Christian Wulff im Interview bei ARD und ZDF

Ein Staatsoberhaupt in der Defensive

Berlin . In größter Not sucht der Bundespräsident die Rettung bei ARD und ZDF. Im Interview gesteht er Fehler in der Kreditaffäre ein, verteidigt aber auch sein Verhalten. Deutlich wird dabei, wie dramatisch Wulff in die Defensive gedrängt ist.
04.01.2012, 21:25
Lesedauer: 3 Min
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Ein Staatsoberhaupt in der Defensive
Von Norbert Holst

Berlin . In größter Not sucht der Bundespräsident die Rettung bei ARD und ZDF – ein Interview zur besten Sendezeit. Darin gesteht er Fehler in der Kreditaffäre ein, verteidigt aber auch zum Teil sein Verhalten. Deutlich wird dabei, wie dramatisch Wulff mittlerweile in die Defensive gedrängt ist.

Der Bundespräsident gibt sich um 20.15 Uhr zeitgleich auf beiden Kanälen betont kämpferisch. Zu keiner Zeit habe er an einen Rücktritt gedacht. Wulff betont gleich zu Beginn des 15-minütigen Interviews: „Ich habe nichts Unrechtes getan.“ Vielmehr erfülle er sein Amt „mit Freude und aus Überzeugung“. Doch Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten, die Hauptstadt-Studioleiter von ARD und ZDF, legen nach: Ob denn der Drohanruf bei „Bild“ nicht eines Präsidenten unwürdig sei? Wulff entschuldigt sich für den Anruf, der „ein schwerer Fehler war, der mir leid tut“.

Mit leicht belegter Stimme bittet der Bundespräsident gleich mehrfach um Verständnis. Bei den Recherchen der Reporter zu seinem Hauskredit habe er sich in der Rolle eines „Opfers“ gesehen und überreagiert. Vielleicht könne man die Situation, in der er sich befunden habe, menschlich verstehen. Zudem habe er mit den Anrufen bei „Bild“ und Springer-Verlag den Artikel nicht verhindern wollen, sondern um einen Aufschub gebeten. „Warum diese Salami-Taktik?“, fragt Deppendorf nach Wulffs oft kritisiertem Krisenmanagement. 400 Anfragen von Journalisten seien seinen Anwälten gestellt worden, da könne man eben auch nur „scheibchenweise antworten“.

Deppendorf und Schausten arbeiten die ganze Palette der Vorwürfe ab, es gibt laut ZDF keine inhaltlichen Absprachen mit dem Bundespräsidialamt. Und so ähnelt das Gespräch in weiten Teilen einem Kreuzverhör, immer wieder muss Wulff sich verteidigen: Der private Kredit für seinen Hauskaufs sei in Ordnung gewesen, er hätte die Sache nur offener kommunizieren sollen. Bei dem späteren Kredit der BW-Bank habe er keinen Prominenten-Bonus genossen, es handele sich um „übliche Konditionen“. Das Staatsoberhaupt verteidigt auch die kostenlosen Urlaube bei befreundeten Unternehmern in seiner Zeit als niedersächsischer Regierungschef: „Wenn man als Ministerpräsident keine Freunde mehr haben darf, dann verändert sich diese Republik zum Negativen.“

Zum Ende des nachmittags aufgezeichneten Interviews gelingt es Wulff, den Blick nach vorn zur lenken: Er will sich den künftigen „schweren Herausforderungen“ stellen und „nicht gleich weglaufen“. Der Präsident spielt damit auf sein Stehvermögen an, das ihm selbst politische Gegner attestieren: „Wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen.“

Der TV-Auftritt ist offenbar mit Kanzlerin Angela Merkel abgestimmt. Der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter hatte bereits am Morgen in Berlin erklärt, die Kanzlerin habe „volles Vertrauen darin, dass der Bundespräsident auch weiterhin alle anstehenden Fragen umfassend beantworten wird“. Dabei betont Streiter, dass Merkel die Arbeit des Präsidenten außerordentlich schätze. Auch CSU-Chef Horst Seehofer spricht vor dem traditionellen Treffen in Wildbad Kreuth Wulff das Vertrauen aus: „Die CSU steht zu diesem Bundespräsidenten.“

Doch ausgerechnet aus den eigenen Reihen kommt die Forderung nach einem Rücktritt, Vera Lengsfeld (CDU) verlangt ihn. Der Bundespräsident sei zu einer „Witzfigur“ geworden. „Jede Stunde, die er sich länger an das Amt klammert, das er nie ausfüllen konnte . . . , schadet der demokratischen Kultur“, sagt die frühere DDR-Bürgerrechtlerin. Die SPD-Spitze schließt sich der Forderung nicht an, bewertet Wulff aber kritischer als vor seinem Drohanruf: „Niemand kann sich den zweiten Rücktritt eines Präsidenten innerhalb von zwei Jahren wünschen“, erklärt Parteichef Sigmar Gabriel. Fügt aber hinzu: „Allerdings kann sich auch niemand einen Bundespräsidenten wünschen, der den Eindruck erweckt, er sei seinem Amt weder politisch noch stilistisch gewachsen.“

Die Grünen verlangen eine Erklärung der Kanzlerin. Merkel müsse sich zu den Vorgängen um ihren Wunschkandidaten äußern, sagt Parteichefin Claudia Roth. Schließlich habe die Kanzlerin 2010 aus der Präsidentenwahl „eine Posten- und Machtfrage gemacht“. Auch der Politologe Gerd Langguth sieht Wulff nun als Präsident von Merkels Gnaden: „Wenn er Bundespräsident bleibt, dann bleibt er es, weil Merkel es so will.“<QM>

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