Bemerkenswerte Regionen in der Bundesrepublik Deutschland, deine Wahlkreise

An diesem Sonntag wird der neue Bundestag gewählt. Aber wie wird wo gewählt? Eine Auswahl besonders typischer und untypischer Wahlkreise und Bremen ist auch vertreten.
22.09.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Shara Fatheyan

Rund 61,5 Millionen Deutsche – und damit 400.000 weniger als vor vier Jahren – sind für diesen Sonntag aufgerufen, den neuen Bundestag zu wählen. Nur drei Millionen davon sind Erstwähler, während mehr als ein Drittel über 60 Jahre alt ist. Wie vielfältig Deutschland ist, lässt sich aus den Daten lesen, die der Bundeswahlleiter zu den Wahlkreisen zusammenstellt. Eine Auswahl besonders typischer und untypischer Wahlkreise:

Die Hartz-IV-Hochburgen

Tief im Westen und hoch im Norden liegen die beiden Wahlkreise mit den höchsten Arbeitslosenzahlen. Die Negativliste führt Gelsenkirchen an, in Sachen Langzeitarbeitslosigkeit jedoch dicht gefolgt vom Wahlkreis Bremen II, der neben den nördlichen Bremer Stadtteilen auch die kreisfreie Stadt Bremerhaven umfasst. Im Wahlkreis leben 162,2 von 1000 Einwohnern von Hartz IV. Als Grund für die wachsende Zahl der Arbeitslosen wird die Zuwanderung in den letzten zwei Jahren genannt. Die Ergebnisse von 2013 zeigen, dass die SPD dort mit 38,8 Prozent vergleichsweise stark ist – übrigens auch in Gelsenkirchen, wo sie zuletzt mit 44 Prozent ihr bundesweit bestes Ergebnis erreichte.

Die meisten Autos

Mit mehr als 60.000 Arbeitnehmern ist Volkswagen nicht nur der größte Arbeitgeber in Wolfsburg, sondern auch ein politischer Faktor. Seit die Dieselkrise ausbrach, liegen hier die Nerven blank. Kein Wunder: Im Wahlkreis Helmstedt-Wolfsburg – der die Städte und Gemeinden Wolfsburg, Büddenstedt, Helmstedt, Königslutter am Elm, Lehre und Schöningen umfasst – ist man gleich doppelt betroffen: wegen des Hauptarbeitgebers und weil es nirgends in Deutschland so viele Fahrzeuge gibt. Laut Kraftfahrt-Bundesamt sind hier pro Tausend Einwohner 977,4 Pkw zugelassen; der nationale Durchschnitt liegt bei 668,9.

Die meisten Ausländer

Frankfurt am Main ist sowohl internationale Wirtschaftsmetropole, die Banker und Manager vor allem aus ganz Europa anzieht, als auch eine Einwanderungshochburg. Inzwischen hat dort mehr als die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Frankfurt besteht aus sechs Wahlkreisen mit großen sozialen Gegensätzen: So verdienen die Einwohner von Frankfurt I deutlich schlechter als im benachbarten Wahlkreis Frankfurt II, auch die Arbeitslosenquote ist höher. Konzentriert man sich allein auf die ausländische Staatsangehörigkeit, dann ist der Wahlkreis mit den meisten Ausländern Frankfurt I, wo dies auf 31,4 Prozent der Bewohner zutrifft – bundesweiter Rekord. Die größte Gruppe sind Menschen mit türkischen Wurzeln – analog zur Bundesebene, wo die rund 720.000 Deutschtürken die größte Gruppe unter den rund sechs Millionen Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund sind.
Die meisten Nichtwähler

Vor vier Jahren haben sich rund 30 Prozent aller Wahlberechtigen in Deutschland der Stimme enthalten. Die Wahlbeteiligung lag in Ostdeutschland mit 67,6 Prozent grundsätzlich niedriger als im alten Bundesgebiet (72,4 Prozent). Die Hochburg der Nichtwähler lag dabei in Sachsen-Anhalt: Im Wahlkreis Harz gingen seinerzeit 41,1 Prozent nicht zur Wahl. Diejenigen, die dort ihre Stimmen abgaben, wählten überwiegend CDU (43,5 Prozent). Damals war die Linke noch mit rund 23 Prozent zweite Kraft und die AfD unter ihrem damaligen Bundeschef Bernd Lucke mit 3,8 Prozent weit von der Fünf-Prozent-Hürde entfernt (aber schon stärker als die Grünen). Bei der Landtagswahl in diesem Jahr erreichte die AfD dann bereits 24,3 Prozent der Stimmen.

Der Bundestagswahlkreis mit der höchsten Beteiligung war vor vier Jahren übrigens ein Berliner: In Steglitz-Zehlendorf gaben fast vier von fünf Wahlberechtigten ihre Stimme ab, womit der Wahlkreis 79 mit 79,8 Prozent Beteiligung deutlich über dem gesamtdeutschen Bundesdurchschnitt von 71,5 Prozent rangiert. Auch ihn holte die CDU.

Genau im Bundesschnitt

Die Hauptstadt ist in ein Dutzend Bundestagswahlkreise aufgeteilt, aber einer davon, ganz oben im Nordwesten auf dem Gebiet des ehemaligen West-Berlin, könnte prophetische Kräfte haben: Bei der jüngsten Bundestagswahl jedenfalls votierten die knapp 182.000 Wahlberechtigten in Berlin-Reinickendorf fast genauso wie alle bundesdeutschen Wähler insgesamt. In keinem anderen Ort Deutschlands wählten die Menschen also so repräsentativ wie im fünftgrößten Berliner Bezirk. Im Schnitt wichen CDU, SPD, Linkspartei, Grüne, FDP und AfD nur 0,8 Prozentpunkte vom bundesweiten Endergebnis ab. Die Grünen tippten die Reinickendorfer sogar fast genau auf 8,7 Prozent (bundesweit 8,4 Prozent). Kleiner, aber feiner Unterschied: Wäre es nach den Berlinern in Reinickendorf gegangen, wäre die AfD mit sechs Prozent in den Bundestag gekommen – bundesweit fehlten ihr dazu 0,3 Prozentpunkte. Dass der Wahlkreis das Bundesergebnis insgesamt so gut abbildet, lässt sich vor allem soziodemografisch begründen: Der Bezirk ist sehr ähnlich zusammengesetzt wie die bundesweite Wählerschaft auch.

Die AfD-Hochburg

Die größten Überraschungen am Sonntagabend werden der AfD zugetraut. Nervös blickt die Politik besonders auf Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen, wo es möglich erscheint, dass die Partei einzelne Wahlkreise sogar gewinnen und Direktkandidaten in den Bundestag entsenden kann. Als Vorwarnung dienten dabei die jüngsten Landtagswahlen: In Mecklenburg-Vorpommern holte die AfD dabei im vorigen September ihr bislang bestes Wahlkreis-Ergebnis: In Vorpommern-Greifswald wurde die AfD mit 32,4 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft vor der SPD; mit 35,5 Prozent der Erststimmen wurde zudem Ralph Weber der AfD-Direktkandidat mit den meisten Stimmen. Wahlanalysen zeigten, dass die Partei rund 20 000 frühere NPD-Anhänger überzeugte, zudem etwa 23 000 vorherige CDU- und 16.000 Ex-SPD-Wähler. Auch bei anderen Landtagswahlen konnte die AfD punkten: In Sachsen-Anhalt beispielsweise schaffte sie im März 2016 landesweit 24,3 Prozent.

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