umweltminister von Schleswig-Holstein zwischen 2012 und 2017 Re­gierungserfahrung gesammelt. Manche ­Umfragen deuteten daraufhin, dass er als Spitzenkandidat mehr Wähler zu den Grünen holen könnte als Baerbock. Für die 40-jährige Parteivorsitzende hingegen, die aus der Nähe von Hannover kommt und in Potsdam lebt, sprechen die große Unter­stützung unter grünen Mitgliedern, Präzision, Durchsetzungsvermögen und Fachkenntnis.

Grünen-Vorstand macht Vorschlag für Kanzlerkandidatur

Die Verkündung: Der Co-Bundesvorsitzende Robert Habeck leitete die Bekanntgabe der Kanzlerkandidatur ein - dann übergab er an die Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock.

Foto: Kay Nietfeld/dpa

Unterm Strich waren die Unterschiede nicht so groß, dass es für die Grünen, die immer die Gleichberechtigung der Geschlechter gefordert haben, schlau gewesen wäre, den Mann nach vorne zu stellen. Damit hätte die Organisation eine Beschädigung ihrer Glaubwürdigkeit riskiert. Baerbock „vertritt uns Grüne als feministische Partei, die den Menschen zuhört und ihnen was zutraut“, sagte die Bremer Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther.

So gibt Robert Habeck sich denn mit der Position als Nummer zwei zufrieden. Am Montag betonte er, im Team mit Annalena Baerbock in den kommenden ­Monaten auf die Regierungsübernahme ­hinzuarbeiten.

Ihre bisher nicht vorhandene Verwaltungs- und Regierungserfahrung will die Kandidatin unter anderem durch „Entschlossenheit“ und „Lernfähigkeit“ wettmachen. „Annalena Baerbock ist die Beste“, sagte Oliver Krischer, grüner Fraktionsvize im Bundestag. „Sie hat einen klaren Kompass, ist authentisch, willensstark und kenntnisreich.“

Grünen-Vorstand macht Vorschlag für Kanzlerkandidatur

Haben sich bislang immer als Team verstanden: Annalena Baerbock und Robert Habeck.

Foto: Hendrik Schmidt/dpa

In Baerbocks Rede kam sehr oft das Wort „gemeinsam“ vor. Sie breitete die Arme aus, versprach „Transparenz“, „ein neues Verständnis von politischer Führung“ und formulierte ein Angebot an die Mehrheit der Gesellschaft. Zu ihrer Zukunftsvision gehören neben einem „Klimaschutz-Sofortprogramm“ eine „starke Daseinsvorsorge“, „voll digitalisierte Schulen“ und sehr gute Kindertagesstätten. Um das alles zu finanzieren, wollen die Grünen staatliche Investitionen aus der Schuldenbremse herausnehmen.

Ein Geheimnis der momentanen relativen Stärke und des Selbstvertrauens der Partei ist ihre innere Geschlossenheit. So ist es kaum vorstellbar, dass die Kandidatin beim kommenden Parteitag im Juni nicht auch die überwiegende Zustimmung der Delegierten erhält.

41 Jahre nach ihrer Gründung haben die Grünen intern wie extern ein neues Stadium erreicht. Der Anspruch die Kanzlerin zu stellen, ist nicht unrealistisch. Derzeit steht die Partei in den Umfragen bei gut 20 Prozent. Die Union erreicht zwar um die 30 Prozent, was eine Koalition unter Führung der Union ermöglichte. Sollte der Abstand bis zur Wahl im September schmelzen, wären weitere Konstellationen möglich, etwa eine Ampel unter Führung der Grünen mit SPD (derzeit bei 14 Prozent) und FDP (etwa neun Prozent).

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Selbst eine Regierung aus Grünen, SPD und Linken erscheint nicht völlig ausgeschlossen.
In ihrem ersten Jahrzehnt gefielen sich die Grünen überwiegend als linke und ökologische Kritiker des Kapitalismus und der umweltzerstörenden Wachstumswirtschaft. Doch schon 1985 traten sie erstmals in eine Landesregierung ein: Joschka Fischer wurde Umweltminister in Hessen.

Vor 23 Jahren, 1998, bildeten sie zusammen mit der SPD die Bundesregierung. Wie der sozialdemokratische Bundeskanzler Gerhard Schröder damals sagte, war aber klar, wer Koch (er selbst) und wer Kellner war (die viel kleineren Grünen). Mittlerweile ist die Öko-Partei jedoch ein Schwergewicht in der Mitte des Parteienspektrums. Die SPD haben die Grünen einstweilen hinter sich gelassen. Aus dieser Stellung im Zentrum ergibt die Notwendigkeit in alle Richtungen abdockfähig zu sein. So sagte Baerbock am Montag Sätze wie diesen: „In Deutschland steckt so viel, wir haben das Auto entwickelt und das Fahrrad.“

Solche fast schon patriotischen Formulierungen wären grünen Politikern früher niemals über die Lippen gekommen. Nun könnten sie eine magnetische Wirkung entfalten. „Da kann ich gerne von hier aus einen Glückwunsch der Kanzlerin aussprechen“, ließ Angela Merkel über ihre Sprecherin an die potenzielle Nachfolgerin ausrichten.

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