Verteidiger liest 53-seitige Aussage vor Beate Zschäpe stellt sich als Mitläuferin dar

Am 249. Verhandlungstag des NSU-Prozesses hat Beate Zschäpe erstmals ausgesagt. Sie fühle sich zwar moralisch mitschuldig, verliest ihr Anwalt, eine Beteiligung an den Taten streitet die Angeklagte allerdings ab.
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Von Wiebke Ramm

Der Tag beginnt hoffnungsvoll. Beate Zschäpe zeigt der Welt vor Gericht zum ersten Mal freiwillig ihr Gesicht. Zweieinhalb Jahre lang hat die Hauptangeklagte im NSU-Prozess nicht nur geschwiegen, zweieinhalb Jahre lang hat sie den Fotografen und Kameraleuten auch konsequent den Rücken zugewandt.

An diesem Morgen aber dreht sie sich nicht mehr weg. Es ist eine Geste, die an diesem 249. Verhandlungstag hoffen lässt. Darauf, dass die mutmaßliche Rechtsterroristin an diesem Mittwoch nicht bloß physisch eine Wendung um 180 Grad vollzieht. Wird sie den Opfern des NSU über ihren Anwalt Mathias Grasel endlich Antworten geben auf ihre vielen quälenden Fragen? Um es vorwegzunehmen: Nein, das tut sie nicht.

„Ich fühle mich moralisch mitschuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte“, trägt ihr Anwalt in ihrem Namen ganz am Ende vor. „Ich fühle mich moralisch mitschuldig, dass ich nicht in der Lage war, auf Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt entsprechend einzuwirken, unschuldige Menschen nicht zu verletzen und nicht zu töten. Ich hatte Angst davor, dass sich die beiden umbringen und dass ich mit ihnen meine Familie, allen voran Uwe Böhnhardt, verlieren würde.“ Es ist der Kern ihrer Aussage.

Zschäpe stellt sich in ihrer mit Spannung erwarteten Erklärung als Mitläuferin dar. Sie gibt an, quasi alles gewusst, aber nichts gewollt zu haben. Von den Morden habe sie immer erst hinterher erfahren. Sie sei entsetzt und fassungslos gewesen. Gegen die Raubüberfälle habe sie wenig Einwände gehabt, da sie sie als einzige Möglichkeit gesehen habe, Geld zu beschaffen.

Grasel liest etwa eineinhalb Stunden lang die 53-seitige Erklärung vor. Hermann Borchert, Zschäpes Wahlverteidiger, sitzt an diesem Tag erstmals mit im Saal. Frisch aus dem Urlaub, braun gebrannt und rechts neben Zschäpe. Er wird kein Wort sagen. Grasel trägt die Erklärung in „Ich“-Form vor. Immer, wenn er „ich“ sagt, meint er Zschäpe. Die Angeklagte ist blass, sie hält den Kopf gesenkt und liest die Worte, die ihr jüngster Verteidiger in ihrem Namen vorträgt, konzentriert mit. Zschäpes drei Altverteidiger, Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm, wirken immer fassungsloser, je länger Grasel liest. Sie wollten, dass Zschäpe schweigt. An diesem Tag ahnt man, warum sie das wollten.

Zschäpe ist gerade 23 Jahre alt geworden, als sie am 26. Januar 1998 zusammen mit Böhnhardt, 20, und Mundlos, 24, untertaucht. In einer von Zschäpe angemieteten Garage in Jena hat die Polizei eine Bombenwerkstatt entdeckt. Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos tauchen ab. Fast 14 Jahre lang leben die drei mutmaßlichen Terroristen nach Erkenntnis der Ermittlungsbehörden zusammen im Untergrund. „Taten statt Worte“ lautete die Parole ihres rassistischen Wahnsinns. Bei Zschäpe klingt das an diesem Tag alles sehr anders.

Im September 2000 beginnen Böhnhardt und Mundlos zu morden. Enver Simsek, ein Blumenhändler in Nürnberg, ist ihr erstes Opfer. Bis April 2006 werden die Neonazis acht weitere Männer türkischer und griechischer Herkunft sowie im April 2007 schließlich die Polizistin Michele Kiesewetter per Kopfschuss töten. Böhnhardt und Mundlos begehen außerdem noch 15 Raubüberfälle und mindestens zwei Sprengstoffanschläge, bei denen mehr als 20 Menschen zum Teil schwer verletzt werden.

Zschäpe sagt über ihren Anwalt nun, sie habe erst im Dezember 2000 von dem ersten Mord erfahren. Mundlos habe es ihr erzählt. „Ich war geschockt. Ich konnte nicht fassen, was die beiden gemacht hatten. Ich bin daraufhin regelrecht ausgeflippt.“ Sie hätte Mundlos „massive Vorwürfe“ gemacht und Böhnhardt zur Rede gestellt. „Auf meine Frage, warum sie einen Menschen getötet hatten, erhielt ich keine klare Antwort. Es wurden Argumente vorgetragen wie: Perspektivlosigkeit, Gefängnis und insgesamt bestehende Frustration.“ Zschäpe behauptet, bis heute „die wahren Motive der beiden“ nicht zu kennen.

Sie habe sich daraufhin stellen wollen. „Sie überraschten mich mit der Erklärung, dass sie sich in diesem Fall selbst töten wollten.“ Zschäpe sei also geblieben. Neun weitere Morde lang. Angeblich aus Angst vor ihrer eigenen Strafe und aus Angst um ihre Lebensgefährten. Die Stimmung sei fortan frostig gewesen. Das Weihnachtsfest sei ausgefallen, Silvester auch, und zu ihrem Geburtstag am 2. Januar 2001 hätten die Männer ihr nicht einmal gratuliert.

In dieser Art und in diesem Ton geht es immer weiter. Zschäpe habe nicht die Kraft gehabt, sich insbesondere von Böhnhardt zu trennen. Die Verbrechen hätten sie schockiert, doch die Liebe zu Böhnhardt sei stärker gewesen. So stellt Zschäpe es dar. Sie sei weder an den Vorbereitungen der Taten noch an deren Durchführung beteiligt gewesen. Dieser Satz kommt immer wieder. Immerhin stellt sie über Grasel fest: „Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Männern zusammenlebte, denen ein Menschenleben nichts wert war.“ Sie lässt erklären, „dass ich mich weiter zu Böhnhardt hingezogen fühlte, keine Chance auf die Rückkehr in das bürgerliche Leben sah und mich deshalb meinem Schicksal ergab“. Dann folgt der Satz: „Die beiden brauchten mich nicht, ich brauchte sie.“ Das Morden aber sei immer weitergegangen. Ihre Reaktion beschreibt Zschäpe so: „Ich war unglaublich enttäuscht, dass sie erneut gemordet hatten.“ Enttäuscht?

Vom Tod ihrer Lebensgefährten habe sie am 4. November 2011 aus dem Radio erfahren. Dort sei von einem brennenden Wohnmobil mit zwei Leichen die Rede gewesen. Sie habe sofort gewusst, dass es Böhnhardt und Mundlos waren. Dann habe sie nach einem abgesprochenen Plan gehandelt und die Wohnung in Brandt gesetzt.

Die Worte Rechtsextremismus, Neonazi, Rassismus, Antisemitismus fehlen in ihrer Erklärung. Stattdessen ist von „Aktionen“ und einem „politischen Gegenpol zu den Linken“ die Rede. Auch ihre Mitangeklagten Ralf Wohlleben, Carsten S. und Andre E. erwähnt sie mit keinem Wort.

Sie belastet vor allem Tino Brandt, Neonazi und langjähriger V-Mann des Verfassungsschutzes. Er habe die Neonazi-Szene in Thüringen radikalisiert. Durch ihn hätten sich ihre rechtsextremen Aktivitäten „drastisch“ verändert. Er sei der Geldgeber gewesen. Zschäpe: „Ich wünschte, dass Tino Brandt früher aufgeflogen, wir noch vor dem Untertauchen verhaftet und die vielen Straftaten nicht passiert wären.“ Brandt ist also Schuld?

Er könnte nun erneut als Zeuge geladen werden, auch ein weiterer Freund aus ihrer Vergangenheit, den sie belastet. Damit, dass der Prozess nach Zschäpes Aussage nun deutlich länger dauern wird, ist jedenfalls nicht zu rechnen.

„Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer der von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangenen Straftaten“, heißt es ganz am Schluss der Erklärung. Ismail Yozgat, der Vater des in Kassel ermordeten Halit Yozgat, will davon nichts hören. Vor dem Gerichtsgebäude sagt er: „Die Aussage von Frau Zschäpe ist eine große Lüge.“ Sie rede ihre Rolle klein. „Unser Schmerz wird immer größer.“ Weiter sagt er: „Da die Aussage eine Lüge ist, akzeptieren wir auch ihre Entschuldigung nicht.“

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