Bundeskanzler Scholz am Ziel: Erst machte er sich zum Olaf, dann zum Kanzler

Kaum jemand hätte noch am Anfang des Wahlkampfs geglaubt, dass Olaf Scholz ernsthaft an den Türen des Kanzleramts rütteln kann – außer er selbst. Was hat ihn auf dem Weg dorthin angetrieben?
09.12.2021, 14:42
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von dpa/ba mit Karikaturen von Mario Lars

Olaf Scholz überlässt nichts dem Zufall. Hinter nahezu jedem Auftritt des 63-Jährigen steckt Kalkül – auch als er im Wahlkampfjahr 2021 so früh und so deutlich wie kein anderer sagte: "Ich will Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden." Zu einem Zeitpunkt, als wohl kaum jemand richtig daran geglaubt hatte. 

Seitdem hat Scholz abgenommen, so sehr, dass ihn manche als ausgemergelt beschreiben. Auch das ist Teil des Plans, sollte ihn für den Wahlkampf und die schwierige Zeit danach topfit machen. Viel Sport, kein Alkohol, das zog der Vizekanzler über Monate durch – Disziplin bis hin zur Selbstkontrolle.

Im Wahlkampf unterlief ihm, anders als der Konkurrenz, kein Ausrutscher. Die Bildung der ersten Ampelkoalition gelang vergleichsweise geräuschlos. Er werde ein „starker Bundeskanzler“ sein, glaubt FDP-Chef Christian Lindner nach alledem. Und ähnlich sieht es aktuell auch eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger, wie aus Umfragen hervorgeht. Was war letztlich das Erfolgsgeheimnis?

Scholz, aufgewachsen in Hamburg, gilt als Hanseat durch und durch. Seine Ideen verfolgt er stoisch – maximal garniert mit einem verschmitzten Grinsen oder einer Ironie, die viele nicht recht verstehen. Dass CSU-Chef Markus Söder ihm einmal "schlumpfiges Gegrinse" vorwarf, findet Scholz witzig – und erzählt seitdem immer wieder amüsiert, wie viele Schlumpf-Figuren er geschenkt bekomme.

Noch mehr als das Image des Schlumpfs hängt ihm aber ein anderes an: Der "Scholzomat", eine emotionsbefreite Phrasen-Dreschmaschine. Tatsächlich: mitreißende Reden, überschäumende Gefühle, das verbindet man nicht mit ihm. Scholz selbst beschreibt sich als verlässlich – langweilig sagen andere. Worüber man sich einig sein kann, ist ein unerschütterlicher Pragmatismus.

Olaf Scholz lässt Kritik von sich abperlen – wie Angela Merkel

Kritik lässt der Neu-Kanzler gern von sich abperlen – so ähnlich, wie man das auch über Angela Merkel sagt. Bei ihm geht es da vor allem um schwer nachvollziehbare Skandale aus der Finanzwelt: Wie stark ist er verstrickt in die Cum-Ex-Affäre um eine Hamburger Bank? Hätte er mehr machen müssen, um den mutmaßlichen Milliardenbetrug bei Wirecard zu verhindern? Warum funktioniert die Bekämpfung der Geldwäsche so schlecht?

Scholz ist auch eng mit einem Kapitel SPD-Geschichte verbunden, an das sich vor allem linke Sozialdemokraten mit Grausen erinnern. Als Generalsekretär von 2002 bis 2004 setzte er für Kanzler Gerhard Schröder die Hartz-IV-Reform mit durch – gegen den Willen vieler SPDler und von noch mehr Menschen in Deutschland. Dass Scholz und seine Partei nun Bürgergeld statt Hartz IV wollen, hätte leicht zum Glaubwürdigkeitsproblem werden können – ging aber unter.

Zugleich hat sich Scholz als Finanzminister international einen Ruf als Macher erarbeitet, genießt etwa beim französischen Amtskollegen Bruno Le Maire großen Respekt. Zu Beginn der Corona-Krise fackelte er nicht lang, sondern schnürte enorme Hilfspakete für Bürger und Unternehmen. Er ist Keynesianer, verfolgt also den Ansatz, dass der Staat in einer Krise gezielt Geld ausgeben statt sparen muss. Deutschland kam besser durch die Krise als manches Nachbarland.

Als Jugendlicher war Scholz Schulsprecher und nach eigener Beschreibung ein ziemlich unsportlicher Gymnasiast. Laut Vater Gerhard hatte er allerdings schon mit etwa 12 den durchaus sportlichen Wunsch: Ich will Kanzler werden. „Er hat sich dieses Ziel sehr früh gesetzt, da war er noch Schüler“, erzählte der 86-Jährige am Mittwoch nach der Wahl seines Sohnes zum Kanzler. „Es ist ein Glücksgefühl“, kommentierte der Kanzlervater die Wahl. Er habe zu seinem Sohn einmal gesagt: „Wenn ich mir vorstelle, dass vor 63 Jahren ich aufgepasst habe, dass du nicht aus dem Wagen kippst, und jetzt setzt du dich mit den großen der Welt an einen Tisch, das ist schon etwas Erhabenes.“

Er hat sich dieses Ziel sehr früh gesetzt, da war er noch Schüler.
Gerhard Scholz über die Kanzler-Ambitionen seines Sohnes Olaf

Mit 17 trat Sohn Olaf schließlich in die SPD ein – manche sagen, das wildeste an seiner Zeit als Jungsozialist sei die Frisur mit den dichten Locken gewesen. Davon war schon nicht mehr viel zu sehen, als der Arbeitsrechts-Anwalt mit 40, recht spät, zum ersten Mal in den Bundestag einzog.

Scholz wurde in seiner SPD lange nicht innig geliebt

Nach einem Aufstieg über verschiedene Ämter setzte Scholz als Bundesarbeitsminister Branchenmindestlöhne durch und entwickelte in der Finanzkrise das Instrument der Kurzarbeit weiter. 2011 wurde er Erster Bürgermeister in Hamburg. An der Elbe erlebte Scholz seine nach eigener Aussage politisch dunkelste Stunde: die gewalttätigen Krawalle nach dem G20 Gipfel 2017. Vor dem Hintergrund gerät fast in Vergessenheit, dass er auch eine beispielhafte Wohnungsbaupolitik für niedrige Mieten betrieb.

Ein ähnlich selten besprochenes Thema: Scholz' Ehe. Britta Ernst, gebürtige Hamburgerin und selbst seit vielen Jahren in der Politik, ist Bildungsministerin von Brandenburg und hat sich nie zu den Ambitionen ihres Mannes auf das Kanzleramt geäußert. Fragen zu ihrem Privatleben blockt die 60-Jährige stets höflich, aber bestimmt ab. 

Scholz hatte in der Gesprächsreihe „Brigitte live“ zumindest kurz einen Einblick in sein Gefühlsleben gegeben: „Ich glaube, dass ich ein ganz anderer Mensch wäre, wenn ich nicht mit Britta Ernst verheiratet wäre.“ Seine Frau sei es auch gewesen, die ihn irgendwann sanft zum Abnehmen und damit zum Joggen gedrängt habe. Auf seiner Website schreibt er, seine Frau bedeute für ihn „alles“. Und im „Spiegel“ sagte er: „Das Wichtigste im Leben ist die Liebe.“

Zuletzt war Scholz Finanzminister, Vizekanzler und einer von Deutschlands beliebtesten Politikern. In seiner Partei dagegen wurde er lange nicht so innig geliebt. Die Wahl um den SPD-Vorsitz verlor er 2019 krachend und für viele völlig überraschend an das linke Duo aus Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Manche wären zurückgetreten – Scholz dagegen plante voller Selbstüberzeugung die Kanzlerkandidatur.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+