Gefahren durch Hitzewellen Klimaschutz heißt Gesundheitsschutz: Ärzte fordern zum Handeln auf

Am besten wäre, den Klimawandel abzuwenden, meint Martina Wenker, Beauftragte der Bundesärztekammer für Umweltmedizin. Am besten für die Gesundheit. Gelingt das nicht, könnte das drastische Folgen haben.
01.11.2021, 10:07
Lesedauer: 6 Min
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Von Thomas Strünkelnberg, dpa

Besserer Klimaschutz kann aus medizinischer Sicht die Gesundheit der Menschen schützen helfen. Gehe der Klimawandel weiter, bedrohten besonders Hitzewellen die Gesundheit der Menschen in Deutschland, sagt Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und Beauftragte der Bundesärztekammer für Umweltmedizin. Vor allem Patienten mit Zuckerkrankheit, Wundheilungsstörungen und chronischen Wunden, mit Bluthochdruck und Atemwegserkrankungen dürften betroffen sein. Zum Deutschen Ärztetag in Berlin erhob die Medizinerin Forderungen an die Politik.

Frage: Frau Dr. Wenker, was hat die Corona-Pandemie mit dem Klimawandel zu tun?

Antwort: Wir haben eine Pandemie erlebt und diese Pandemie hat vielen Menschen gezeigt, dass das Einatmen von gesunder Luft möglichst ohne Viren, Bakterien oder Schadstoffe eine wichtige Lebensgrundlage ist. Das hat als Verstärker gewirkt, darüber nachzudenken, wie es zu einer solchen Pandemie kommen konnte. Stichwort: Verlust von Artenvielfalt, Umweltzerstörung, Ausbreitung eines Virus innerhalb von wenigen Wochen. Das hat den Blick auf die Klimakrise verstärkt, vielleicht ist allmählich ein Bewusstsein dafür da: Wir müssen handeln.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Gesundheit aus?

In Deutschland sind die gesundheitlichen Auswirkungen der kommenden Hitzewellen das Problem, und hier meine ich nicht nur den Hitzschlag als lebensbedrohliches Ereignis. Wir haben inzwischen fast alle zwei, drei Jahre einen extremen Hitzesommer. Hitze bedeutet für viele Menschen, dass ihre Medikamente nicht mehr vernünftig wirken oder unerwünschte Nebenwirkungen haben, zum Beispiel Medikamente für Blutdruck oder bei Herz-Rhythmus-Störungen und Diabetes – häufige Medikamente, die viele Menschen nehmen. Hitze bedeutet auch, dass Wundheilungsstörungen auftreten, chronische Wunden oder auch Operationswunden nicht so gut heilen. Und wir merken jetzt schon, dass in Hitzesommern viele Krankheiten sich dramatisch verstärken.

Was bedeutet das für das Gesundheitssystem?

Unser Gesundheitssystem ist darauf nicht eingerichtet. Es gibt zum Beispiel nicht genügend Krankenhäuser mit ausreichend kühleren Räumen. Alle Patientenzimmer müssen vernünftig klimatisiert sein für eine sichere medizinische Versorgung auch während der Hitzewellen. Der zunehmende Temperaturanstieg führt zudem dazu, dass viel mehr Schadstoffe und auch Allergene in der Luft sind. Als Ärztin sehe ich auch, dass meine Asthmapatienten zu keiner Jahreszeit mehr durchatmen können. Wir hatten früher typische Phasen im Frühjahr und Sommer mit Pollenbelastung – inzwischen haben wir eine ganzjährige Pollenbelastung. Wer Allergien oder Asthma hat, der kommt eigentlich überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Und das ist der Boden, auf dem auch chronische Lungenerkrankungen entstehen.

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Wie sieht es aus mit der Sorge vor Tropenkrankheiten?

Wir sehen neue Infektionserreger auf uns zukommen, auch tropische Erreger wie Malaria. Darauf müssen wir uns einstellen, im Vergleich mit den anderen Problemen halte ich aber diese Gefahr noch nicht für so groß. Die größeren Gefahren sehe ich derzeit für Patienten mit chronischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Hitze und für Patienten mit Atemwegserkrankungen bei Luftverschmutzung. Auch für neue Tropenkrankheiten müssen wir gewappnet sein, keine Frage. Aber das ist sicherlich, wenn man es prognostizieren darf, zahlenmäßig zum jetzigen Zeitpunkt hier in Deutschland nicht unser größtes Problem. Sondern meine Sorge gilt allen Patienten, die von Bluthochdruck, Übergewicht, Zuckerkrankheit und Bronchitis betroffen sind; diese großen Volkskrankheiten betreffen fast jeden zweiten Erwachsenen. Und meine weitere Sorge gilt der dramatischen Zunahme von Hautkrebserkrankungen durch die stetig zunehmende UV-Belastung.

Wie können die Menschen sich schützen?

Fragen Sie doch mal draußen herum, wenn der Deutsche Wetterdienst eine Hitzewarnung abgibt, was Hitzewarnstufe oder UV-Index bedeuten. Wissen die Menschen überhaupt, was sie dann machen müssen? Und was sind die Anzeichen für einen Hitzschlag? Da sehe ich einen riesigen Aufklärungsbedarf, deswegen wünsche ich mir, dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung genau diese Themen aufgreift und erklärt: Wie kann ich mich schützen? Wie kann ich meine Familie, die älteren Menschen, die Kinder schützen? Und auch die Mitarbeiter im Gesundheitssystem, die ein Hitzesommer ebenfalls betrifft, wenn sie bei über 40 Grad auch schwere körperliche Arbeit im Krankenhaus und in der Arztpraxis verrichten müssen. Wir haben es in der Pandemie erlebt: Die physischen und psychischen Ressourcen auch der Mitarbeiter im Gesundheitssystem sind nicht unerschöpflich.

Wohin können sich die Menschen dann überhaupt zurückziehen – und was muss im Gesundheitssystem geschehen?

Frankreich hat zum Beispiel für die älteren und vorerkrankten Menschen Kälteräume eingerichtet, davon sind wir noch weit entfernt. Ich habe in einem schweren Hitzesommer von einer Klinik gehört, die aus Verzweiflung eine alte Kirche aus dem Mittelalter genutzt hat, deren Räume noch kühl waren. Die nicht ganz so schwer Kranken wurden in die Kirche geschoben. Aber das ist eine Notlösung. Ich fordere von Bund und insbesondere den Ländern, die Krankenhausfinanzierung zu verbessern und vor allem weitere Investitionsmittel zur Klimatisierung aufzuwenden. Da ist noch viel Luft nach oben. Die Länder müssen bei zukünftigen Krankenhausbauten mit berücksichtigen, dass es dort genug gekühlte Räume gibt – nicht nur der OP, sondern auch die Patientenzimmer.

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Was fordern Sie noch?

Deutschland ist ganz gut darin, Pläne zu erstellen - Pandemiepläne, Katastrophenschutzpläne. Aber nach meiner Erfahrung werden die erst einmal abgeheftet. Doch nach diesen Plänen muss man regelmäßig üben und sie immer wieder aktualisieren und anpassen. Darum müssen sich die politisch Verantwortlichen regelmäßig kümmern, auf allen Ebenen. Wenn diese Pläne tatsächlich mit Leben gefüllt würden, dann hätten wir schon eine Menge gewonnen. Und eine weitere wichtige Forderung sind effektive Maßnahmen, um Luftverschmutzung zu vermindern. Nicht nur, aber besonders im Sommer bedeuten Feinstaub, Stickoxide, Ozon und andere Luftschadstoffe für chronisch Kranke einen Alptraum.

Wer also Klima und Umwelt schützt, der schützt vor allem sich selbst?

Das ist das Tolle daran. Klimaschutz, Umweltschutz und Gesundheitsschutz gehen alle in die gleiche Richtung. Es gibt eigentlich gar keinen Grund, es nicht anzupacken. Was hat uns zum Beispiel das Verschleppen am Anfang der Corona-Pandemie gebracht? Dadurch, dass wir im Gesundheitssystem monatelang nicht genug Schutzausrüstung hatten, sind viele Mitarbeiter im Gesundheitswesen erkrankt. Das heißt, die Folgekosten fehlender Prävention sind vielleicht noch größer als die Präventionskosten. Wenn wir von Anfang an in den Arztpraxen und Krankenhäusern genügend Schutzmaterialien gehabt hätten, dann hätten wir deutlich weniger Erkrankungen.

In der Vergangenheit sind Krankenhäuser geschlossen und die Bettenzahl verringert worden - ein Problem?

Unser Gesundheitssystem in Deutschland hat die Corona-Pandemie beachtlich gut gemeistert. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Anzahl der Krankenhausbetten zwar ausreichend ist, eine gute medizinische Versorgung allerdings nur mit ausreichend und gut qualifiziertem Personal möglich ist. Beim Pflegepersonal herrscht aber schon jetzt ein eklatanter Mangel und zukünftig wird es beim ärztlichen Personal genauso sein.

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Was erwarten Sie im besten Fall von der Politik?

Handeln ist das Gebot der Stunde - von der Politik erwarte ich mit Blick auf die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels konsequentes Handeln im Sinne von Primärprävention: Wenn zum Beispiel die dramatischen Hitzewellen gar nicht erst auftreten würden, dann müssten wir uns auch über deren gesundheitlichen Folgen keine Sorgen machen. Aber auch an uns Ärzte habe ich eine Erwartungshaltung: In unserer Berufsordnung ist nicht nur unsere Verantwortung für die Gesundheit des Einzelnen und die Bevölkerung verankert, sondern auch die Verpflichtung, uns für die Erhaltung der für die Gesundheit der Menschen bedeutenden natürlichen Lebensgrundlagen einzusetzen.

Zur Person

Martina Wenker, 63, ist Beauftragte der Bundesärztekammer für Umweltmedizin und Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Sie arbeitet als Oberärztin und Fachärztin für Innere Medizin sowie Lungen- und Bronchialheilkunde am Helios Klinikum Hildesheim.

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