Vertriebene Steinbach löst neuen Sturm der Entrüstung aus

Berlin. Die Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach hat mit einer offenen Beleidigung des polnischen Deutschland-Beauftragten Wladyslaw Bartoszewski einen neuen Sturm der Entrüstung ausgelöst.
16.09.2010, 20:50
Lesedauer: 3 Min
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Berlin. Die Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach hat mit einer offenen Beleidigung des polnischen Deutschland-Beauftragten Wladyslaw Bartoszewski einen neuen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Die umstrittene CDU-Politikerin hatte den einstigen Auschwitz-Häftling in einem Interview als «schlechten Charakter« bezeichnet. Vertreter von Koalition und Opposition reagierten mit scharfer Kritik. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) äußerten am Donnerstag ausdrücklich ihre Hochachtung für Bartoszewski.    

«Es ist so, dass ich ihn als Persönlichkeit sehr schätze, und ich glaube auch, dass er viel für das deutsch-polnische freundschaftliche Verhältnis getan hat», sagte die Kanzlerin am Rande des EU-Gipfels in Brüssel. «Ich habe auch mit dem polnischen Ministerpräsidenten darüber gesprochen.» FDP-Chef Westerwelle sagte in Brüssel, er schätze Bartoszewski als «ehrenwerte Persönlichkeit mit einer großen Lebensleistung für die deutsch-polnische Aussöhnung».

Steinbach hatte über den früheren polnischen Außenminister im ARD- «Morgenmagazin» gesagt: «Bartoszewski hat einen schlechten Charakter. Das sage ich ohne Wenn und Aber.» Sie habe sich mit Äußerungen zu diesem Mann «sehr lange auch wirklich zurückgehalten». «Ich habe Bartoszewski sehr bewundert. Ich habe ihm Briefe geschrieben, herzliche Briefe, vor Jahren», sagte die Bundestagsabgeordnete. Sie habe «nie eine Antwort erhalten, aber Reaktionen öffentlicher Art. Daraus kann man einiges schließen.»

Steinbach war erst vergangene Woche mit Äußerungen über die polnische Mobilmachung vor dem Zweiten Weltkrieg unter Druck geraten. Sie hatte daraufhin ihren Rückzug aus dem CDU-Vorstand angekündigt. Die Vertriebenenpräsidentin gilt wegen ihres Einsatzes für ein Zentrum gegen Vertreibungen seit langem als Reizfigur in Polen.

Der 88-jährige Bartoszewski sagte in Warschau, er wisse die Meinung von 41 Millionen deutschen Frauen, darunter der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, sehr zu schätzen. Steinbachs Ansichten seien ihm egal.

Das Internationale Auschwitz-Komitee warf Steinbach vor, «erneut die rechtsextremen Ränder der deutschen Gesellschaft» zu bedienen.

Die Opposition forderte Merkel zum Handeln auf. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte: «Frau Merkel muss endlich entscheiden, was ihr wichtiger ist: das Befrieden des rechten Randes in ihrer eigenen Partei oder Anstand gegenüber Polen.» Grünen-Chefin Claudia Roth nannte Steinbach eine «Giftmischerin in den deutsch-polnischen Beziehungen». Linksparteichef Klaus Ernst erklärte, Steinbach habe «den Boden verlassen, auf dem Demokraten miteinander diskutieren können». Merkel müsse dafür sorgen, «dass Frau Steinbach ihr Unwesen nicht mehr unter dem Dach der Union treiben darf».

Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Annette Schavan äußerte großes Bedauern über die Attacken Steinbachs. Sie würdigte Bartoszewski als «großen europäischen Intellektuellen und Politiker, der für die deutsch-polnische Versöhnung unendlich viel getan hat».

Unionsfraktionsvize Andreas Schockenhoff (CDU) sagte der Nachrichtenagentur dpa: «Erika Steinbach hat eine private Meinung geäußert. Sie hat sich nicht im Namen der Fraktion geäußert.» Persönliche Antipathien hätten im deutsch-polnischen Verhältnis aber keinen Platz. Auch Bartoszewski habe sich zu Steinbach nicht immer sachgerecht geäußert. Er habe aber 1995 als Außenminister eine bemerkenswerte Rede im Bundestag mit großer Aussöhnungsbereitschaft zum 50. Jahrestag des Kriegsendes gehalten.

Nordrhein-Westfalens CDU-Landeschef Jürgen Rüttgers sagte der dpa: «Die Äußerungen sind inakzeptabel. Sie schaden der deutsch-polnischen Freundschaft und dem Ansehen der deutschen Vertriebenen in Europa. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe würdigte Bartoszewski als «eindrucksvolle Persönlichkeit, die in der Union überaus geschätzt wird». (dpa)

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