Standpunkt zum Frauentag Reformen im Islam können nur aus Europa kommen

Die Situation von Frauen im Islam ist bis heute prekär, Lösungen sind nicht in Sicht. Veränderungen müssen von außen kommen, meint Nahost-Korrespondentin Birgit Svensson.
08.03.2021, 05:00
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Reformen im Islam können nur aus Europa kommen
Von Birgit Svensson

Seit fünf Jahren will Noor sich scheiden lassen. Es gelingt ihr nicht. Sie findet keinen Richter, der sie vom Joch ihrer Ehe befreit. Die Irakerin kann die Demütigungen ihres Ehemannes nicht mehr ertragen, der sie öffentlich diffamiert, wenn sie sich seinem Willen nicht beugen will und, wie er es nennt, ungehorsam ist. Je mehr sie sich ihm verweigert, desto aggressiver wird er. „Hat er sie geschlagen“, fragte der Richter, als sie die Scheidung beantragte. Das nicht, habe sie wahrheitsgetreu geantwortet, aber „ich kann mit ihm nicht mehr leben“. Das sei kein Scheidungsgrund, war die Antwort. Das Szenario wiederholte sich mehrmals. Noor ist verzweifelt. Und obwohl ihr Name übersetzt Licht bedeutet, sieht sie derzeit keines am Ende des Tunnels.

Wie in fast allen islamischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens gilt auch im Irak die Scharia als Quelle des Rechtsverständnisses – in manchen Ländern eingeschränkt, in anderen in Gänze. Das islamische Recht gibt Anweisungen für das Verhalten in Familie und Gesellschaft. Dazu gehört das Ehe- wie das Straf- und das Erbrecht. Die Scharia reglementiert auch die Gottesverehrung. Ihre Grundlage ist der Koran. Dort heißt es in Vers 2:223: „Eure Weiber sind ein Saatfeld für euch. Darum bestellt euer Saatfeld, wie ihr wollt.“

Dieser Text beschwört ein Bild einer Frau herauf, die ihr ganzes Leben nur passiv bleiben darf, während ihr Mann sie pflügt, besät und bewässert. Wie ein Saatfeld trägt sie jedes Jahr Frucht in Gestalt eines Kindes, das im selben Moment, in dem es die Gebärmutter verlässt, seinerseits wie die Frau zum Besitz des Mannes und dessen Stamm wird. Es ist der wohl frauenfeindlichste Text im Koran, der durch andere Texte zwar teilweise revidiert und ausgeglichen wird, aber trotz allem als Grundlage des Denkens und der Rechtsprechung über Generationen hinweg gilt und die Unterdrückung der Frauen zementiert. Noor erzählt, dass ihre Zeugen, die die Zerrüttung ihrer Ehe vor Gericht bestätigen wollen, regelmäßig einknicken, wenn sie vom Richter aufgefordert werden, auf den Koran zu schwören.

„Nehmt den Männern den Koran!“, heißt deshalb ein Buch der Ägypterin Nahed Selim, die für eine weibliche Interpretation des Islam wirbt. Sie ist in einem Dorf im ägyptischen Nildelta geboren, 68 Jahre alt und lebt seit vielen Jahren in Amsterdam. Ihr Buch erschien zunächst auf Holländisch und wurde dann in andere Sprachen übersetzt, etwa ins Deutsche und Türkisch. Eine arabische Fassung gibt es nicht. Das spricht Bände. Wenn man ihre Thesen und Ausführungen liest, kann man sich den Grund dafür vorstellen. So führt sie etwa Beweis, dass in keiner Sure und in keinem Vers des Korans steht, dass Frauen Schleier tragen müssen. Die meisten Regeln zur Unterdrückung der Frau seien im Laufe der Jahrhunderte von den ausschließlich männlichen islamischen Theologen in den Koran hineingeschmuggelt worden. Die Unterdrückung der muslimischen Frauen sei durch Fehlinterpretationen angeblich authentischer Texte und falschen Übersetzungen legitimiert.

Allerdings sei der Saatgut-Vers nicht wegzudiskutieren, meint auch Selim. Sie ruft die Frauen auf, selber den Koran zu lesen und zu interpretieren: der längst überfällige Beginn einer weiblichen islamischen Theologie.

Gerade macht der gescheiterte Fluchtversuch der Tochter des Emirs von Dubai Schlagzeilen. Prinzessin Latifa soll von ihrem Vater in einer wie ein Gefängnis anmutenden Villa festgehalten werden. Ein zwei Jahre altes Video zeigt sie eingeschüchtert auf der Toilette um Hilfe bittend. Sie wird wenige Chancen haben, ihrem autoritären Vater zu entkommen.

In den Überlieferungen des Propheten Mohammed steht: „Eine Frau darf nie länger als drei Tage verreisen, wenn sie nicht ein Mahram-Verwandter begleitet.“ Das sind Familienangehörige des anderen Geschlechts, die sie nicht heiraten können, beispielsweise Bruder, Vater, Großvater. Folglich darf eine Frau auch nicht allein ins Ausland reisen ohne Mahram-Begleitung.

Auch wenn Dubai sich gerne weltoffen und tolerant gibt, nach innen gelten die strikten Regeln der Scharia. In einer solchen Umgebung gibt es wenig Hoffnung auf Reformen. Die müssen aus einer anderen Region kommen: aus Europa.

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