Olaf Scholz Die Macht der Worte und die Kraft der Emotion

Scholz "on fire", "Kanzler in Rauflust" - die Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz bei der Generaldebatte hat daran erinnert, wie kraftvoll Worte und Emotionen sein können, meint Marc Hagedorn.
12.09.2022, 05:00
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Die Macht der Worte und die Kraft der Emotion
Von Marc Hagedorn

Generaldebatte im Bundestag, das klingt nach einem choreografierten Schlagabtausch, nach Politikern, die von Redemanuskripten ablesen, nach gepflegter Langeweile in vielen Fällen. Spartensender wie Phoenix oder n-tv übertragen, der Bundestag stellt einen Live-Stream zur Verfügung. Ein Programm für Feinschmecker. Dachte man. Bis vergangenen Mittwoch.

Wer an diesem Tag nicht eingeschaltet hatte, also vermutlich fast jeder Mensch in diesem Land, weiß inzwischen längst, dass er etwas verpasst hat. „Scholz on fire“, kommentierte die ARD nach der Veranstaltung, auf der das ZDF einen Bundeskanzler „emotional wie noch nie“ erlebt hatte, während die „Süddeutsche Zeitung“ einen „Kanzler in Rauflust“ sah.

Was war passiert? Rund 20 Minuten lang hatte Bundeskanzler Olaf Scholz, Spottname Scholzomat wegen seiner steifen Art und seiner drögen Antworten in Interviews, seine Politik temperamentvoll verteidigt und die Kritik der Opposition abgeschmettert.

Wer hat ihn geweckt?
Frage bei Twitter

Das wurde umgehend in den sozialen Medien durchgehechelt. „Wer hat ihn geweckt?“, fragte jemand bei Twitter und ein anderer: „Können wir bitte öfter diesen Kanzler sehen?“ Dazu der Vorschlag: „Wenn er immer so wäre, könnten wir ihn ans Stromnetz bringen und so die Energiekrise lösen!“

Diese Reaktionen zeigen: Olaf Scholz ist kein Automat mit Kabeln und Schaltkreisen im Innern, sondern ein Mensch, in dessen Adern das Blut kochen kann und dessen Herz auch mal in höherer Frequenz pumpt. Im Ernst: Scholz‘ emotionaler Auftritt im Bundestag hat all denjenigen eine Antwort gegeben, die sich in den Wochen zuvor gefragt hatten: Was macht eigentlich der Kanzler, während Annalena Baerbock und Robert Habeck das Land regieren?

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Die Zeiten sind hart. Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Energiekrise, Inflation. Die Menschen machen sich Sorgen um die Zukunft. Olaf Scholz, damals noch Bürgermeister von Hamburg, hat in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ einmal über sein Verständnis als Regierender gesagt: „Die Bürgerinnen und Bürger bestellen erst mal eine Führungsleistung und gute Arbeit.“ Dass der Kanzler Scholz wie bestellt geliefert hat, finden viele Bürger eher nicht, wenn man den Umfragen folgt.

Scholz nimmt für sich in Anspruch, die Dinge in Ruhe zu durchdenken. Das ist auch gut so. Das Für und Wider abzuwägen, ist gerade in der Krise wichtig, sonst könnte es sein, dass in der Krise die nächste Krise wächst. Über Scholz‘ Vorgängerin Angela Merkel hieß es, dass sie die Dinge von ihrem Ende her denke.

Wie Scholz galt Merkel nicht als begnadete Rednerin. Und trotzdem hat sie es ein paar Mal geschafft, mit der Macht ihrer Worte, die Menschen, ja das Land zu bewegen. Zuletzt kurz nach Beginn der Pandemie. Fast 30 Millionen Menschen sahen ihr am 18. März 2020 bei ihrer Fernsehansprache zu. Das Coronavirus war weltweit mit Wucht über die Menschheit gekommen, hatte Angst und Schrecken und Verunsicherung in höchstem Ausmaß verbreitet.

In diesem Moment redete Deutschlands Erste Bürgerin zu ihren Landsleuten. „Historisch“ schrieben die Zeitungen über die Ansprache, die das Rhetorik-Seminar der Universität Tübingen später zur „Rede des Jahres“ kürte. „Sehr sachlich, eindringlich und empathisch“ habe Merkel auf die Menschen und ihre Sorgen geschaut, hieß es in der Würdigung.

Es tat vielen Menschen gut, in der Krise diese Worte gehört und eine Kanzlerin gesehen zu haben, die daran glaubte, gemeinsam Berge versetzen zu können. Auch Scholz sagte am Mittwoch Aufbauendes. „In schweren Zeiten wächst unser Land über sich hinaus“, zum Beispiel.

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Natürlich kann man Scholz‘ Ausbruch im Bundestag auch ganz anders deuten: als Ablenkungsmanöver vom Streit in der Ampelkoalition, als Dünnhäutigkeit, als Unfähigkeit, Kritik auszuhalten. Scholz ist nicht plötzlich zu einem guten Bundeskanzler geworden. Trotzdem sendet ein Auftritt wie dieser eine Botschaft: Eine Politik, die von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen werden soll, braucht jemanden, der sichtbar dafür steht und kämpft. Und das ist am Mittwoch im Bundestag geschehen.

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