Landkreis Nienburg Gigantisches Energieprojekt auf ehemaligem Militärgelände geplant

Auf einem ehemaligen Militärgelände in Steyerberg sollen schon bald riesige Windräder den Öko-Strom für die Produktion von grünem Wasserstoff liefern. Vor Ort informierte sich Ministerpräsident Stephan Weil.
05.07.2022, 17:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Gigantisches Energieprojekt auf ehemaligem Militärgelände geplant
Von Peter Mlodoch

Neben dem alten Nato-Bunker zieht ein Weißstorch friedlich seine Bahnen und landet sanft im Gras. Bis 1992 lagerten in dem getarnten Flachgebäude noch amerikanische Atomwaffensprengköpfe. Auch eine Landessammelstelle für radioaktive Abfälle gab es bis in die 90-er-Jahre hier auf dem mit hohen Zäunen gesicherten Gelände des Forstguts Eickhof im Flecken Steyerberg (Landkreis Nienburg). Aus der Ferne ist ab und zu Schrotflinten-Geballere vom Schießstand Liebenau der Landesjägerschaft zu hören. Doch das sind an diesem Dienstag nur unbedeutende Nebengeräusche. „H2art of Lower Saxony“ heißt das gigantische Energie-Projekt, das dessen Protagonisten stolz dem staunenden Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) präsentieren.

Der doppeldeutige Name hört sich übersetzt nicht nur an wie „Herz von Niedersachsen“. Sondern das „H2“ steht auch für Hydrogen. Also für Wasserstoff, der, wenn er durch Ökostrom erzeugt wird, als wichtiger Pfeiler einer grünen und autarken Energieversorgung gilt. Zwölf neue riesige Windanlagen mit einer Gesamthöhe von jeweils 240 Metern will der heimische Entwickler Westwind Energy hier in den Wäldern errichten. In den 30-er und 40-er Jahren ließen die Nationalsozialisten von 20.000 Zwangsarbeitern hier Sprengstoffe produzieren. 2000 Menschen starben damals.

Jährlich 180 Millionen Kilowattstunden Strom

Jetzt zeigen farblich markierte Schneisen entlang der asphaltierten Wege durch das zwölf Quadratkilometer große Militärareal bereits die ersten Standorte der künftigen Windräder. Jährlich 180 Millionen Kilowattstunden Strom sollen sie in zwei Jahren liefern, kündigt Geschäftsführer Gerard Meindertsma an. „Damit könnte man eine Kleinstadt wie Nienburg versorgen.“ Doch das ist nicht der Plan. Ein Teil des Windstroms soll per Elektrolyse Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff trennen. Der Rest soll in Stromnetz eingespeist werden. Und Widerstand von Anwohnern und Naturschützern? „Wir haben kein Problem mit unseren Bürgern“, sagt Bürgermeister Marcus Meyer (parteilos). Seine Gemeinde selbst erwirbt drei Windräder, die Einwohner sollen durch einen eigenen Spezialtarif vom Öko-Strom finanziell profitieren: „Die warten darauf schon.“

Schwieriger gestalten sich da die komplizierten Genehmigungsverfahren. Fünf Jahre brauche man von Planung bis Betrieb, sagt der Westwind-Chef. Damit ist sein Unternehmen im bundesweiten Vergleich zwar dank guter Drähte zu den heimischen Behörden und friedlicher Nachbarn noch relativ gut dran; acht bis zehn Jahre sind sonst durchaus üblich. „Aber das muss wesentlich schneller gehen“, fordert Meindertsma. „Wenn ich sehe, dass jetzt wieder Kohlekraftwerke ans Netz gehen, treibt es mir Tränen in die Augen.“

Weil verspricht weniger Bürokratie

Bürgermeister Meyer hat für den hohen Besuch aus Hannover auch gleich mehrere Verbesserungsvorschläge parat. Man müsse das Baugesetzbuch so ändern, dass Öko-Stromanlagen im Außenbereich von Kommunen leichter errichtet werden könnten. „Da rennen Sie bei uns offene Scheunentore ein“, erwidert Regierungschef Weil. Bei der zweiten Bitte des Bürgermeisters, seine Kommune doch zur „Go-To-Area“ auszurufen, zögert der Ministerpräsident dagegen. Dahinter verbirgt sich ein Turbo-Programm der EU zur Beschleunigung von Windanlagen. „Da besteht die Garantie, dass diese in einem Jahr genehmigt werden müssen“, erklärt Meyer. Weil ist da nicht zuletzt wegen des Rechtsschutzes skeptisch: „Ich habe jetzt ein neues Wort gelernt. Da muss ich mich erst mal schlaumachen.“

Ganz begeistert zeigt sich der Ministerpräsident dagegen von den Rahmenbedingungen für das „H2art“. Hier passe ja alles, meint Weil. „Es ist ja gerade so, als ob dieses Gelände nur darauf gewartet hätte, für die Energiewende genutzt zu werden.“ Eine Ferngasleitung führt hier vorbei, außerdem ein überörtliches Gasrohr. Der Gasspeicher Rheden ist nicht weit weg.  84 Kilometer für den Schwerlastverkehr geeignete Straßen samt Anschluss zur Weser durchziehen die Konversionsfläche „Eickhofer Heide“, 30 Kilometer Schienen. Aus Nazi-Zeiten gibt es noch einen Güterverladebahnhof.

Es existiert bereits ein Windstrom-Umspannwerk; die künftige 380 kV-Nord-Süd-Stromtrasse soll hier vorbeilaufen. Direkte Nachbarn sind eine große Biogasanlage und das Chemiewerk Oxxynova, Europas größter Hersteller des Grundstoffs DMT für die Polyester-Industrie. Mit der Abwärme aus der Produktion vorsorgt die Firma 400 Haushalte und öffentliche Gebäude in Steyerberg. Oxxynova, das bisher normales Erdgas verbraucht, sieht seine Zukunft in grünem Wasserstoff und in e-Fuels, aus erneuerbaren Materialien gewonnene Kraftstoffe.

Untersuchung von Altlasten

Eigentümer Alexander Schönburg-Hartenstein, der das belastete Gelände nach achtjährigen Verhandlungen und unter kritischen Augen von Umweltschützern 2018 erworben hatte, berichtet von Fortschritten bei der Untersuchung von Altlasten-Verdachtsfällen. 2019 hatten seine Firma und das niedersächsische Umweltministerium eine Vereinbarung über die mögliche Sanierung von verseuchten Böden getroffen. Kürzlich ist der Forstwirtschaftler mit seiner Familie in die von Grund auf renovierte alte Telefonzentrale des Rüstungsbetriebs gezogen. Jetzt denkt er darüber nach, ob und welche der rund 400 Gebäude auf dem Gelände wirtschaftlich genutzt werden können.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht