Bremer Anwalt zum Wirecard-Skandal

„Größe der Summe zeigt sehr deutlich die kriminelle Energie“

Im Interview erzählt Anwalt Jan-Henning Ahrens was er vom Wirecard-Skandal betroffenen Mandanten empfehlen würde und was sich an bei der Bankenaufsichtsbehörde ändern muss, um weiter Skandale zu vermeiden.
23.07.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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„Größe der Summe zeigt sehr deutlich die kriminelle Energie“
Von Lisa Boekhoff
Von der Erfolgsstory zum handfesten Wirtschaftskrimi: Was denken Sie über den Fall Wirecard?

Jan-Henning Ahrens: Es tauchen immer wieder Finanzskandale auf, obwohl diverse Regularien genau solche Fälle verhindern sollen. Wie es dazu kommen konnte, dass 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz über Jahre von Wirtschaftsprüfern bestätigt wurden, die vermutlich gar nicht existierten, ist mir ein Rätsel. Allein die Größe der Summe zeigt sehr deutlich die kriminelle Energie – mutmaßlich auf Vorstandsebene.

Für Anleger muss die Insolvenz ein Schock gewesen sein. Wer wird für den Schaden belangt?

Die Anleger sind immens enttäuscht, weil sich ein für sicher gehaltenes Produkt als Totalverlust erwiesen hat. Der Aktienkurs stieg zuvor über Jahre. Die Anleger wollten bis zuletzt nicht glauben, dass eine Insolvenz droht. Natürlich können sie gegen die Wirecard AG vorgehen oder die Vorstände. Juristisch etwas komplexer ist ein Verfahren gegen die Wirtschaftsprüfer, an allererster Stelle Ernst & Young und möglicherweise KPMG.

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Und was raten Sie Ihren Mandanten?

Jeder Fall hat sehr individuelle Facetten. Es gibt Aktienkäufer oder Derivatekäufer, die auf fallende oder steigende Kurse gesetzt haben. In einigen Fällen haben wir festgestellt, dass einzelne Banken – auch in der Region rund um Bremen – offensichtlich diese Aktie weiter empfohlen haben, obwohl schon über Unregelmäßigkeiten berichtet wurde. Das ist bisher kaum problematisiert worden. An der Stelle ist vielleicht der schnellste und erfolgversprechendste Weg, gegen die Bank vorzugehen, bei der man den Aktienauftrag platziert hat. Das werden wir auf jeden Fall versuchen.

Um welche Banken geht es?

Es sind verschiedene Volksbanken in der Region rund um Bremen. Die DZ Bank hat dieses Produkt auch vermittelt. In diesen Fällen kann man die Beratung prüfen.

Wie viele Wirecard-Fälle hat Ihre Kanzlei bereits übernommen?

Wir haben rund 150 Anfragen bekommen und einige Dutzend Fälle auch in Bremen.

Über welche Summen reden wir?

Es geht um Schäden von 10.000 Euro bis zu mehr als einer halben Million.

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Schwere Vorwürfe werden auch gegenüber der Bafin erhoben. Welche Konsequenzen sollten denn aus der Geschichte gezogen werden?

In solchen Finanzskandalen taucht die Frage nach der Bafin immer auf. Ich halte es aus heutiger Sicht für unwahrscheinlich, dass ihr überhaupt das nötige Instrumentarium für intensive Prüfungen zur Verfügung steht. Das muss sich ändern. Die Bafin sollte sich von der reinen Aufsichts- zur Kontrollinstanz entwickeln, die sich schon mit Produkten beschäftigt, wenn sie auf dem Markt erscheinen. Das ist bisher nicht ihre originäre Aufgabe. Weil es sich um eine Bundesanstalt handelt, müssen Kläger erst alle anderen Optionen ausgeschöpft haben, bevor sie hier einen Anspruch geltend machen wollen.

Einer Ihrer Kollegen sagt voraus, Ernst & Young könne die Klagewelle eventuell nicht überleben.

Für eine solche Prognose ist es noch zu früh – zumal die Wirtschaftsprüfer entsprechende Versicherungen haben werden. Dann hängt es auch davon ab, welcher Vorwurf sich nachher erhärtet. Im Falle von grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz haften die Versicherungen nicht.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Jan-Henning Ahrens

ist in seiner Bremer Kanzlei als Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht tätig. Vor­wie­gend vertritt er Ka­pi­tal­an­le­ger und In­ves­to­ren und gehört zu den Gründern von KWAG Rechts­an­wäl­te.

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