Entsetzen und Unverständnis

Internationale Pressestimmen zum Anschlag in Hanau

Der Anschlag von Hanau sorgte für Entsetzen in der Politik, in der Gesellschaft und auch in der Presse. Am Freitag nimmt das auch in internationalen Medien großen Raum ein.
21.02.2020, 15:23
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Von dpa
Internationale Pressestimmen zum Anschlag in Hanau
Nicolas Armer

Nach dem Anschlag in Hanau gehen in vielen Städten Menschen auf die Straße und gedenken der Opfer. Politisch wird vor allem über eine Partei diskutiert und über den Umgang mit rechtem Terror. Und auch in der internationalen Presse nimmt das Thema großen Raum ein. Ein Überblick:

„The Times“ (Großbritannien)

„Das deutsche Innenministerium schätzt, dass es im Land jetzt 12 700 Rechtsextremisten mit einer Neigung zur Gewalt gibt. Das allein wäre schon eine große Herausforderung. Aber zwei Faktoren machen die Sache noch schwieriger. Der erste ist, dass verschiedene Stränge der extremen Rechten sich anscheinend im Internet kreuzen und dass Einzelgänger leicht Zugang zu einem Arsenal an Kontakten, Anleitungen für Waffen und rassistischen Doktrinen finden. Der zweite besteht darin, dass Deutschlands Sicherheitsapparat viele Jahre lang darauf ausgerichtet wurde, sich auf die vom islamistischen Terrorismus ausgehende Bedrohung zu konzentrieren. Kritiker argumentieren, dass er lange Zeit zu selbstgefällig - oder gar vorsätzlich blind - auf das Aufkommen einer flexiblen, heterogenen und internationalisierten extremen Rechten reagierte und es daher versäumte, angemessene Ressourcen für deren Überwachung bereitzustellen.“

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„Guardian“ (Großbritannien)

„Angela Merkels bevorstehender Abschied von der Bühne bedeutet, dass eine Periode politischer Turbulenzen unvermeidlich ist. Doch während die erfolgreichste Partei der Nachkriegsära in Deutschland über ihre künftige politische Richtung nachdenkt, sollten die Ereignisse von Hanau all jenen stark zu denken geben, die versuchen möchten, die äußerste Rechte zu zähmen, einzubinden oder zu imitieren. Der Sperrgürtel zur Isolierung der AfD und ihresgleichen muss aufrechterhalten werden.“

„El Mundo“ (Spanien)

„Die beiden Schießereien, bei denen am Mittwochabend in der deutschen Stadt Hanau elf Menschen ums Leben kamen, sind die tragische Folge des europaweiten Erwachens des Populismus und der extremen Rechten, die bei den europäischen Wählern immer mehr Unterstützung finden.“

„El Periódico“ (Spanien)

„Das Schlimmste an dem Anschlag ist, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Deutschland, dessen Kanzlerin Angela Merkel sich in der Migrationskrise von 2015 vorbildlich verhalten hat, lebt in bewegten Zeiten mit der Vermehrung von Neonazi-Gruppen und den Wahlzugewinnen der ultrarechten Alternative für Deutschland (AfD). Das Phänomen ist nicht neu, aber in letzter Zeit hat es sich verschlimmert.“

„Rzeczpospolita“ (Polen)

„Wenn jemand willkürlich auf Menschen schießt, die spät abends eine Kneipe besuchen, dann muss das kein Terrorismus sein. Aber in Hanau war es anders. Denn wenn der Schütze in sozialen Medien schreibt, dass er Fremde hasst und über die Liquidierung schlechterer Nationen spekuliert, dann ist er ein Terrorist. Ein rassistischer, rechtsextremer, flüchtlingsfeindlicher und vermutlich auch (...) nationalistischer Terrorist. Das wird vielen bestimmt nicht gefallen, da sie den Terrorismus auf islamistische Fundamentalisten beschränken wollen.“

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„De Standaard“ (Belgien)

„Dass die Regierung das Problem erkennt und benennt - Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) sagte, 75 Jahre nach Ende der NS-Diktatur sei der rechte Terror wieder da - ist ein Schritt nach vorn. Denn lange Zeit hat die deutsche Gesellschaft so getan, als ob sie das rechtsextreme Monster gebannt hätte. In den 1960er Jahren wurde die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) gegründet, schaffte jedoch nie den Durchbruch. Und während im übrigen Europa die rechtsextremen Parteien schnell wuchsen, schien Deutschland das letzte gallische Dorf zu sein, das standhielt. Die Deutschen schienen definitiv ihre Lektion gelernt zu haben. Oder steckten sie nur wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand?“

„De Morgen“ (Belgien)

„Experten zufolge sind die Gewalttäter häufig Menschen, die sich im Internet radikalisieren, ohne dass ihre Umgebung davon etwas mitbekommt. Die Deutschen sprechen in diesem Zusammenhang von „Terroristen neuen Stils“, die nicht Teil einer bei den Behörden bekannten Organisation sind, sondern in der Anonymität operieren. Der Mann, der den CDU-Politiker Walter Lübcke erschoss, hatte allerdings Kontakte mit Neonazi-Organisationen. Einer dieser Clubs, Combat 18 (die Zahl verweist auf die Initialen von Adolf Hitler), wurde unlängst verboten.“

„La Voix du Nord“ (Frankreich)

„Bundeskanzlerin Angela Merkel räumt ein: „Dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft“. Im Juni wurde ein einwanderungsfreundlicher CDU-Politiker ermordet. Im Oktober kamen bei einem Anschlag auf die Synagoge von Halle zwei Menschen ums Leben. Es wäre falsch, sich auf Deutschland zu konzentrieren. Der giftige Glaube an die Vorherrschaft der Weißen breitet sich aus.“

„L'Alsace“ (Frankreich)

„Sein Name war Tobias, er war 43 Jahre alt und studierte Management. Hinter dem reibungslosen Image dieses in jeder Hinsicht scheinbar guten Deutschen steckte in Wirklichkeit ein offen rassistischer Mann, ein Anhänger von Verschwörungstheorien. Tobias R. ging von der Ideologie zur Praxis über und ermordete neun Menschen aus rassistischen Motiven (...). Islamismus auf der einen Seite, Glaube an die Vorherrschaft der Weißen auf der anderen... Es gibt keine Hierarchie im Schrecken eines Terroranschlags (...).“

„La Repubblica“ (Italien)

„Das Monster wacht auf, und Deutschland macht uns wieder Angst. Es macht uns noch mehr Angst, denn es sieht uns ähnlich. Seine soziale Krankheit ist unsere. (...) Die Anbindung an die Europäische Union, und damit an eine übernationale Struktur, die jede Bestrebung des wiedervereinigten Deutschlands in Richtung Großmacht abwenden sollte, schürt das Wiederaufleben eines aggressiven Nationalismus in einer zerrissenen Gesellschaft, die sich in ihrem Wohlergehen bedroht fühlt.“

„Corriere della Sera“ (Italien)

„Das Massaker von Hanau ist ein weiterer rassistischer Terrorakt gegen ethnische oder religiöse Minderheiten, der in einem deutschen Bundesland verübt wird. Zu lange unterschätzt, zeigt das weite Spektrum der neonazistischen Ultrarechten so, dass diese eine diffuse Erzählung von Hass, Fremdenfeindlichkeit und Aufstachelung zur Gewalt geschaffen haben, die Früchte trägt und die Gruppen oder Einzelpersonen dazu bringt, blutige kriminelle Pläne wahr zu machen.“

„Rossijskaja Gaseta“ (Russland)

„Ganz Deutschland ist schockiert über die Tragödie in der Stadt Hanau mit ihren 100 000 Einwohnern in der Nähe der deutschen „Wirtschaftshauptstadt“ Frankfurt am Main. Ein Bewohner, der 43-jährige Tobias R., verübte dort einen Anschlag auf zwei Shisha-Bars, bei dem neun Menschen getötet und fünf weitere schwer verletzt wurden - um deren Leben die Ärzte weiter kämpfen. (...) In Deutschland wird schon lange über eine wachsende rechtsextreme Haltung gesprochen, auch unter Polizisten und Soldaten.“

„Tages-Anzeiger“ (Schweiz)

„Die Gefahr ist aber auch gewachsen, weil rassistische Hetze in der Gesellschaft heute verbreiteter und sichtbarer ist als vermutlich jemals zuvor seit Bestehen der Bundesrepublik. Im Internet wird Einwanderern, vor allem Muslimen, tausendfach Deportation, Gewalt oder Tod angedroht. Bei Pegida in Dresden, bei den Neuen Rechten, bei den sogenannten Reichsbürgern und auch bei manchem Politiker der Alternative für Deutschland werden Woche für Woche rassistische Parolen laut, die nicht viel weniger aggressiv und menschenverachtend tönen als jene des rechten Terroristen von Hanau.“

„Neue Zürcher Zeitung“ (Schweiz)

„Die wehrhafte Demokratie vermag allerdings zu unterscheiden zwischen rechter Demagogie im Stil eines Björn Höcke und Rechtsterrorismus wie in Hanau, Halle oder Kassel. Sie konnte das in den siebziger Jahren, als eine vernünftige Mehrheit Linksterrorismus nicht mit Linksextremismus gleichsetzte. So wurde die Grundlage gelegt, um die Täter der Rote-Armee-Fraktion gesellschaftlich zu isolieren und den Linksterrorismus zu vernichten. Vielleicht ist das die größte Tugend des Rechtsstaats: dass er Grenzen definiert, wo andere sie zum Zweck der Propaganda verwischen. Heute wird Deutschland ebenfalls klug genug sein, nicht alles aus einer verständlichen Empörung heraus in einen Topf zu werfen – Terroristen und Populisten.“

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„Die Presse“ (Österreich)

„Nach dem Attentat auf die Synagoge in Halle, nach der jüngsten Verhaftung von „Teutonico“ und seiner Gruppe, die angeblich Anschläge auf Moscheen plante, hat Deutschland dringenden Bedarf, über den lang unterschätzten Rechtsextremismus zu diskutieren. Und auch der Mörder von Hanau war ja offenkundig vom rassistischen Gift befallen, das gratis, ungefiltert und in rauen Mengen im Internet verabreicht wird. Doch es handelt sich um die Tat eines Menschen, dem vor Gericht wahrscheinlich die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen worden wäre. Als Idol für die rechtsextreme Szene wird er nicht taugen. Gefährlicher als er sind die zielgerichteten Terrororganisationen im Untergrund – und ihre Ideologie.“

„Kurier“ (Österreich)

„Es ist auch eine Stimmungslage, die Mörder wie jenen in Hanau zur Tat schreiten lassen. Wenn Politiker, namentlich der rechtsradikalen AfD, quasi in Permanenz auf Ausländer und/oder Islamisten verbal hinprügeln und sie als Sündenböcke für alles Mögliche denunzieren, säen sie Hass und bereiten den Boden für solche Verbrechen. Und wenn der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland die Nazi-Herrschaft mit sechs Millionen getöteten Juden als „Vogelschiss“ der ansonsten erfolgreichen deutschen Geschichte bezeichnet, beflügelt das potenzielle Rechtsterroristen.“

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