Analyse: Kleine Parteien im Wahlkampf

Debat-O-Meter: Lindner kann bei TV-Debatte punkten

Im TV-Duell versuchten die kleinen Vier - FDP, Grüne, Linke und AfD - sich scharf voneinander abzugrenzen. Die Analyse zeigt, dass vor allem viele AfD-Anhänger sich am Debat-O-Meter beteiligten.
31.08.2017, 06:04
Lesedauer: 9 Min
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Debat-O-Meter: Lindner kann bei TV-Debatte punkten

Von links nach rechts: Moderator Claus Strunz, Linke-Chefin Katja Kipping, Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und FDP-Chef Christian Lindner.

Richard Hübner/SAT.1/dpa
  • Mehr als 12.000 Teilnehmer bewerten die Spitzenkandidaten mit dem Debat-O-Meter
  • Christian Lindner gewinnt das Sat.1 Duell
  • Die Fronten zwischen den Parteianhängern sind stark verhärtet.
  • Die AfD kann am meisten Anhänger für die Teilnahme am Debat-O-Meter mobilisieren. Spitzenkandidatin Alice Weidel schneidet aber schlechter ab als ihre Partei.
  • Lindner kommt bei den Jungen, den Männern und in Westdeutschland besser an und kann auch im gegnerischen Lager überzeugen
  • Alice Weidel kommt gut bei den Älteren, bei Männern und in Ostdeutschland an.
  • Kipping und Göring-Eckardt werden von den Frauen besser wahrgenommen als von den Männern.
  • Katrin Göring-Eckardt wird selbst von den eigenen Anhängern nur zögerlich unterstützt.
  • Die TV-Debatte war für die Zuschauer nur bedingt eine Hilfe für die Wahlentscheidung.

Die heiße Phase des Wahlkampfes hat begonnen. Dies merkte man der TV-Debatte von Sat.1 am späten Mittwochabend deutlich an. Katja Kipping (Linke), Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Christian Lindner (FDP) und Alice Weidel (AfD) stellten sich dem Sat.1 Moderator Claus Strunz. Dieser konfrontierte die Kandidaten mit den zehn wichtigsten Fragen, die die Wähler derzeit beschäftigen. Diese Fragen wurden für Sat.1 von einem Markforschungsinstitut in einer repräsentativen Umfrage ermittelt.

Nach aktuellen Meinungsumfragen liegen die vier kleinen Parteien in etwa gleichauf. Folglich war die Debatte eine wichtige Chance für alle Kandidaten, sich von der Konkurrenz abzuheben und vielleicht sogar abzusetzen. Daraus gewann das „Duell vor dem Duell“ auch seine Spannung.

Erstmals hatten die Sat.1-Zuschauer bundesweit die Möglichkeit mit dem „Debat-O-Meter“ die vier Kandidaten über das Internet live zu bewerten. Das Debat-O-Meter wurde von Informatikern und Politikwissenschaftlern der Universität Freiburg entwickelt und ist ein Angebot in Zusammenarbeit mit dem WESER-KURIER . Mehr als 12.000 Teilnehmer haben deutschlandweit diese Möglichkeit genutzt.

Welcher Politiker schnitt am besten ab?

Insgesamt wurden knapp 600.000 Bewertungen von den TV-Zuschauern abgegeben. Dabei erhielt Alice Weidel am meisten Zustimmung über die fast zweistündige Debatte hinweg. Auch Christian Lindner wurde insgesamt positiv bewertet, wohingegen Katrin Göring-Eckardt negativ wahrgenommen wurde. Katja Kipping landete auf dem letzten Platz in der Echtzeitbewertung.

Von den im Anschluss an die Debatte befragten Zuschauern (Stand: 1:06 Uhr also rund 30 Minuten nach Ende der Debatte), sahen 39,5 Prozent Christian Lindner vorne. Auf Platz 2 wurde Alice Weidel (30,6 Prozent) gewählt, während Katrin Göring-Eckardt mit 11,1 Prozent noch hinter Katja Kipping (11,8 Prozent) abgeschlagen war. Lediglich 7,1 Prozent sahen keinen Gewinner in der Debatte zwischen den vier Spitzenkandidaten der kleinen Parteien.

Von besonderem Interesse sind die Unentschlossenen. Innerhalb dieser Gruppe war die Reihung der wahrgenommenen Gewinner wie folgt: Christian Lindner (33,3%), Alice Weidel (31,4%), Katja Kipping (14,7%), Katrin Göring-Eckardt (10,8%). Keinen Sieger sahen 9,8%.

Wertet man die Frage nach dem Debattensieger getrennt nach Ost- und Westdeutschland aus, so schneidet Katja Kipping von den Linken in Ostdeutschland besser ab als in Westdeutschland. Lindner liegt im Westen noch weiter vorne als im Osten, das für die FDP generell ein schwieriges Terrain ist. Auch die westdeutsche Alice Weidel kommt im Osten besser an als die ostdeutsche Karin Göring-Eckart, die eher im Westen punkten kann.

Die Spitzenpolitiker in der Debatte sind verglichen mit den Ü60-Spitzenkandidaten von CDU (Angela Merkel), CSU (Joachim Herrmann) und SPD (Martin Schulz) eher jung. Bis auf Karin Göring-Eckart sind sowohl Weidel, Lindner als auch Kipping fast gleichalt und sind jünger als 40 Jahre. Die Bewertung der Jungen und Alten zeigt, dass Lindner vor allem beim jungen Publikum punkten kann, während Alice Weidel die älteren Zusehenden hinter sich weiß.

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Vorabbefragung: AfD-Wähler größte Gruppe unter Debat-O-Meter-Nutzern

In der Vorabbefragung der Zuschauer waren die Sympathien zwischen den Parteien ungleich verteilt. Bezogen auf die Wahlberechtigten und nach Alter, Geschlecht, Bildung und Ost/West gewichtet war die größte Gruppe mit 45,6 Prozent AfD-Wähler, während die nicht im Studio vertretenen Großparteien CDU/CSU auf 3,6 Prozent, die SPD auf 5,5 Prozent kamen. Die vier kleinen Parteien erhielten folgende Wertung: Linke 7,2 Prozent, Grüne 4,6 Prozent, FDP 18,5 Prozent; noch unentschlossen waren 14,9 Prozent. Insgesamt 0,1 Prozent gaben, an, eine andere Partei zu wählen oder gar nicht wählen zu gehen.

In der Vorbefragung wurde auch abgefragt, wie die Politiker auf einer Skala von -2 bis +2 bewertet werden. Dabei schnitt entsprechend der Wahlabsicht der Teilnehmerschaft am besten Alice Weidel mit einem Durchschnittswert von 0,32 ab, knapp gefolgt von Christian Lindner (0,18). Abgeschlagen und deutlich negativ bewertet wurden Katrin Göring-Eckardt (0,91) sowie Katja Kipping mit einem Wert von 0,93. Als Debattensieger wurde Christian Lindner mit 38,8 Prozent erwartet, knapp vor Alice Weidel mit 34,4 Prozent. Immerhin 18,6 Prozent der Teilnehmer erwarteten keinen klaren Sieger.

Welche Themen sind für die Zuschauer am wichtigsten?

Nach der Vorbefragung lag die Flüchtlings- und Asylpolitik mit 45,2 Prozent deutlich vor allen anderen Themen. Auf den Plätzen folgten Innere Sicherheit, Kriminalität und Terrorismus (17,7%), Soziale Gerechtigkeit (11,6%), Bildung (7,5%) und Rente (5,1%).

Sat.1 hatte vorab über ein Marktforschungsinstitut die zehn Themen ermittelt, welche die Bundesbürger am meisten bewegen. Bei den Themen selbst gab es keine großen Überraschungen. In der Sendung selbst gelang es aber nur acht der zehn Themen abzuarbeiten.

Die Sat.1-Zuschauer haben mit dem Debat-O-Meter die Spitzenkandidaten bei den verschiedenen Themenblöcken unterschiedlich gesehen. Beim Diskussionsthema zur Asyl- und Flüchtlingspolitik, dem wichtigsten Thema des Abends, wurde Christian Lindner am positivsten bewertet. Auch Alice Weidel konnte die Teilnehmer überzeugen, wohingegen Katja Kippings und Katrin Göring-Eckardts Aussagen abgelehnt wurden.

Der FDP-Frontmann ging auch im Themenfeld Innere Sicherheit als Sieger hervor. Alice Weidel wurde leicht negativ bewertet, Katja Kippings und Katrin Göring-Eckardts Ausführungen klar zurückgewiesen.

Die Grafik zeigt die positiven (Ausschlag nach oben) und negativen (nach unten) Bewertungen der einzelnen Kandidaten im Zeitverlauf der Sendung. Jede farbige Linie steht für einen Kandidaten. (Klicken Sie auf das Bild zum Vergrößern.)

Die Grafik zeigt die positiven (Ausschlag nach oben) und negativen (nach unten) Bewertungen der einzelnen Kandidaten im Zeitverlauf der Sendung. Jede farbige Linie steht für einen Kandidaten. (Klicken Sie auf das Bild zum Vergrößern.)

Foto: Debat-O-Meter / Universität Freiburg

Die Tops und Flops der Spitzenkandidaten

Das Debat-O-Meter kann genau anzeigen, bei welchen Aussagen die Zuschauer besonders zustimmen oder ablehnen.

Katja Kipping: Ihren besten Wert erhielt Katja Kipping für die zweideutige Aussage „Arbeitsverträge sind keine Quickies“, als sie die Forderung nach Abschaffung der sachgrundlosen Befristung erhob. Ihre schlechteste Bewertung erhielt sie von den Zuschaue als sie die eine besserer Zusammenarbeit mit den Migranten bei der Bekämpfung von Terrorismus forderte.

Katrin Göring-Eckardt: Der beste Wert für Katrin Göring-Eckardt wurde gemessen als sie forderte die Abgeordneten sollen in das solidarische Rentensystem einzahlen. Gleichzeitig gab sie hier auch ihre eigene Bereitschaft für die Einzahlung ein das Rentensystem an. Am schlechtesten kam ihre Aussage im Themenfeld Terrorismus an: „Wir müssen für die Integration jünger Männer sorgen.“

Christian Lindner: Der Top-Wert für Christian Lindner konnte bei seiner Aussage „Keine Einwanderung in die Sozialsysteme“ beobachtet werden. Seinen schlechtester Wert erzielte er jedoch auch bei einem Zuwanderungsthema als er feststellte: „Familiennachzug für Flüchtlinge ist geltendes Recht.“

Alice Weidel: Die höchste Bewertung für Alice Weidel gab es beim Thema Abschiebungen: „Die Frau (gemeint war die Integrationsbeauftragte Özguz) ist sofort von ihrem Job zu suspendieren.“ Die Aussage bezog sich um die angebliche Tolerierung von 1500 Kinderehen in Deutschland durch die Integrationsbeauftragte. Den schlechtesten Wert für Weidel wurde für die Aussage „Wir brauen effektiven Grenzschutz, wir müssen Schengen aussetzen“ gemessen.

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Glaubwürdig, sympathisch und kompetent – den perfekten Politiker gibt es nicht

Im Anschluss an die Debatte wurde zudem gefragt, wie glaubwürdig, sympathisch und kompetent die Spitzenkandidaten der kleinen Parteien waren. Von den Zuschauern wurde Christian Lindner am glaubwürdigsten bewertet, gefolgt von Alice Weidel, Katrin Göring Eckardt und am Ende steht Katja Kipping. Bei der Sympathiefrage zeigte sich die gleiche Reihung. Politisch am kompetentesten wurde ebenfalls Christian Lindner eingestuft. Alice Weidel, Katrin Göring Eckardt und auch Katja Kipping wurden in dieser Reihenfolge allesamt negativ bewertet.

Betrachtet man die Images der Politiker nach Glaubwürdigkeit, Sympathie und Kompetenz fällt auf, dass bei diesen Eigenschaften Lindner vor allem bei jungen Männern in Westdeutschland punktet, während Alice Weidel eher bei den Älteren Männern in Ostdeutschland gut abschneidet. Die beiden Ostdeutschen Politikerinnen Kipping und Göring-Eckardt werden durchgehend im Westen besser bewertet als in Ostdeutschland. Ebenso schneiden beide bei den Frauen besser als bei den Männern ab, was auf eine gewissen „Kampf der Geschlechter“ hinweist. Bei Katja Kipping ist bei der Differenzierung nach Alter kein Unterschied festzustellen, während Katrin Göring-Eckardt bei den Jungen besser abschneidet als bei den Alten.

Verhärtete Fronten – nur AfD und FDP können profitieren

Unter den 569 Personen, die sowohl die Vor- und Nachbefragung komplett beantwortet und eine Wahlabsicht angegeben hatten, ließen sich kaum Wanderungsbewegungen zwischen den Parteien feststellen. Von den Unentschlossenen konnte die AfD 23% für sich gewinnen und die FDP 16% auf ihre Seite ziehen. Kaum profitieren konnten die Linke mit 8% und die Grünen konnten niemand hinzugewinnen. Beachtlich ist, dass 53% der vorher Unentschlossenen weiterhin Unentschlossen blieben.

Zustimmung im eigenen Lager

Die Teilnehmerschaft beim Debat-O-Meter war durch eine starke Mobilisierung der AfD und FDP Anhänger geprägt. Insofern lohnt sich ein Blick auf die jeweils eigene Anhängerschaft. Im eigenen Lager konnte Katja Kipping bei den acht Themen der Debatte durchgängig gute Bewertungen erzielen. Am besten schnitt sie im Themenfeld Arbeitsmarkt bei ihren Anhängern ab, beim Thema Sicherheit am schlechtesten.

Die grüne Frontfrau Göring-Eckardt erhielt insgesamt nur zaghafte Unterstützung aus den eigenen Reihen. Sie schnitt im Vergleich zu den anderen drei anderen Kandidaten am schlechtesten ab. Am besten kamen noch ihre Aussagen zur Alterssicherung und solidarischen Rente an (vgl. Tops), während bei den Fragen zur Inneren Sicherheit sie am schlechtesten abschnitt.

Der FDP Vorsitzende Lindner konnte ebenso seine Anhängerschaft hinter sich bringen und erzielte durchgängig gute Werte. Am besten lag er beim Themenfeld Abschiebung, den relativ schlechtesten Wert erhielt er beim Eingangsthema Innere Sicherheit.

Auch Alice Weidel gelang es ihre eigenen Anhänger zu überzeugen. Sie schnitt gut im Themenfeld Zuwanderung ab, während sie im Bereich Innere Sicherheit Startschwierigkeiten hatte und vergleichsweise schlecht abschnitt.

Bewertung in den gegnerischen Lagern

In der Debatte musste sich Lindner viel Kommentare über sein Aussehen und Charisma anhören. Insgesamt kam der FDP-Beau auch bei den Bewertungen der Anhänger im gegnerischen Lager gut weg. In 3 der 8 Themenfelder erhielt er sogar im Durchschnitt positive Bewertungen. Durchgängig stark negativ wurden bei den Gegnern Katja Kipping und Katrin Göring-Eckardt gesehen. Dabei wurde Kipping am schlechtesten gesehen. Beide schnitten besonders schlecht bei den Themen Abschiebung und Zuwanderung ab. Alice Weidel zog sich einigermaßen achtbar bei den Bewertungen ihrer Gegner aus der Affäre. Nach den beiden schlecht bewerteten Anfangsthemen Innere Sicherheit und Flüchtlinge wurde sie in den folgenden sechs Themenfeldern lediglich leicht negativ bewertet.

Wie kam die TV-Debatte generell an?

In der Nachbefragung wurden die Zuschauer noch um ihre Einschätzungen zu der Sat.1 Debatte gebeten. Die TV-Diskussion half den Zuschauern, sich ein Bild von den Kandidaten zu machen (Durchschnitt von +0,36 auf einer Skala von -2 bis +2) und deren Ideen miteinander zu vergleichen (+0,25 auf einer Skala von -2 bis +2). Allerdings half die TV-Debatte den meisten Zuschauern nicht, eine Wahlentscheidung zu treffen (-0,56). Dementsprechend nahmen auch viele Zuschauer die TV-Sendung als eine Show-Veranstaltung wahr (+0,34 Durchschnittsbewertung auf einer Skala von -2 bis +2).

Hintergrund zum Debat-O-Meter:

Das Debat-O-Meter wurde von Informatikern und Politikwissenschaftlern der Universität Freiburg entwickelt. Mit ihm kann man über die Tasten des Smartphones, des Tablets oder des Computers mit „doppel-plus“, „plus“, „minus“ und „doppel-minus“ jederzeit während Diskussion eine Einschätzung der Kandidaten abgeben.

Die Wissenschaftler sammeln die von den zahlreichen Teilnehmern aus ganz Deutschland eingehenden Bewertungen ein und können so auf die Sekunde genau feststellen, wie die Diskussion im Land wahrgenommen wird. Damit sind die Zuschauer direkt bei der Debatte dabei. Die Eingaben werden für die Auswertung auf die Bevölkerung im Wahlalter nach Alter, Geschlecht, Bildung und Region gewichtet.

„Die hohe Teilnehmerzahl zu so später Stunde hat uns gefreut und zeigt gleichzeitig ein hohes Politikinteresse in dem doch bisher eher langweiligen Wahlkampf. Leider sind bei der Diskussion bis halb ein Uhr nachts doch viele Zuschauer gegen Ende ausgestiegen“, so der Politikwissenschaftler Uwe Wagschal.

Das Debat-O-Meter wird das nächste Mal beim TV-Duell der Kanzlerkandidaten Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) am 3. September (20.15 Uhr) eingesetzt.

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