Landtagswahl Niedersachsen Ministerpräsident Stephan Weil mit roten Bierdeckeln in Wählerkontakt

„Auf ein Wort“ – mit diesem bereits 2017 erfolgreich erprobten Format zieht der SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil auch dieses Mal wieder durch das ganze Land und tritt in den direkten Kontakt mit den Wählern.
20.09.2022, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ministerpräsident Stephan Weil mit roten Bierdeckeln in Wählerkontakt
Von Peter Mlodoch

In der von der Polizei abgesperrten Marktstraße patrouillieren drei als riesige Zuckerrüben verkleidete Männer; der Spielmannszug des Bergmannsvereins „Glück auf“ sammelt sich hier in der Fachwerk-Altstadt von Bad Salzdetfurth für seinen Auftritt. Auf dem Platz vor dem Hotel „Kronprinz“ überwiegt die Farbe Rot: rote Bänke, rote Tische, rote Papphocker, rote SPD-Banner, rote Kugelschreiber. Und vor allem rote Bierdeckel. „Auf ein Wort“ steht dort groß auf der Vorderseite; hinten kann man seinen Namen draufschreiben und eine Frage an den amtierenden Ministerpräsidenten Stephan Weil loswerden.

SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil mit erprobtem Format unterwegs

„Auf ein Wort“ – mit diesem bereits 2017 erfolgreich erprobten Format zieht der SPD-Spitzenkandidat auch dieses Mal wieder auf etlichen Veranstaltungen durch das ganze Land. Fast täglich ist Weil mit solchen direkten Gesprächen im Einsatz, an manchen Tagen gleich mehrmals – neben den laufenden Regierungsgeschäften. „Am fehlenden Fleiß wird es nicht liegen“, scherzt der Ministerpräsident mit Blick auf seinen erhofften dritten Wahlsieg in Folge.   

In dem 13.000-Einwohner-Kurort im Landkreis Hildesheim geht das Konzept am späten Nachmittag offensichtlich erneut auf. Als Weil mit dem SPD-Kleinbus eintrifft, stoppt – wie bestellt - schlagartig der  Nieselregen. Der Ministerpräsident stellt sich direkt vor die vor ihm rund 150 sitzenden und stehenden Menschen, sagt zur Begrüßung einige einleitende Sätze über die „schwierige Lage, wie wir sie noch nie hatten“, gesteht eigene Fehler in der Corona-Pandemie ein. „Jetzt kommt es darauf an, dass aus der Energiekrise keine soziale Krise wird.“ Der erste Applaus der Zuschauer, darunter natürlich viele Genossen, ist dem Wahlkämpfer da sicher.

Bei Moderatorin Lea Karrasch hat sich längst einer großer Stapel Bierdeckel angesammelt. Sie sortiert die Fragen nach Themenbereichen.  Es geht zunächst um Hausärztemangel, Impfzwang, Maskenpflicht, Inklusion, Unterrichtsausfälle, Hochwasserschutz, Radwege. Wenn es zu lokalspezifisch wird, gibt Weil an den örtlichen Landtagsabgeordneten Markus Brinkmann ab; ansonsten liefert er detailreich Auskünfte, weicht auch heftiger Kritik  nicht aus. Die Antworten des Wahlkämpfers gefallen natürlich nicht jedem, hier und da wird auch Widerspruch laut. Krakelende Querdenker wie anderenorts machen sich hier in der Provinz allerdings nicht bemerkbar.   

Sorge um Energieversorgung und-kosten ist groß

Hinter den Tischreihen protestieren zwei Männer mittleren Alters in aller Seelenruhe mit einem Banner gegen die „Strabs“, die umstrittenen Straßenausbaubeiträge. Die Bierdeckel-Frage nach deren Abschaffung lässt nicht lange auf sich warten. Weil, früherer Kämmerer und Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Hannover, verweist auf die kommunale Selbstverwaltung, auf die Entscheidungsfreiheit der Räte vor Ort. „Diese gilt im Guten wie im Schlechten.“ Beifall bekommt er dafür; die beiden Strabs-Gegner schlucken die Antwort kommentarlos.

In den anderthalb Stunden bekommt es der Spitzenkandidat aber vor allem mit dem Sorgen vor einem Blackout zu tun, mit der Angst vor explodierenden Energiepreisen. „Ich musste 140 Euro für meine letzte Tankfüllung bezahlen“, beschwert sich ein junger Mann per Bierdeckel. „Ich war dafür, den Tankrabatt fortzusetzen“, erwidert Weil. Jetzt sei er froh, dass auch Rentner die Energiepreispauschale von 300 Euro erhielten. Seine Regierung werde dafür sorgen, dass auch die Versorgungsempfänger des Landes davon profitierten – unabhängig von der Höhe ihrer Bezüge.  „Auch ich als Ministerpräsident habe es bekommen, obwohl ich es nicht gebraucht hätte.“ Aber es gehe hier um eine Gleichbehandlung aller. „Das ist eine Gerechtigkeitsfrage.“

Stephan Weil scheint beim direkten Wählerkontakt in seinem Element zu sein

Oft wird es sehr persönlich. Eine künftige Sozialpädagogische Assistentin beklagt sich, dass sie während ihrer Ausbildung keine Fahrtkosten erstattet bekomme. Eine Krankenpflegerin kritisiert mangelnde Wertschätzung und schlechte Bezahlung. Ein Pflege-Azubi befürchtet die Abschiebung in sein Herkunftsland. Weil fragt nach den Kontaktdaten, um den Fällen nachgehen zu können. Es gilt schließlich, für die von den Wahlplakaten bekannte Botschaft als Kümmerer, der nah an seinem Volk ist, hautnah den Beweis anzutreten.

Beim unmittelbaren Wählerkontakt scheint der SPD-Landesvorsitzende in seinem Element zu sein. Hier kann er sich als schlagfertig, fachlich versiert und gleichzeitig ehrlich präsentieren. Angst vor brenzligen Situationen wischt Weil beiseite. Als sich ein Mann in kurzer Hose und T-Shirt meldet, bittet der Ministerpräsident ihn kurzerhand nach vorn und hält ihm sein Mikrofon entgegen.

Der Zuschauer entpuppt sich als harter Impfgegner, berichtet davon, dass sich seine Frau als Kassiererin mit vielen Kundenkontakten genauso wie er selbst sich bislang nicht mit Corona angesteckt habe. Die Impfung mit ihren vielen Risiken sei da doch überhaupt nicht gerechtfertigt, behauptet der Mann. Weil lächelt und kontert: „Wenn Sie eine so robuste Frau haben, kann ich nicht nur Ihrer Frau, sondern auch Ihnen herzlich gratulieren.“ Der Mann geht völlig verdutzt und ganz friedlich zu seinem Platz zurück.

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