Proteste Festgeklebt auf Autobahn: Aktivisten blockieren erneut

Es sind nicht besonders viele Demonstranten, die sich am Freitagmorgen auf Autobahnen gesetzt haben - zum wiederholten Mal. Der Unmut der Menschen im Stau ist deutlich. Was steckt dahinter?
04.02.2022, 16:43
Lesedauer: 3 Min
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Von dpa

Berlin (dpa) - Im Morgengrauen sitzen Menschen mit Transparenten auf der Autobahn, einige haben ihre Hände am Asphalt festgeklebt, der Verkehr steht, Autofahrer hupen und schimpfen: Diese Szenen wiederholten sich in Berlin nun schon zum fünften Mal binnen zwei Wochen.

Auch in Hamburg und München gab es Aktionen, bei denen Klimaaktivisten der Gruppe „Aufstand der letzten Generation“ den Verkehr blockierten und ein „Essen-Retten-Gesetz“ forderten, um gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln zu protestieren. Stunden später seilte sich eine andere Gruppe von einer Berliner Autobahnbrücke ab.

Berliner CDU-Chef reagiert deutlich

Die Proteste werden drastischer - der Widerspruch ebenfalls: Der Berliner CDU-Chef Kai Wegner sprach von „verblendeten Möchtegern-Revolutionären“. Auf Twitter ergießt sich Kritik und Häme über die Protestierer. Die „letzte Generation“ selbst postete vorige Woche ein Video, in dem ein erboster Autofahrer eine junge Frau ins Gesicht schlägt und die Protestierenden mit „ihr Pisser“ beschimpft. Auch heute berichtete ein Reporter der dpa von wütendem Gehupe. Staus dauerten bis zu 40 Minuten.

Die Aktivisten fühlen sich indes im Recht, sprechen von zivilem Ungehorsam gegen die dramatische Klimakrise und eine drohende Hungersnot. „Ja, wir lassen uns wegtragen, wir lassen uns festnehmen, wir setzen uns der Wut der Autofahrer aus, denn das ist kein Vergleich zu der Klima-Hölle, die uns erwartet“, sagte der 72-jährige Ernst Hörmann laut Mitteilung der Aktivisten. Nach ihren Angaben kamen am Freitag 50 Menschen zeitweise in Polizeigewahrsam.

Hinter den Aktionen stehen einige der jungen Leute, die vor der Bundestagswahl wochenlang in Berlin im Hungerstreik waren. Vordenker sind der 22-jährige Henning Jeschke und die 24-jährige Lea Bonasera, die damals zum Schluss sogar Flüssigkeit verweigerten und so ein Gespräch mit dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz erstritten.

Beide sind eher leise, sie beziehen sich auf Wissenschaftler, vor allem den britischen Chemiker Sir David King, der der Menschheit in der Klimakrise noch drei bis vier Jahre zum Umsteuern gibt, oder den deutschen Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber. Aber Jeschke und Bonasera haben auch etwas Missionarisches, das einige mitreißt, und etwas Belehrendes, das andere nervt. „Solche Deppen“ ist noch eine der freundlicheren Kommentare von Kritikern auf Twitter.

Kampagne „Essen Retten“

Auch die Kampagne „Essen Retten“ erschließt sich nicht jedem sofort. Heute kippten Aktivisten große Mengen Brot und andere Lebensmittel auf die A100 in Berlin. Ihre Botschaft: Jährlich landen 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland im Müll. Werde dies vermieden, könnten 22 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart werden. Die Aktivisten verlangen von der Bundesregierung ein entsprechendes Gesetz, um das zu stoppen.

Im Ampel-Koalitionsvertrag heißt es dazu: „Wir werden gemeinsam mit allen Beteiligten die Lebensmittelverschwendung verbindlich branchenspezifisch reduzieren, haftungsrechtliche Fragen klären und steuerrechtliche Erleichterung für Spenden ermöglichen.“ Von Agrarminister Cem Özdemir (Grüne) gibt es Signale, das sogenannte Containern - das Holen genießbarer Lebensmittel aus Supermarkt-Abfallcontainern - straffrei zu machen. Die Aktivisten wollen weiter Straßen blockieren, bis das konkret wird.

Aktivisten seilen sich von Brücke ab

Andere wählen andere Formen, etwa die Gruppe „A100 stoppen“ in Berlin. Zwei Protestierer seilten sich am Freitagnachmittag von einer Brücke über der A103 in Steglitz ab - wobei die Polizei die Fahrbahn aus Sicherheitsgründen vorsorglich gesperrt hatte. „Mit Ach und Krach in die Klimakrise“ stand auf ihrem Plakat.

Immer krasser, immer radikaler: Wo endet dieser Protest? Nicht alle Klimaaktivisten stehen hinter Aktionen wie Hungerstreiks oder Blockaden. Fridays for Future erklärt auf Anfrage zum „Aufstand“: „In Zeiten der sich immer weiter eskalierenden Klimakrise und des politischen Stillstandes braucht es entschlossene Proteste gegen die immer weitere Zerstörung unserer Lebensgrundlagen.“ Gruppen wie Extinction Rebellion oder Ende Gelände setzen seit geraumer Zeit auf gezielte Regelverstöße und Besetzungen.

Der Protestforscher Dieter Rucht geht davon aus, dass sich die Klimabewegung weiter radikalisiert, auch wenn einige Mitglieder bremsen, wie Rucht sagt. Und Aktivist Tadzio Müller warnte im „Spiegel“ sogar vor einer möglichen „grünen RAF“. Die „letzte Generation“ sieht ihre Protest als gewaltfrei, doch ihre Ansagen sind lautstark. „Bin JETZT zurück im Widerstand auf der Straße!“, twitterte Bonasera.

© dpa-infocom, dpa:220204-99-979771/2

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