Kommentar über das Insektensterben Keine Lobby

Unser Ökosystem erlebt eine tiefgreifende Veränderung unserer Kulturlandschaft, die Anzahl an Brutvögeln nimmt signifikant ab - Redakteur Norbert Holst kommentiert das Insektensterben.
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Keine Lobby
Von Norbert Holst

Es ist eines der bekanntesten deutschen Kinderlieder: „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle ...“, so dichtete Hoffmann von Fallersleben im Jahr 1835. Doch Amsel, Drossel, Fink und Star pfeifen, zwitschern und trällern immer seltener. Der spärliche Singsang am frühen Morgen ist möglicherweise Ausdruck einer tief greifenden Veränderung des Ökosystems in unserer Kulturlandschaft.

Die Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion bestätigt die akustische Wahrnehmung: In den vergangenen zwölf Jahren sei eine „signifikante Bestandsabnahme“ bei einem Drittel der Brutvogelbestände beobachtet worden. Berechnungen auf EU-Ebene haben 2010 sogar ein Minus von 300 Millionen Brutpaaren im Vergleich zu 1980 ergeben. Vogeljagd, der verstärkte Einsatz von Pestiziden und die Einengung des Lebensraums werden als Ursachen für den Rückgang genannt. Und nicht zuletzt raubt die Landwirtschaft den Vögeln ihre Nahrungsgrundlage: Insekten.

Die Politik wacht nur langsam auf

Das ist doch eigentlich ganz praktisch, könnte man denken. Die Windschutzscheibe ist nicht mehr von zermatschten Fliegen verklebt, und die sich am Bienenstich labende Wespe nervt ohnehin. Doch die Folgen des Insektensterbens sind gravierend: Vögel, Kröten und Eidechsen finden nicht mehr genug zu fressen – und sterben. Zwischen 1982 und 2017 ist die Zahl der Insekten an verschiedenen Beobachtungsstandorten in Deutschland um bis zu 80 Prozent geschrumpft.

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Ein dramatisches Beispiel für diese Entwicklung sind die Bienen. Die Imker beobachten seit der Jahrtausendwende eine Dezimierung ihrer Völker. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Für manche Experten steckt eine zerstörerische Milbe dahinter. Andere machen Züchtung und Massenhaltung für den Rückgang verantwortlich. Zwei in diesem Jahr veröffentlichte Studien sehen die moderne Landwirtschaft als Hauptursache für das Bienendrama. Demnach setzen vor allem Pestizide aus der Gruppe der Neonicotinoide den Hautflüglern zu. Laut den Studien verringern die Pflanzenschutzmittel die Fruchtbarkeit der Bienen und beeinträchtigen deren Fähigkeit, unbeschadet durch den Winter zu kommen. Das hat drastische Auswirkungen auf das Ökosystem.

Die Insekten bestäuben Obstbäume, Sonnenblumen, Erdbeeren und viele andere Nutzpflanzen. Doch momentan geht die Population zurück – nicht nur in Europa, auch in den USA, im Nahen Osten und besonders stark in China. Viele Indizien sprechen dafür, dass hier eine Zeitbombe tickt. Ein alarmierender Kreislauf könnte an Fahrt gewinnen: keine Bienen, keine Bestäubung, keine Pflanzen, keine Tiere und am Ende kein Mensch mehr.

Doch die Politik wacht nur langsam auf. Zwingend wäre ein weltweites Forschungsprogramm, um den Ursachen für die Dezimierung von Vögeln und Insekten wissenschaftlich fundiert auf den Grund zu gehen. Doch davon ist im Moment nicht die Rede. Bienen und andere Insekten haben eben keine Lobby wie Pandabären oder Robbenbabys.

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