SPD-Kandidatin Sarah Ryglewski im Porträt

Leben nach dem Terminkalender

Wahlkampf ist für die Spitzenkandidatin der Bremer SPD Sarah Ryglewski ein ständiges Hin und Her. Ihr Ziel hat sie klar vor Augen: „Ich will wiedergewählt werden – dann sehen wir weiter.“
28.08.2017, 19:39
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Leben nach dem Terminkalender
Von Jan Oppel
Leben nach dem Terminkalender

Lieblingsplatz: Wenn sie die Zeit findet, zieht Sarah Ryglewski im Werdersee ihre Bahnen.

Karsten Klama

An diesem Tag ist ein bisschen Sommer in Bremen. Die Sonne scheint am Werdersee, das Thermometer zeigt 23 Grad. Da sind vier Ruderer, die vorbeiziehen, und ein junger Typ, der von dem Geländer der Brücke mit einem Salto ins Wasser hüpft. Seine Freunde lachen und filmen das Kunststück mit ihren Smartphones.

Der Uferpark auf der Neustadtseite des Werdersees ist Sarah Ryglewskis Lieblingsplatz. Hier kommt die Spitzenkandidatin der Bremer SPD zur Ruhe, hier geht sie schwimmen, so oft es geht. Im Endspurt vor der Bundestagswahl bleibt dafür nur noch selten Zeit. Ryglewski, 34, sitzt für die SPD im Bundestag – und steckt mitten im Wahlkampf.

Wahlkampf, das ist für Ryglewski ein ständiges Hin und Her. Erst steht sie neben einem Pappaufsteller des Kanzlerkandidaten Martin Schulz auf dem Marktplatz und drückt den Passanten Flyer in die Hand. Ein paar Tage später winkt sie neben dem echten Martin Schulz von der Wahlkampfbühne vor dem Rathaus in die Menge.

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Die Plakate mit ihrem Konterfei hängen in der ganzen Stadt. Und dann sitzt die SPD-Kandidatin mit Kleingärtnern aus der Neuen Vahr zusammen, und auf dem Grill brutzeln die Bratwürste. Mal wieder. „Langsam kann ich keine Bratwürste mehr sehen“, sagt sie.

Am 24. September ist Bundestagswahl, und Ryglewski will ihr Direktmandat im Wahlkreis Bremen I verteidigen. In den Umfragen steht die SPD zurzeit nicht besonders gut da. Macht ihr das Sorgen? Sie schüttelt den Kopf. „Wir setzen auf die richtigen Themen.“ In Sachen Prognosen ist die Sozialdemokratin ganz bei Martin Schulz: „Wir kämpfen nicht für Umfragen, sondern für Ergebnisse.“

Termin folgt auf Termin

Bis das steht, bleiben den Kandidaten der Parteien noch 26 Tage Zeit. Aber die Tage sind lang in diesem Sommer. Termin folgt auf Termin. Wenn Freunde fragen, ob sie Zeit hat, zuckt sie oft nur mit den Schultern. „Momentan schaue ich morgens in den Kalender und mache die Sachen, die da drinstehen“, sagt Ryglewski. „Der Wahlkampf macht Spaß – aber manchmal kann ich mich selber nicht mehr reden hören.“

Die Bremer, die Ryglewski in diesen Tagen trifft, haben viele Fragen an ihre Bundestagsabgeordnete: Wie steht es um die Renten? Warum gibt es immer mehr befristete Jobs? Und warum müssen die Politiker dauernd streiten? „Die Leute schauen diese Talkshows im Fernsehen und denken, dass wir uns die ganze Zeit anschreien“, sagt Ryglewski. „Dabei sind wir eigentlich ganz nett zueinander.“

Aufgewachsen ist sie in Köln. 2001 trat Sarah Ryglewski in die SPD ein. „Weil ich mich einmischen wollte“, wie sie sagt. Das machen immer noch zu wenige, findet die SPD-Politikerin. Nach dem Abitur kam die Rheinländerin zum Politik-Studium nach Bremen. Seitdem wohnt sie in der Neustadt.

Pendeln von Bremen nach Berlin

Fünf Jahre lang war sie Landesvorsitzende der Bremer Jusos. Zwischen 2009 und 2011 hat sie als Koordinatorin für das Programm „Wohnen in Nachbarschaften“ in Osterfeuerberg und Woltmershausen gearbeitet, dann ging die Diplom-Politologin ganz in die Politik. Andere haben da schon jahrelang Berufserfahrung. „Das ist das Dilemma, wenn man jung mit Politik anfängt“, sagt sie.

„Aber ich habe immer gesagt: mehr junge Leute in die Parlamente – da hätte ich mich ja schlecht weigern können.“ In den Bundestag kam Ryglewski, als Carsten Sieling nach dem Rücktritt von Jens Böhrnsen im Juli 2015 Bürgermeister wurde. Nun pendelt sie für die Sitzungswochen von Bremen nach Berlin.

In der Hauptstadt wohnt sie in der Nähe des Gendarmenmarkts. Von ihrer Wohnung aus kann sie zum Bundestag laufen. Zum Auftakt ihrer Bundestagszeit hatte sich Ryglewski gewünscht, Carsten Sieling im Finanzausschuss zu beerben. Das hat geklappt. Daneben ist sie Mitglied des Petitionsausschusses.

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Im Bundestag ist vieles anders als in der Bremischen Bürgerschaft. „Man ist viel mehr Fachpolitikerin“, sagt Ryglewski. Die Lieblingsthemen der SPD-Politikerin: Verbraucherschutz und Finanzen. „Ich finde es wichtig, dass Verbraucher auch in der Finanzwelt eine Lobby haben“, sagt sie. „Viele Banken interessieren sich für ihre Kunden erst ab einer bestimmten Geldsumme.“

Mit politischen Vorbildern tut sie sich schwer. „Man braucht heute andere Leute als noch vor 20 oder 30 Jahren. Die Leute behaupten zwar immer, dass Politiker früher nicht so abgehoben waren“, sagt Ryglewski. „Aber ob nun Herbert Wehner oder Helmut Schmidt so die bürgernahen Volkstribunen waren, wage ich zu bezweifeln.“ Deswegen mag sie Martin Schulz so gerne: „Der hat keine überhebliche Attitüde“, findet die 34-Jährige.

Nicht allzu weit in die Zukunft schauen

Bodenständig ist auch Ryglewskis Elternhaus. Die Mutter ist gelernte Erzieherin, der Vater Lithograf. Sie ist die Erste in der Familie, die studiert hat. Ihr Großvater war Grafiker. Von ihm hat die SPD-Politikerin ihre kreative Ader geerbt. „Ich habe Spaß daran, Dinge zu gestalten.

Meine Freunde bekommen die schönsten Geburtstagskarten“, sagt sie. Ryglewskis Schwester arbeitet als Krankenschwester. „Aber selbst, wenn sie ihr ganzes Leben lang arbeitet, bekommt sie eine Rente, mit der sie knapp über der Grundsicherung liegt“, beklagt Ryglewski.

So gehe es vielen in Deutschland – auch ihrer Familie. „Da gibt es viele, bei denen man sagen würde: Die haben alles richtig gemacht. Aber die müssen immer rechnen.“ Was ihre Zukunft angeht, will Ryglewski nicht allzu weit nach vorn schauen. Was in fünf Jahren passiert, das weiß sie noch nicht. Ihr Ziel hat sie aber klar vor Augen: „Ich will wiedergewählt werden – dann sehen wir weiter.“

Serie: "Bremer Spitzenkandidaten"

In unserer Serie "Spitzenkandidaten der Bremer Parteien" stellen wir die Kandidaten von SPD, CDU, FDP, Linken, Grünen und AfD in persönlichen Porträts vor:

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