Satiriker möchte an die Spitze

Böhmermann ist jetzt SPD-Genosse - und spricht von Vorsitzkandidatur

Ist das Spaß oder Ernst? Der Satiriker Jan Böhmermann will es unverdrossen an die Spitze der SPD schaffen. Jemand Unerwartetes findet seinen Umgang mit der Partei überhaupt nicht lustig.
03.10.2019, 13:00
Lesedauer: 4 Min
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Eigentlich schien alles klar. Die SPD sucht derzeit in einem aufwendigen Verfahren eine neue Parteispitze - und der Fernseh-Satiriker Jan Böhmermann ist nicht unter den Kandidaten. Erfolglos hatte er vor einem Monat versucht, als Vorsitzbewerber zugelassen zu werden, doch er war kein Parteimitglied. Nun aber ist er doch noch in die Traditionspartei aufgenommen worden - und kündigt prompt erneut an, Vorsitzender werden zu wollen.

Geht das überhaupt? Die Partei ist derzeit mit ihrem aufwendigen Casting beschäftigt. Sieben Kandidatenduos haben sich rechtzeitig angemeldet und reisen nun quer durch die Bundesrepublik, um sich den Mitgliedern vorzustellen. Die sollen dann entscheiden, und im Dezember soll ein Parteitag die neue Spitze bestätigen. In dieses geordnete Verfahren kommt Böhmermann also nicht mehr hinein.

Ein Kreisverband aus Sachsen-Anhalt machte den Parteieintritt des Moderators der ZDF-Neo-Sendung „Neo Magazin Royale“ am Dienstagabend möglich. Und auf Twitter kündigte der 38-Jährige, der auch durch seinen Podcast „Fest & Flauschig“ mit dem Musiker Olli Schulz bekannt ist, sogleich an: Gemäß SPD-Organisationsstatut werde er „gemeinsam mit vier durchgeknallten SPD-Ortsvereinen“ seine Bewerbung für den Vorsitz „offiziell und fristgerecht zum Parteitag einreichen, damit die Delegierten entscheiden können“.

Tatsächlich hätte er rein formal eine Chance. Denn das Kandidaten-Casting ist nicht der einzige Weg. So könnte er mit Unterstützung dreier Ortsverbände bis zu zwei Monate vor dem Parteitag seinen Hut in den Ring werfen - das sieht das Organisationsstatut der SPD vor. Im Fall einer Initiativbewerbung geht es laut Geschäftsordnung sogar noch direkt auf dem Konvent im Dezember in Berlin. Dann ist allerdings die Unterstützung von 50 Delegierten aus fünf Bezirken nötig.

In der Partei rechnet man allerdings eher nicht damit. Von Anfang an bezweifelten Kritiker auch, dass der TV-Satiriker Ernst machen will. Schließlich hatte er erst drei Tage vor dem Ende der damaligen Bewerbungsfrist angekündigt, dass er am Verfahren teilnehmen will. Seine Kampagne begleitete er zudem mit einem Video, in dem er Sprech- und Auftrittsweise von Politikern eher karikierend nachahmt. In der Partei ist man wenig geneigt, Böhmermann so weit gewähren zu lassen, dass er den Konvent durcheinanderbringen kann.

An seinem Umgang mit der SPD und der Art und Weise des Parteieintritts gibt es Kritik auch von unerwarteter Seite: „Manchmal muss man sich auch mal hinter die SPD stellen“, schrieb CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak auf Twitter. „Was Jan Böhmermann macht, ist gebührenfinanzierte Verspottung ernsthafter politischer Prozesse. Hunderttausende engagieren sich ehrenamtlich, ernsthaft und mit viel Herzblut in der SPD. Und das ist es, was Demokratie ausmacht.“

Sein SPD-Kollege begrüßte Böhmermann mit ironischem Unterton in der Partei: „Herzlich willkommen in der SPD, lieber Genosse @janboehm“, schrieb Lars Klingbeil auf Twitter. Und wies dann auf die mühseligen Aufgaben für SPD-Basismitglieder hin, die manche Böhmermann wohl nicht recht zutrauen: „Jetzt geht's los! Infostände, Hausbesuche, Bürgergespräche, Plakate kleben. Wir freuen uns sehr, dass du jetzt an unserer Seite für eine starke Sozialdemokratie kämpfst!“

Was hätte ein Parteichef Böhmermann mit der SPD konkret vor? Für welche politischen Initiativen steht er? Dies bleibt vorerst im Dunkeln. Auf dpa-Anfrage hieß es am Mittwoch von seinem Büro, er sei „momentan aus zeitlichen Gründen“ nicht zu sprechen.

Für die SPD geht es auf ihrem Parteitag um viel. Nicht nur das im anstehenden Mitgliederentscheid siegreiche Kandidatenduo soll bestätigt, auch die Halbzeitbilanz der Koalition soll bewertet und wohl über deren Zukunft entschieden werden. Und die SPD will sich organisatorisch und programmatisch runderneuern. Wie würde ein Bewerber Böhmermann da hineinpassen?

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Zur Frage nach Schaden oder Nutzen der Parteiaufnahme für die SPD meint der Politikpsychologe Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal: „Das kommt darauf an, ob er es erkennbar ernst meint. Sonst schadet die boshafte Mehrdeutigkeit dahinter: Parteien unterscheiden sich ja durch Überzeugungen.“

Dass es Satiriker oder Comedy-Stars in die Politik schaffen, dafür gibt es schon Beispiele - etwa den Chef der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung, Beppe Grillo, oder den neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. In Deutschland machte Ex-„Titanic“-Chef Martin Sonneborn den Schritt: Er sitzt für die Satire-Partei Die Partei im Europaparlament, ebenso Nico Semsrott, der Mann mit der Kapuzenjacke aus der ZDF-„heute-show“.

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