Bremen Kliniken diskutieren über Sicherheitspläne

Lörrach/Bremen . Eine 41-Jährige ist am Sonntag in einer Klinik in Lörrach Amok gelaufen. In den Bremer Kliniken gibt es Katastrophen-Pläne, nach denen die Mitarbeiter in Notfällen handeln sollen, aber keine speziellen Anweisungen, was bei Amokläufen zu tun ist. Noch nicht.
20.09.2010, 11:40
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste

Lörrach/Bremen . Eine 41-Jährige ist am Sonntag in einer Klinik in Lörrach Amok gelaufen. In den Bremer Kliniken gibt es Katastrophen-Pläne, nach denen die Mitarbeiter in Notfällen handeln sollen, aber keine speziellen Anweisungen, was bei Amokläufen zu tun ist. Noch nicht.

In den vier Kliniken der Gesundheit Nord - Mitte, Nord, Ost und Links der Weser - gibt es laut Geno-Sprecher Daniel Goerke eine spezielle Rufanlage. In Notfällen kann ein Mitarbeiter das Codewort "Eberhard" über diese Anlage verbreiten. Vor allem, wenn ein Patient in Panik gerate oder jemand bedroht werde, solle so gewährleistet werden, dass möglichst viele Ärzte und Pfleger zu dem Ort des Notfalls eilen, so Goerke. Einen speziellen Plan für Amokläufe gebe es nicht, bei derart spontanen Vorfällen könne man kaum gezielt reagieren, so der Geno-Sprecher.

Ähnlich aufgestellt ist man in den Freien Kliniken Bremens  - Rotes Kreuz-Krankenhaus, Diako, St.-Joseph-Stift, Rolandklinik. "Es gibt Katastrophenpläne für außergewöhnliche Vorfälle wie Brand-, Massen- oder Strahlenunfälle", sagt Sprecher Dr. Walter Klingelhöfer. Darüber hinaus gebe es grundsätzliche Verhaltungsmaßregeln in Notfällen, beispielsweise, wenn Patienten jemanden bedrohten oder wenn in der Telefonzentrale eine Bombendrohung eingehe.

"Eine spezielle Anweisung, wie man sich bei Amokläufen verhalten soll, gibt es aber noch in keinem der freien Krankenhäuser", erklärt Klingelhöfer. In den einzelnen Kliniken würden sich demnächst die Arbeitsgemeinschaften für Sicherheit mit diesem Thema befassen und überlegen, ob man nachrüsten müsse.

"Man sollte auf keinen Fall den Helden geben", rät Roland Walter, Pressesprecher der Bremer Polizei, allen, die in  einen Amoklauf geraten. Jeder sollte sich und möglichst auch andere umgehend in Sicherheit bringen und so schnell wie möglich die Polizei verständigen. Die Beamten würden in weniger als acht Minuten am Einsatzort sein, so Walter. Dies sei Teil des internen Plans der Polizei. Ansonsten sei es schwierig, bei einem "dynamischen Geschehen" wie einem Amoklauf klare Verhaltungsmaßregeln zu geben.

Lörrach: 41-jährige Rechtsanwältin als Täterin

Die Amokläuferin von Lörrachwar eine 41-jährige Rechtsanwältin. Das teilte die Polizei am Montag mit. Das Motiv für die Bluttat lag zunächst weiter im Dunklen. Eine Regionalzeitung berichtete, es habe möglicherweise einen Sorgerechtsstreit gegeben.

Die Frau hatte am Sonntagabend in einem Mehrfamilienhaus in der Innenstadt ihren Mann und ihren fünfjährigen Sohn getötet und in der Wohnung eine Explosion ausgelöst. Als Einsatzkräfte eintrafen, flüchtete sie in eine benachbarte Klinik. Auf dem Weg schoss sie zwei Menschen an, im Krankenhaus tötete sie einen Krankenpfleger und verletzte einen Polizisten. Dann erschossen Beamte die Frau. Weitere Erkenntnisse sollten am Nachmittag auf einer Pressekonferenz (16.00 Uhr) in Lörrachbekanntgegeben werden.

Die 41-Jährige soll mit einer kleinkalibrigen Faustfeuerwaffe und einem Messer bewaffnet gewesen sein. In der Wohnung des getrennt von ihr lebenden Mannes habe es eine heftige Explosion gegeben, hieß es weiter. Diese sei von der Frau mit Hilfe eines Brandbeschleunigers ausgelöst worden. Die Wohnung wurde komplett verwüstet. Die Wucht der Detonation sei gewaltig gewesen, sagte der Einsatzleiter.

Der Mann und der Junge lebten gemeinsam in der Wohnung, die Frau nicht. Die Anwältin habe dort aber ihre Kanzlei gehabt. Der Fünfjährige sei am Sonntag bei der Mutter zu Besuch gewesen. Die "Badische Zeitung" berichtete unter Berufung auf Nachbarn, die Frau habe mit dem Vater des Kindes offenbar einen Sorgerechtsstreit gehabt. Die Frau sei als schwierig und verbittert wahrgenommen worden.

Der Pfleger im Elisabethen-Krankenhaus erlitt Stichverletzungen und Kopfschüsse. Die Amokläuferin habe ihn ersten Ermittlungen zufolge nicht gezielt ausgewählt, sagte ein Polizeisprecher. "Wir gehen eher davon aus, dass es eine zufällige Begegnung war." Die Analyse dauere aber noch an. Der verletzte Polizist hat einen Kniedurchschuss. Die beiden ebenfalls schwer verletzten Passanten erlitten einen Rückendurchschuss sowie einen Streifschuss am Kopf. Lebensgefahr bestand bei keinem der Verletzten mehr.

Die Polizei erschoss die Amokläuferin im Flur des ersten Obergeschosses, in der gynäkologischen Abteilung. Zuvor hatte sie dort wild um sich gefeuert. "Durch ihr beherztes Eingreifen haben die eingesetzten Beamten Schlimmeres verhindert", erklärte der baden- württembergische Landespolizeipräsident Wolf Hammann. Von der Explosion bis zum letzten Schuss seien nicht einmal 40 Minuten vergangen.

Aus dem brennenden Haus rettete die Feuerwehr sechs Erwachsene und ein Kind. 15 Bewohner mussten mit Rauchgasvergiftungen in Krankenhäuser gebracht werden. Insgesamt waren rund 300 Polizisten und Rettungskräfte im Einsatz.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, äußerte sich tief erschüttert über den Amoklauf: "Wir beten für die Opfer. Wir sind in Gedanken und unseren Gebeten bei den Verstorbenen, den Verletzten, den trauernden Angehörigen und Freunden sowie den Einsatzkräften von Polizei und Rettungsdiensten", sagte der Freiburger Erzbischof. Die Oberbürgermeisterin von Lörrach, Gudrun Heute-Bluhm, äußerte sich ebenfalls geschockt über die Bluttat.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, zeigte sich erfreut, dass das Einsatzkonzept für Amokläufe sich in Lörrachbewährt habe. "Das schnelle und beherzte Eingreifen der baden-württembergischen Polizei in einer unübersichtlichen und chaotischen Situation hat möglicherweise weitere Opfer verhindert." Er forderte Personal für Kontrollen bei privaten Waffenbesitzern. (she/dpa)

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+