Bildung Pisa und die Schieflagen im deutschen Bildungssystem

Alle drei Jahre müssen Deutschlands Schüler zum Pisa-Test. Die Ergebnisse werden seit dem sogenannten Pisa-Schock von 2001 jedes Mal mit Spannung erwartet. Immer wieder wird aber auch die Aussagekraft des Tests angezweifelt.
29.05.2022, 09:23
Lesedauer: 3 Min
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Von dpa

„Pisa“ stand früher einfach nur für den berühmten schiefen Turm. Seit mehr als 20 Jahren löst das Wort aber auch regelmäßig Diskussionen über Schieflagen im deutschen Bildungssystem aus. Alle drei Jahre, wenn die neuen Ergebnisse des internationalen Schulleistungsvergleichs Pisa kommen, ist das der Fall.

In den vergangenen zwei Monaten wurden fast 8000 Schülerinnen und Schüler in Deutschland wieder dafür getestet. Wie sie im internationalen Vergleich abgeschnitten haben, wird erst Ende 2023 klar sein. Solange dauern nun Auswertung und Aufbereitung der Daten.

Pisa ist ein Teenager-Vergleich

Im Drei-Jahres-Rhythmus treten weltweit Hunderttausende 15-Jährige beim „Programme for International Student Assessment“ (Pisa, Programm für internationale Schülerbewertung) an. Die Federführung hat die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Ziel der Erhebung ist es, herauszufinden, wie die Kompetenzen der stichprobenartig ausgewählten Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften gegen Ende ihrer Pflichtschulzeit sind. Eigentlich hätten die laufenden Tests schon 2021 stattfinden sollen, wegen Corona wurden sie um ein Jahr verschoben.

Erholung vom „Pisa-Schock“

In der ersten Runde 2001 hatte Deutschland schlecht abgeschnitten, außerdem stand ein beschämend enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen im damaligen Pisa-Zeugnis. Beides hatte große Debatten ausgelöst. Danach ging es in den Pisa-Studien zwar stetig bergauf mit den Ergebnissen, aber seit ein paar Jahren sinken die Werte wieder. In der letzten Runde, deren Ergebnisse Ende 2019 veröffentlicht wurden, hatte sich Deutschland erneut verschlechtert, lag aber weiterhin über dem OECD-Schnitt.

Fragen werden hin und her übersetzt

Seit es die Studie gibt, wird sie auch kritisiert. Lassen sich Schulleistungen völlig verschiedener Kulturen wirklich miteinander vergleichen? Ja, sagen die Pisa-Verantwortlichen in Deutschland vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der TU München. Alle bekämen dieselben Aufgaben. Diese würden vorher in einem Jahre andauernden Prozess von internationalen Experten entwickelt, hin und her übersetzt, so dass sie überall gleich schwer seien.

„Man tut alles dafür, dass die Aufgaben in allen Ländern gleich funktionieren“, sagt der Bildungsforscher Olaf Köller aus dem deutschen Pisa-Team. „Aufgaben die bei den Tests in einzelnen Ländern als besonders leicht oder schwer auffallen, werden in der Regel entfernt.“

„Fieber präziser gemessen“

Kritiker zweifeln dennoch an der Aussagekraft oder kritisieren die Schlussfolgerungen, die aus den Ergebnissen gezogen werden. Pisa habe zwar medienwirksam „altbekannte Erkenntnisse“ wieder in den Blick gerückt, nämlich, dass viel zu viele Jugendlich die Minimalziele der Schule nicht erreichten und Schulerfolg in hohem Maße abhängig von der sozialen Herkunft sei, sagt der Bildungsforscher Hans Brügelmann. „Aber Pisa und die anderen Großstudien haben weder die Ursachen für diese lange verdrängten Missstände besser erklärt noch haben sie wirksame Maßnahmen begründen können: Fieber präziser zu messen ist eben noch keine Diagnose - und bloß das Fieber zu senken ist noch keine Therapie.“

Auch Pisa-Vertreter Köller rechnet damit, dass die aktuelle Testrunde erneut zeigen wird, dass bis zu einem Viertel der 15-Jährigen an den einfachsten Aufgaben in Lesen, Mathe und Naturwissenschaften scheitert.

Pisa überflüssig?

Der Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer hält Pisa für die Bildungslandschaft für „völlig überflüssig“. Zur Weiterentwicklung von Unterricht leiste der Test nichts. An der Spitze produzierten die „ostasiatischen Drill-Staaten“ stabil hohe Testpunktzahlen. Pisa gebe aber keine Hinweise darauf, wie man entlang der europäischen Bildungstraditionen Unterricht verbessern könne. „Die Bundesländer sollten das Pisa-Abo abbestellen“, fordert Meyerhöfer.

Wichtige Indikatoren

Die Wissenschaftler im Pisa-Team sehen die Grenzen des Leistungsvergleichs, verteidigen ihn aber grundsätzlich. „Wir alle wissen, dass Schule und Erträge von Schule mehr sind, als diese drei Bereiche, die in Pisa erhoben werden“, sagt Köller. „Es geht hier nicht um die Bildung insgesamt, sondern um Basiskompetenzen, um Grundbildung, die überprüft wird, die aber wichtige Voraussetzung ist, um über die Lebensspanne anschlussfähig weiterlernen zu können.“

Die Leiterin der Studie in Deutschland, die Erziehungswissenschaftlerin Doris Lewalter, spricht von „wichtigen Indikatoren“. „Ihre Aussagekraft ist für die Fragen, die die Studie untersucht, sehr hoch, aber sie umfassen nicht das gesamte schulische Lernen in seiner ganzen Breite.“ Lewalter verweist darauf, dass mit Pisa auch kreatives Denken getestet wird. Aus zusätzlichen Fragebögen, die von Schülern, Lehrern und Eltern ausgefüllt werden, erfahre man außerdem „mehr als Lehrplanwissen und auch etwas zum Kontext der Lehrens und Lernens“.

Die Pisa-Verantwortlichen gehen davon aus, dass die Test-Serie langfristig weitergeht. Bei der nächsten Runde 2025 soll zum ersten Mal neben den drei Standardbereichen auch die Fremdsprachenkompetenz überprüft werden.

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