Kriminalität Studie: Gewalt gegen Polizisten nimmt zu

Berlin. Gewalt gegen Polizisten ist einer Studie zufolge ein wachsendes Problem. Vor allem Streifenbeamte litten zunehmend unter Gewaltausbrüchen von Bürgern, sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, in Berlin.
26.05.2010, 18:47
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Berlin. Gewalt gegen Polizisten ist einer Studie zufolge ein wachsendes Problem. Vor allem Streifenbeamte litten zunehmend unter Gewaltausbrüchen von Bürgern, sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, in Berlin.

Die Täter würden jünger - zudem sei deutlich häufiger als früher Alkohol im Spiel. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) forderte eine härtere Bestrafung der Täter. Das Thema steht auch auf der Tagesordnung der Innenministerkonferenz, die an diesem Donnerstag in Hamburg beginnt.

Neben Schünemann wollen auch einige andere CDU-Politiker durchsetzen, dass Angriffe auf Polizisten härter bestraft werden. Über dieses Thema streitet derzeit die schwarz-gelbe Bundesregierung. Es liegt ein Gesetzentwurf aus dem Haus von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) vor, der der Union aber nicht weit genug geht. Pfeiffer meinte, härtere Strafen seien eher eine symbolische Geste. Um Gewalt entgegenzuwirken, seien vorbeugende Maßnahmen - etwa gegen Alkoholmissbrauch der Täter - wirkungsvoller.

Die Linken-Innenexpertin Ulla Jelpke hält härtere Strafen für wirkungslos. «Wer spontan und unter Alkoholeinfluss handelt, lässt sich auch von höheren Strafen nicht abschrecken», sagte sie. Auch Leutheusser-Schnarrenberger wies die Forderungen Schünemanns zurück. Nötig sei ein Gesamtkonzept. «Das beginnt bei der Ausstattung und ausreichendem Personal und hört nicht bei der Aus- und Fortbildung auf», sagte sie der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Donnerstag).

Pfeiffer sagte, vor allem Überraschungsangriffe aus scheinbar harmlosen Situationen heraus machten Polizisten zu schaffen. «Die Helden des Alltags der Polizei sind die Streifenbeamten, die ganz schlicht ihren Job machen und nichts Böses ahnend um eine Ecke gehen und auf einmal voll einen Prügel ins Gesicht kriegen.» Weniger schwere Verletzungen gebe es dagegen beispielsweise bei den Beamten, die in Sondereinsatzkommandos arbeiteten oder bei Fußballspielen und Demonstrationen eingesetzt seien. Sie seien besser durch ihre Ausrüstung geschützt - Angriffe würden hier eher erwartet.

Für die Studie wurden die online ausgefüllten Fragebogen von rund 21 000 Polizisten aus zehn Bundesländern ausgewertet. Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, im Jahr 2009 beleidigt oder bedroht worden zu sein. Fast die Hälfte wurde gestoßen oder geschubst. Ein Viertel berichtete von Schlägen und Fußtritten. Mit einer Waffe oder einem anderen gefährlichen Gegenstand wurden mehr als 14 Prozent bedroht - fast 9 Prozent wurden damit tatsächlich auch angegriffen.

Die Zahl derer, die nach einem Angriff mindestens sieben Tage dienstunfähig waren, nahm von 2005 bis 2009 um rund 60 Prozent zu. Allerdings bewegen sich die Fallzahlen auf einem relativ niedrigem Niveau (Anstieg von 203 auf 325 Fälle). Zudem stützt sich die Studie allein auf die Erinnerung der Beamten. Fast 13 Prozent der Befragten gaben an, dass sie zwischen 2005 und 2009 nach einem Gewaltangriff mindestens einen Tag dienstunfähig waren.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes arbeiten bei Bund und Ländern insgesamt rund 260 000 Polizisten. Der Online-Fragebogen der Wissenschaftler hatte Kritik ausgelöst, weil einige Fragen auf das Privatleben und die Kindheit der Polizisten abzielten. Daraufhin änderte Pfeiffer einige Fragen. Sechs Bundesländer und die Bundespolizei nahmen dennoch nicht an der Studie teil.

Die Gewerkschaft der Polizei erklärte, die Studie belege, dass der Alltag der Polizisten risikoreicher, brutaler und unvorhersehbarer werde. Die Beamten müssten durch eine wirksamere Abschreckung besser geschützt werden, sagte GdP-Chef Konrad Freiberg. Die Deutsche Polizeigewerkschaft unterstützte die Studie nicht. Vize-Chef Hermann Benker sagte, sie sei nicht repräsentativ. Im Vorfeld sei sie mit Spekulationen und Kritik belastet worden. Viele Polizisten hätten dann keine Lust mehr gehabt teilzunehmen. (dpa)

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