Landkreis Osterholz Plakataktion der Berufsbildenden Schulen

Landkreis Osterholz. Jung- und Erstwähler machen von ihrem Wahlrecht seltener Gebrauch als die ältere Generation. Mit der Plakataktion „Erste Wahl!“ rufen die Berufsbildenden Schulen die Stimmberechtigten zur Wahl auf.
27.08.2013, 00:00
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Plakataktion der Berufsbildenden Schulen
Von Bernhard Komesker

Die Befunde sind eindeutig: Jung- und Erstwähler machen von ihrem Wahlrecht seltener Gebrauch als die ältere Generation. Und eine sinkende Wahlbeteiligung schadet auf Dauer der Demokratie. An den Berufsbildenden Schulen (BBS) wollen einige Lehrer und Schüler etwas dagegen tun: Mit der Plakataktion „Erste Wahl!“ rufen sie die Stimmberechtigten dazu auf, sich am 22. September an der Bundestagswahl zu beteiligen.

„Ich gehe wählen! Und du?“ Mit dieser Botschaft beziehen 30 Erstwähler von den Berufsbildenden Schulen eindeutig Position. Das Bekenntnis, so hofft Politiklehrer Jürgen Grimm als Initiator, fordere den Betrachter zur Stellungnahme heraus. Neben den Porträt-Plakaten für die Schulgebäude wurden auch großformatige Transparente erstellt, die seit dem Wochenende an den Schulen und Straßen der Stadt zu sehen sind.

Schon vor den Ferien hatte das siebenköpfige Politik-Team des BBS-Kollegiums mit den Vorbereitungen für „Erste Wahl!“ begonnen. Zunächst wurden Freiwillige gesucht, die bei Gruppen- und Einzelaufnahmen buchstäblich Gesicht zeigen. Bei vier jungen Frauen war nicht viel Überzeugungsarbeit nötig: Tanja Dreyer, Katharina Falkenberg, Sabrina Winter und Ricarda Hamann – alle angehende Bankkauffrauen – machten kurz entschlossen mit. Nun steht ihr Gruppenfoto in Über-Lebensgröße an der Fußgänger-Unterführung zur Bahnhofstraße.

„Es fühlt sich schon komisch an“, gesteht die 21-jährige Sabrina und ihre Mitschülerinnen nicken etwas verlegen: Diese öffentliche Aufmerksamkeit. Plötzlich ist man auch mit der eigenen Mimik nicht so recht zufrieden, bemerkt Tanja. Die 18-jährige aus Worphausen erzählt, dass die Arbeitskollegen sie auch gleich auf die Plakatwand angesprochen hätten. Das Foto habe auch bei den Facebook-Freunden gleich die Runde gemacht, erzählt Ricarda. Die 21-Jährige aus Freißenbüttel erklärt, nach ihrer Motivation befragt, dass sie es „natürlich wichtig“ finde, zur Wahl zu gehen. Eine klare Tendenz, wo sie ihre Kreuzchen machen werde, habe sie auch schon.

Katharina aus Tarmstedt hat sich ebenfalls bereits Gedanken gemacht. Sie sagt: Wenn mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr zur Wahl ginge, dann wäre ja selbst ein einstimmiger Parlamentsbeschluss in Wahrheit gar keine Mehrheit mehr. All das und noch mehr haben einige Lehrer im Politik-Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern behandelt.

Dabei räumt Jürgen Grimm ein: „Am Anfang erntet man keine Jubelschreie.“ Er hat in seinen Klassen zunächst gesammelt, was die Schüler stört und welche Probleme sie in Deutschland sehen. Dann ging es um die Frage, was dagegen politisch getan werden kann, und erst zuletzt sah man sich daraufhin die Programme der Parteien an.

„Im Kfz-Bereich sind wir darüber eingestiegen, wofür eigentlich die Einnahmen aus der Kfz- und der Mineralölsteuer verwendet werden sollten“, erzählt der Lehrer. Die Landratswahl, die ebenfalls am 22. September stattfindet, segelt bei der Plakataktion „Erste Wahl!“ zwar nur im Windschatten mit; als Einstieg ins Thema aber spielte sie ebenfalls eine Rolle, zumal man da auch schon mit 16 wahlberechtigt ist: Per Internetrecherche wurden Anforderungs- und Eignungsprofile für die Verwaltungsspitze erstellt, was kontroverse Debatten unter den Schülern nach sich zog.

Genau die erhofft sich Grimm auch von der heutigen Podiumsdiskussion mit den Bundestagskandidaten. „Bisher polarisiert da ja nicht viel.“ 230 Schüler haben im BBS-Foyer die Chance, die Bewerber aus dem Wahlkreis zu befragen – und sich entsprechend vorbereitet. Auf die Politiker warten Fragen zu Verbraucherschutz, Datensicherheit, Umwelt- und Energiepolitik. Ricarda Hamann staunt, dass die Parteienvertreter sich tatsächlich auf den Weg zur Schule machen: „Das hätte ich nicht gedacht.“.

Jürgen Grimm hingegen weiß, dass Klagen über niedrige Wahlbeteiligung eine eigene Konjunktur haben. Er stimmt aber zu, dass die persönliche Begegnung besonders wichtig sei: Der Politiker als Mensch aus Fleisch und Blut. Dass Imagefragen – nicht nur für junge Menschen – hohe Bedeutung haben, ist dabei längst erwiesen. Welche Rolle die Elternhäuser wiederum spielen und welche die Medien, darüber mag der Pädagoge nicht spekulieren, aber: „Wo die Eltern wählen, ziehen sie die Kinder meistens mit.“ Und sei es über den Umweg des Zweifels, was das Ganze soll.

„Wir wollen Denkanstöße geben“, fasst Grimm zusammen, dessen Schule sich auch bei der Juniorwahl beteiligen wird. Von der Plakat-Aktion erhofft er sich einen Schneeball-Effekt. „Wenn wir drei, vier Wähler gewinnen, die sonst zu Hause geblieben wären, hat sich die Sache schon gelohnt.“ Ein Aufruf von Gleichaltrigen sei dabei eben besonders glaubhaft. Kein erhobener Zeigefinger, nicht mal ein offizieller BBS-Aufruf in den sozialen Netzwerken der Schüler. „Allein der Wiedererkennungswert führt dazu, dass man sich darüber unterhält“, ist der Lehrer überzeugt.

Es sei im Übrigen darauf geachtet worden, auch junge Männer auf den Werbebannern zu zeigen. Erstwähler mit Migrationshintergrund machen ebenfalls bei der Kampagne mit. Einige Unternehmen aus der Region, darunter das OSTERHOLZER KREISBLATT, hat Grimm als Unterstützer gewonnen. Und wer sich vorher vielleicht nicht ganz sicher gewesen und nun aber auf einem Plakat zu sehen sei, der werde am Wahltag auch bestimmt nicht kneifen.

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