Plagiatsvorwurf gegen Annalena Baerbock

Grünen-Kanzlerkandidatin unter Druck

Annalena Baerbock wird des Plagiats bezichtigt. Handelt es sich nach geschöntem Lebenslauf und nachgemeldeten Nebeneinkünften um eine Fehlerserie oder eine gezielte Kampagne gegen die grüne Kanzlerkandidatin?
30.06.2021, 15:30
Lesedauer: 3 Min
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Grünen-Kanzlerkandidatin unter Druck
Von Anja Maier
Grünen-Kanzlerkandidatin unter Druck

Der österreichische Sprachwissenschaftler Stefan Weber spricht von mehreren Urheberrechtsverletzungen, Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner von versuchtem „Rufmord“. Annalena Baerbock selbst hat einen Medienanwalt mit der Sache beauftragt.

SOEREN STACHE/DPA

Nicht in einer wissenschaftlichen Arbeit, gar einer Dissertation soll Annalena Baerbock betrogen haben. Der österreichische Sprachwissenschaftler Stefan Weber behauptet in seinem Blog, dass Baerbock für ihr Buch „Jetzt. Wie wir unser Land verändern“ Textpassagen übernommen und dies nicht gekennzeichnet habe. Weber spricht von mehreren Urheberrechtsverletzungen. Ein Sachbuch einer Politikerin sei keine Dissertation, schreibt er. Aber: „Textplagiate sind ethisch nicht korrekt und wurden auch bereits in Sachbüchern zu recht bemängelt.“ Die Liste seiner fünf Beanstandungen reicht von leicht verfremdeten Übernahmen aus Zeitungsartikeln bis zu Texten der Bundeszentrale für politische Bildung.

Die Parteizentrale reagiert angefasst. Bundesgeschäftsführer Michael Kellner spricht von versuchtem „Rufmord“. Den Vorwurf der Urheberrechtsverletzung weist er zurück. „Der Blogger, der bereits falsche Behauptungen zu Frau Baerbocks Abschluss verbreitet hatte, versucht erneut, bösartig ihren Ruf zu beschädigen.“ Bei den beschriebenen Passagern handele es sich um allgemein zugängliche Fakten oder bekannte Positionen der Grünen. Auch der Ullstein-Verlag, in dem das Buch erschienen ist, verwahrt sich gegen den erhobenen Vorwurf. Das Buch sei sorgfältig lektoriert worden.

Medienanwalt Schertz weist Plagiatsvorwurf zurück

Annalena Baerbock selbst hat den Medienrechtsanwalt Christian Schertz eingeschaltet. Dieser teilt mit, er könne „nicht im Ansatz eine Urheberrechtsverletzung erkennen“. Der Vorwurf entbehre jeder Grundlage; „Es ist offenbar erneut der Versuch einer Kampagne zum Nachteil von Frau Baerbock.“

Matthias Richel bewertet das anders. Der Experte für politische Kommunikation sagt: „Das ist das Los eines jeden Spitzenkandidaten. Die Frage ist schließlich, ob man der Person das Amt zutraut.“ Der Berater hat mit seiner Berliner Agentur für die SPD den Europawahlkampf geplant, außerdem deren Landtagswahlkämpfe in Hamburg, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bremen.

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Ihn wundert, wie schlecht die Grünen auf das vorbereitet waren, was nach Baerbocks Nominierung als Spitzenkandidatin kommen würde – nämlich der Wahlkampf. „Ab einer bestimmten politischen Flughöhe klopft man da alles auf Widersprüche ab. Wenn der Lebenslauf nachgebessert wird, wenn Nebeneinkünfte nachgemeldet werden müssen, wenn Zitate nicht geprüft sind – erst so wird aus vielen kleinen Dingen eine große Sache.“

In den sozialen Medien war von Diffamierung die Rede

Baerbock war in den zurückliegenden Wochen heftigen Angriffen ausgesetzt. Für ihre unrichtigen Angaben in ihrem offiziellen Lebenslauf hatte sie sich noch entschuldigt. Sie habe „Mist gebaut“, erklärte die 40-jährige Politikerin. Als pünktlich zum Programmparteitag der Grünen Partei die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft riesige Anzeigen schaltete, auf denen Baerbock als Moses mit Gebotstafeln und dem Claim „Annalena und die zehn Verbote“ zu sehen war, ließen die Grünen-Wahlkämpfer dies noch als Eigentor der Lobbyisten durchgehen. In den sozialen Medien hingegen war von Diffamierung die Rede.

Diesmal ist das anders. Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, zeigt sich empört. Auf Twitter schreibt sie, die Grünen führten gerne harten Wahlkampf – um Inhalte. „Aber hört auf mit diesem Schmutz. Demokratischer Wettbewerb hat auch mit Anstand zu tun.“

PR-Profi Richel versteht die Vorwürfe. Gerade für Frauen seien die Startbedingungen in der Politik härter, räumt er ein. Aber eine Kanzlerkandidatin sei spätestens seit Angela Merkel kein Novum mehr.

Durchleuchten der Kanzlerkandidaten ist Standard

„Die wurde auch immer wieder abgewertet von der politischen Konkurrenz und hat die Vorwürfe dann weggearbeitet.“ Zudem würden Baerbocks männliche Mitbewerber keineswegs kritiklos durch diesen Wahlkampf kommen. „Armin Laschets Kompetenz als Bundeskanzler wird zu jeder Zeit in Frage gestellt. Olaf Scholz wird permanent wegen der Wirecard-Pleite attackiert.“ Die Grünen-Wahlkämpfer wären aus seiner Sicht besser damit beraten, gemachte Fehler einzuräumen und zukünftige zu vermeiden. „Das meiste sind Prozessfehler.“

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