Coronavirus Die eilige Großoperation „Impfknall“

Impfen, impfen, impfen: Solche Appelle gibt es in der Pandemie seit Monaten. Trotzdem blieben Praxen und andere Impfstellen lange viel leerer als erhofft. Klappt jetzt eine Aufholjagd bis zum Jahresende?
01.12.2021, 16:20
Lesedauer: 3 Min
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Von dpa

Berlin (dpa) - Inmitten der bedrohlichen vierten Corona-Welle muss und soll es jetzt schnell gehen: Mit härteren Alltagsbeschränkungen, um das Virus schleunigst unter Kontrolle zu bringen.

Aber parallel auch mit viel mehr Impfungen in kürzester Zeit, nachdem die Kampagne zuletzt über Wochen nur noch schleppend vorangekommen war. Dafür soll im Advent die größte Operation in Gang kommen, „die seit langer Zeit gemeistert werden musste“. So formulierte es der designierte Kanzler Olaf Scholz (SPD), der auch die ehrgeizige Zielmarke ausgab: Bis zu 30 Millionen Bundesbürger sollen bis Jahresende geimpft werden. Für die Umsetzung bedeutet das nun vielerorts einen ziemlichen Kickstart.

Das Impfziel: Im Fokus stehen sollen jetzt besonders Verstärkungen („Booster“) schon länger zurückliegender vollständiger Impfungen, die bisher 55 Millionen Menschen haben. Bekommen sollen sie zunächst vor allem Leute, bei denen die zweite Spritze mindestens fünf oder sechs Monate her ist. Schon „geboostert“ sind inzwischen 10,4 Millionen Menschen, es sollen aber noch deutlich mehr werden. Die scheidende Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach Mitte November von 27 Millionen nötigen Impfungen bis Jahresende, Scholz nun von bis zu 30 Millionen.

Das Tempo: Klar ist, dass dafür abrupt beschleunigt werden muss. „Wir fordern einen Impfknall“, sagte Städtetagspräsident Markus Lewe (CDU) im Sender Welt. Es müsse wirklich „eine Impfexplosion“ geben, damit die vielen Impfwilligen jetzt nicht lange Schlange stehen müssten. Die Impfungen legten zuletzt schon tendenziell zu. Am Dienstag wurden mindestens 807.000 Dosen gespritzt, wie das Robert Koch-Institut (RKI) bekannt gab. Erreicht werden sollen aber wieder Dimensionen wie am bisherigen Rekordtag Anfang Juni. „Um vor die vierte Welle zu kommen, müssen wir täglich mindestens 1,4 Millionen Menschen impfen“, erläuterte kürzlich die SPD-Gesundheitsexpertin Sabine Dittmar.

Die Großoperation: Eilig aufgebaut werden soll dafür jetzt wieder ein größeres Netz öffentlicher Impfstellen neben den Arztpraxen. „Dazu bedarf es eines gemeinsamen nationalen Kraftakts“, hielten Merkel und die Ministerpräsidenten Mitte November fest. Und konkret: „Hierzu müssen die von den Ländern eingesetzten Impfmöglichkeiten massiv ausgeweitet werden.“ Da hängt es jetzt an der Umsetzung vor Ort, wie rasch Impfzentren hochfahren und andere mobile Angebote entstehen. Die Ärzte machen laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) jetzt in 100.000 Praxen mit - das sind mehr denn je.

Der Impfstoff: Angesichts mancherorts aufkommender Klagen über mangelnden Nachschub bekräftigte das Bundesgesundheitsministerium: „Es ist genügend Impfstoff da.“ In dieser und der vergangenen Woche seien insgesamt 18 Millionen Dosen ausgeliefert worden, weitere zehn Millionen sollen kommende Woche folgen - zusammen also schon einmal 28 Millionen Dosen zum direkten Einsatz. „Geboostert“ wird mit den Mitteln von Biontech und Moderna, wobei der Bund für Biontech gerade bis auf weiteres Bestell-Obergrenzen einführte - denn für den bisher am häufigsten genutzten Impfstoff leeren sich die Lager schnell. In vielen Praxen wirbelte das aber schon Terminplanungen durcheinander.

Die Verteilung: Das Umstellen auf Hochbetrieb läuft offenkundig noch nicht überall rund. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) warnte, das 30-Millionen-Ziel sei „gefährdet“. Der Hausärzteverband Hessen beklagte, dass jetzt nicht genug Impfstoff ankomme, sei „eine vollständige Katastrophe“. Das Ministerium in Berlin erläutert, es hänge auch vom Bestellverhalten ab. Jeweils bis Dienstagmittag müssen Abnehmer ordern, geliefert wird am folgenden Montag - so laufe das seit April. Vergangene Woche hätten manche aber verspätet bestellt, was oft nicht mehr zu bedienen gewesen sei. Zehn Bundesländer hätten Probleme an den Bund zurückgemeldet, Hessen aber zum Beispiel nicht.

Die Beschleuniger: Vorantreiben soll die Großoperation ein neuer Bund-Länder-Krisenstab im Kanzleramt, für den Scholz Generalmajor Carsten Breuer als Leiter loseiste. Der 57-Jährige führt das Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr, das auch für die Zusammenarbeit mit zivilen Organisationen zuständig ist. Offen ist, wie schnell noch zusätzliche Impfkräfte mobilisiert werden können. Die Apotheken boten schon Hilfe an, und zwar von bis zu 2600 Apothekern, die Schulungen für Pilotprojekte zur Grippeimpfung gemacht haben. Doch dafür wären noch rechtliche Änderungen nötig. Die Gesundheitsminister der Länder machten sich außerdem für Impfungen in Zahnarztpraxen stark.

Der Stresstest: Die „Booster“-Offensive ist es für Impfstellen nun nicht allein. Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erinnerte an weiterhin wichtige Erstimpfungen. Noch immer seien von 69 Millionen Erwachsenen zwölf Millionen nicht geimpft. Diese Zahl sei „einfach zu groß“, um das Gesundheitssystem angesichts der Virusvarianten Delta und Omikron vor Überlastung zu schützen. Außerdem sollen bald auch Impfungen von Kindern von fünf bis elf Jahren auf breiter Front anlaufen. Biontech zieht die Auslieferung seines niedriger dosierten Kinderimpfstoffes um eine Woche auf 13. Dezember vor. Das sei „eine gute Nachricht für Eltern und Kinder“, sagte Spahn. „Viele warten sehnsüchtig darauf.“ In einer ersten Lieferung soll Deutschland 2,4 Millionen Dosen bekommen.

© dpa-infocom, dpa:211201-99-216642/2

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