Facebook, Instagram - und Tinder

Wie Hamburgs Politiker auf Social Media um Stimmen kämpfen

Bei der Bürgerschaftswahl geben Hamburgs Politiker alles: In den Sozialen Medien sind sie so präsent wie selten. Neben Facebook, Instagram und Twitter setzen einzelne Kandidaten auch auf Tiktok und Tinder.
21.02.2020, 08:13
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Wie Hamburgs Politiker auf Social Media um Stimmen kämpfen

Eine Mitarbeiterin aus dem Wahlkampfteam von Katharina Fegebank (Bündnis 90/Die Grünen), fotografiert während eines Talks.

picture alliance/Georg Wendt/dpa

Der Kampf um Wählerstimmen findet nicht mehr nur auf Plakaten und Wochenmärkten statt. Längst hat er sich auf Smartphones, Desktops und Tablets verlagert. Wenige Tage vor der Bürgerschaftswahl sind Hamburgs Politikerinnen und Politiker in den Sozialen Medien so präsent wie selten. „Keine Wahl im Jahr 2020, gerade in einer urbanen Metropolregion wie Hamburg, funktioniert ohne Online“, sagt Martin Fuchs, Politik- und Digitalberater aus der Hansestadt. Eine erfolgreiche Kampagne funktioniere nur, wenn Online und Offline ineinander greifen. Wer auffallen will, setzt auf ausgefallene Formate.

„Man muss in der Politik dort proaktiv auftreten und dort Präsenz zeigen, wo die Leute aktiv sind“, sagt der 23-jährige Carl Coste, der für die FDP auf Listenplatz 5 kandidiert. An dem Landesvorsitzenden der Jungen Liberalen Hamburg kommt man, beziehungsweise Frau, auf der Dating-Plattform Tinder kaum vorbei. Lässig an einem Geländer lehnend, lächelt der Jura-Student durch seine runde Brille der potenziellen Wählerin entgegen. „Moin ich bin Carl und Dein Kandidat für die Hamburger Bürgerschaftswahl. (...) Swipe nach rechts oder schreib mir auf Insta und lass uns über die Zukunft von Hamburg reden!“, heißt es in seinem Profil, wo andere Angaben zu Hobbys oder Vorlieben machen. „Es geht mir primär darum, möglichst niedrigschwellige Angebote zu schaffen, um über Politik ins Gespräch zu kommen,“ erklärt der Jungliberale. Ganz überwiegend würde dieses Angebot sehr positiv angenommen.

Weil in Hamburg Wählen ab 16 Jahren möglich ist, kommt neben Facebook und Instagram auch der bei Jüngeren sehr beliebten Video-Plattform Tiktok eine besondere Rolle zu. Der 21-Jährige Jonas Bayer, der für die FDP auf dem Landeslistenplatz 19 kandidiert, präsentiert in einem Kurzvideo zu übersteuerten Hip-Hop-Beats in weißem Hemd und Sakko „drei Dinge, für die die FDP steht: 5G Internet überall, Verbot von Zirkustieren, Abschaffung der Bonpflicht“.

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Mit über 50.000 Impressions dürften diesen Clip insgesamt mehr Menschen gesehen haben als den Facebook-Post mit dem offiziellen Wahlkampf-Video der Hamburger SPD (37.000 Views) – auch wenn die Views der SPD zielgerichteter von Hamburgerinnen und Hamburgern kommen dürften, während Bayer seine Reichweite wohl bundesweit eingesammelt hat, da Tiktok weniger steuerbar ist.

„Social Media ist mittlerweile die drittwichtigste Nachrichtenquelle neben TV und Radio, das zeigt die Relevanz dieses Kanals, um Menschen zu erreichen, die nicht mehr die Tagesschau oder das Hamburg Journal einschalten“, erklärt Fuchs. Das Nachrichtenkonsumverhalten habe sich fundamental verändert. Das Besondere am Online-Wahlkampf sei die Form der Push-Kommunikation: „In den sozialen Medien kriege ich politische Inhalte in mein Leben gespielt, obwohl ich vielleicht gar nicht danach gefragt habe, durch virale Effekte, Algorithmen, Freunde, die etwas teilen.“

Auf Social Media geht es wie am Info-Tisch auf dem Wochenmarkt um den persönlichen Kontakt, den Austausch, die Interaktion mit dem Wähler. Die Linken-Spitzenkandidatin Cansu Özdemir ist darin mit mehr als 25.000 Followern auf Twitter besonders gut und stellt die Kandidaten der beiden Regierungsparteien, Peter Tschentscher (SPD, rund 7400 Follower) und Katharina Fegebank (Grüne, rund 10.300 Follower), in den Schatten. „Sie hat es geschafft, auf verschiedenen Kanälen eine sehr aktive Community aufzubauen, die sie über die Jahre hinweg bedient und zu der sie Vertrauen aufgebaut hat“, erklärt Fuchs.

Die regierende SPD hat ihr Social-Media-Budget für den Online-Wahlkampf nach eigenen Angaben im Vergleich zu 2015 deutlich erhöht. Der Fokus des achtköpfigen Teams liege klar auf Spitzenkandidat Tschentscher. Frage-und-Antworten-Aktionen in Instagram-Stories und Facebook-Live-Fragestunden seien besondere Formate. Genau wie die Grünen und die CDU hat die SPD eine externe Agentur damit beauftragt, über Social Media so viele potenzielle Wählerinnen und Wähler zu gewinnen wie möglich.

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Die Grünen Spitzenkandidatin Katharina Fegebank will mit einem Youtube-Gesprächsformat, dem „Grünen Salon“, überzeugen. Die CDU setzt auf Marcus Weinberg, den man im Podcast „Gespräche auf dem Feuerschiff“ oder im Video-Format „17 Tage – 17 Wahlkreise“ durch den Wahlkampf begleiten konnte.

Die Social-Media-Stars der Liberalen sind laut FDP Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels, die Landesvorsitzende Katja Suding, die Juli-Bundesvorsitzende Ria Schröder und Platz-5-Listenkandidat Carl Coste. Die Linke setzt auf Cansu Özdemir. Die AfD macht zu ihrer Strategie keine genaueren Angaben. Ihr Spitzenkandidat Dirk Nockemann ist auf Facebook aber vergleichsweise stark vertreten.

15 bis 30 Prozent des Wahlkampf-Budgets geben Parteien im Schnitt für ihren Social-Media-Wahlkampf aus, schätzt Fuchs. Dabei sei der Anteil bei den kleineren Parteien, die insgesamt weniger Geld zu Verfügung haben, höher.

Fuchs hat den Eindruck, dass sich der Online-Wahlkampf grundsätzlich professionalisiert hat: Die Teams seien größer, die Kompetenzen besser, die Ressourcen hätten sich zu Gunsten des Digitalen verschoben. „Aber ich sehe wenig Innovation, vor allem sehe ich tendenziell nicht, dass sich die Parteien in den Jahren zwischen den Wahlen bemüht hätten, Online-Communities aufzubauen, die sie jetzt bedienen können.“ Auch gebe es abgesehen von einzelnen Ausnahmen zu wenig Dialog. „Da wird sehr, sehr viel Potenzial in Hamburg noch verschenkt.“

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