Debatte vor Abgeordnetenhauswahl

Berlin soll Experimentierfeld bleiben

Berlin hat jetzt ein neues Schloss, einen Flughafen und sogar Dax-Konzerne. Aber die Stadt wächst nicht mehr, Tourismus und Clubszene liegen seit Corona am Boden. „Berlin wird nie fertig“, heißt es. Oder doch?
19.09.2021, 19:37
Lesedauer: 3 Min
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Von Caroline Bock und Burkhard Fraune

Berlin braucht eine neue Story. Etwas, das die Leute aus aller Welt anzieht. Klar, Touristen interessieren sich für die Mauer und die bewegte Geschichte der Stadt. Aber Menschen, die früher nach Berlin zogen, fanden dort einen Abenteuerspielplatz mit Ruinencharme, mit sagenhaft günstigen Mieten. Das ist vorbei. Die Altbauten sind saniert, statt Kohleheizung und Toilette im Treppenhaus gibt es längst edle Einbauküchen und Bäder mit Regenwasserdusche. Vor der Abgeordnetenhauswahl am 26. September fragen sich viele in Berlin, wie es weiter geht mit der Stadt, was sie künftig noch ausmacht. Was kommt nach „arm, aber sexy“?

Wenn man den Unternehmer Ansgar Oberholz fragt, was das nächste große Ding werden muss, sagt er: Wohnraum und Stadtentwicklung. „Dass Berlin das geworden ist, was es ist, lag an den günstigen Mieten und den Freiräumen der Vergangenheit.“ Im Moment gehe alles destruktiv gegeneinander – „Verbote und Gebote, Mietendeckel und Enteignung, anstatt dass sich alle konstruktiv an einen Tisch setzen: Investoren, Bürger, Politik und die Verwaltung“.

Mehrere Dax-Konzerne ansässig

Jahrelang ist Berlins Wirtschaft stärker gewachsen als die gesamtdeutsche. Die größte Stadt hat heute wieder, was lange nicht mehr möglich erschien: Dax-Konzerne. Fünf dieser Börsenschwergewichte werden aus Berlin gesteuert. Einige waren vor ein paar Jahren noch Start-ups: Hello-Fresh, Zalando, Delivery Hero. Vor den Toren der Stadt wird sogar eine Autofabrik gebaut. Elektroautos von Tesla kommen bald auch aus Grünheide in Brandenburg.

Die SPD-Frau Franziska Giffey, politisch in Neukölln groß geworden und jetzt im Rennen um den Bürgermeistersessel, will wirtschaftlich München überholen. „Das wäre doch mal schön: eine Vision, die sagt, Berlin ist besser als Bayern.“ Nur die hohen Mieten will sie sich nicht abgucken.

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Berlin soll anders bleiben – und auch ein Experimentierfeld. So wird in der Stadt erprobt, wie Leben, Wohnen, Forschen und Arbeiten in neuen Stadtvierteln zusammengebracht werden können – auf dem früheren Flughafengelände in Tegel etwa und in Siemensstadt. Der Reiz des Unfertigen, er darf nicht verfliegen.

Das soll auch helfen, dass Berlin für Gründer in der digitalen Welt die erste Adresse in Deutschland bleibt. Allein im ersten Halbjahr sammelten Berliner Start-ups mehr als vier Milliarden Euro Kapital ein, wie die Beratungsgesellschaft EY ausgerechnet hat.

So optimistisch klingen nicht alle in Berlin: Als der Kreuzberger CDU-Bundestagskandidat Kevin Kratzsch neulich Gesundheitsminister Jens Spahn zu einer Runde mit der Clubszene lud, war die Stimmung bei einigen sehr gereizt. Fast anderthalb Jahre dauerte die Corona-Zwangspause, das Nachtleben kommt erst allmählich auf die Beine.

Ähnlich ist es beim Tourismus: Eine halbe Million Gäste, das ist die amtliche Zahl für den Ferienmonat Juli. Klingt viel und ist auch mehr als letztes Jahr. Aber vor Corona kamen doppelt so viele.

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Dabei gibt es noch immer viel zu entdecken in Berlin, das Humboldt-Forum etwa. So heißt das Ausstellungsgebäude, das außen aussieht wie das frühere Schloss der Hohenzollern. Und das auch am selben Platz steht. Lange hatte man dort den Palast der Republik der DDR verfallen lassen. Noch so ein Ort, wo Ruinen verschwunden sind und Berlin gediegener wurde, vielleicht auch gesetzter.

Die Berliner wetteifern um den Raum in der Stadt. Soll das Land große Wohnungsunternehmen enteignen? Eine Frage, die die Wähler in einem Volksentscheid beantworten sollen.

Autos sollen zurückgedrängt werden

Nicht nur auf dem Immobilienmarkt ist es enger geworden, auch auf der Straße. Seit drei Jahren schreibt ein Gesetz vor, Busse, Bahnen und Radverkehr auszubauen, auch den Fußverkehr, wie später ergänzt wurde. Autos sollen zurückgedrängt werden, doch das Thema wird zur Glaubensfrage. Als es kürzlich konkret werden sollte, zerschellte das Vorhaben im Wahlkampf zwischen den Noch-Koalitionspartnern SPD, Grüne und Linke. Berlin bestehe nicht nur aus der Innenstadt, heißt es von den Skeptikern. Viele seien aufs Auto angewiesen.

Immerhin: Es gibt ein paar zusätzliche Radwege, manche auch in Grün. Und die Vorzeigestraße Unter den Linden verändert ihr Gesicht: weniger Autos, mehr Platz für Radfahrer und Busse. Eine Volksinitiative geht noch weiter: Im Jahr höchstens zwölf Autofahrten pro Kopf, dafür sammelt sie Unterschriften.

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