Guter Boden für Extremisten

Interview mit dem Islamismus-Experten Christoph Reuter

Christoph Reuter hat den islamistischen Terror im Irak, in Afghanistan, in Libyen und Syrien aus nächster Nähe beobachtet, jahrelang. Hier schildert er, warum er immer wieder aufflammen kann.
13.10.2018, 08:00
Lesedauer: 6 Min
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Interview mit dem Islamismus-Experten Christoph Reuter
Von Birgit Svensson
Interview mit dem Islamismus-Experten Christoph Reuter

Schlachtfeld Syrien: Kämpfer der Demokratischen Kräfte ziehen sich im März 2017 am Euphrat zurück, nachdem der IS ihre Stellungen am Tabqa-Damm massiv beschossen hat.

Rodi Said/reuters

Ist der IS in Syrien besiegt?

Christoph Reuter: Das ist die Eine-Million-syrische-Pfund-Frage, die man nicht eindeutig beantworten kann, da es eine diametral verlaufende Entwicklung gibt. Im Moment ist er bis auf sehr kleine Ecken in Syrien militärisch geschlagen . . .

Wo in Syrien ist er noch?

Er ist noch in dem sehr schwer zu kontrollierenden Euphrattal. Dort gibt es viele kleine Dörfer, viel Ackerland. Von dort kann man immer in die Wüste fliehen. Dann gibt es ein Wüstengebiet östlich von Suweida, in der Drusenprovinz im Südosten von Damaskus. Und dann gibt es immer wieder ein Auftauchen des IS wie zum Beispiel im Februar in Südidlib, wo er überhaupt keine Versorgungswege hatte, wo aber vertriebene Kämpfer aus Rakka dorthin gebracht wurden, um gegen Rebellen zu kämpfen.

Es ist nicht zu erwarten, dass der IS in Syrien komplett verschwinden wird. Militärisch zieht er sich jetzt in winzige Nischengebiete zurück, zumal die Amerikaner einen Kurswechsel vollzogen haben, nicht aus Südostsyrien und aus Rakka abzuziehen, sondern dort bis auf Weiteres zu verbleiben. Der IS wird dort also nicht wieder Fuß fassen können. Militärisch sieht die Lage für die Dschihadisten also düster aus.

Aber sowohl im Irak wie in Syrien, sind die Regierungen – oder was noch an staatlichen Strukturen vorhanden ist – nicht imstande oder willens, die weitgehend zerstörten Städte wieder aufzubauen. Rakka bleibt Ruinenstadt, Westmossul samt Stadtzentrum auch. Da passiert nichts, und die Leute haben das Gefühl, sie seien Bürger zweiter Klasse. Die Leute haben keine Häuser, in ländlichen Gebieten in Syrien sind Äcker verwüstet, Brunnen vergiftet, Häuser vermint worden.

Das heißt, es wird den Leuten extrem schwer gemacht wieder zurückzukommen – also geeignete Bedingungen für einen Wiederaufstieg von Extremisten, die sagen, wir helfen euch im Kampf gegen die anderen, gegen das Regime, die Kurden oder wie im Irak die schiitischen Hashid-Verbände. Das hat der IS langfristig angelegt im Hinterlassen von verbrannter Erde, dass es keinen nachhaltigen Frieden gibt, in dem die Menschen das Gefühl bekommen, sie seien vollwertige Bürger.

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Es ist also ein Flickenteppich, der vom Kalifat übrig ist?

Die Bedingungen für den Wiederaufstieg, der nicht mehr IS heißen muss, wo aber der IS drinsteckt, sind langfristig oder sogar mittelfristig gut. Den Leuten steht es bis zur Unterlippe. Wir waren in Rakka, im Nordirak in Hauwidscha. Die Leute sind kaputt und sagen, keine Regierung kümmert sich um uns. Wir kriegen nichts, sie behandeln uns, als ob wir alle Terroristen seien, wir wissen nicht, wie es weitergeht. Auf der anderen Seite ist die Führungsspitze des IS, die ihn ab 2013 so groß gemacht hat, zu 90 Prozent tot.

Das waren bis auf wenige Ausnahmen alles alte Geheimdienst- oder Armeeoffiziere aus Saddam Husseins Reich, die ab 2003 den langen Weg durch die Institutionen des Dschihad zurückgelegt und ab 2010 die Führung des IS übernommen hatten. Diese Leute waren Profis beim Aufbau militärischer und geheimdienstlicher Strukturen. Die entscheidende Frage wird sein, ob der IS aus den jüngeren Nachwuchskadern neue Menschen herangezogen hat, die fähig sind zur Führung, die nicht nur flammende religiöse Appelle halten, sondern fähig sind, eine neue Macht aufzubauen. Sollten sie das nicht geschafft haben, eine neue Führungsschicht heranzuziehen, werden sie auch mit ihrem Wiederaufstieg scheitern.

Boys stand on rubble of damaged buildings in Raqqa

Nur noch Schutt und Asche: Rakka, die ehemalige "Hauptstadt" des IS in Syrien. Im Oktober 2017 wurde sie von den Demokratischen Kräften Syriens zurückerobert.

Foto: ABOUD HAMAM/reuters

In Ihrem Buch beschreiben Sie eindrücklich, wie die Zusammenarbeit zwischen dem Assad-Regime in Damaskus und dem IS funktioniert.

Von 2003 bis 2009 war Syrien ein Reisebüro für in den Irak weiterreisende Dschihadisten aus Saudi-Arabien, Libyen, Tunesien. Das Kalkül in Damaskus war: Die Amerikaner dürften im Irak keinen Erfolg haben. Dafür wurde von syrischer Seite alles getan. Als Bush weg war, der Irak zu einem absoluten Fehlschlag für die Amerikaner wurde und die US-Truppen abzogen, hat man die Kooperation einschlafen lassen. Sie war nicht mehr nützlich.

Assad wollte wieder näher an den Westen heranrücken. Es gab noch große Anschläge in Bagdad 2009, aber danach wurde es ruhiger. Doch die Kontakte zwischen den syrischen und den ehemaligen irakischen Geheimdienstlern existierten weiter. Viele irakische Geheimdienstler waren nach Syrien geflüchtet, um ihrer Festnahme im Irak zu entgehen. Diese Kontakte sind zwar nur schwer belegbar. Aber wenn man sich anschaut, wie die vom IS militärisch und finanziell unterstützte Nusra-Front entstand, ist das ein Beleg dafür, dass es ein Joint Venture war aus dem irakischen IS und dem syrischen Militärgeheimdienst.

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Assad geht jetzt gegen die Nusra-Front vor, beispielsweise in der Provinz Idlib. Wie passt das zusammen?

Die Nusra-Front hat eine lange Geschichte. Entscheidend sind hierbei die Anfänge. Als es 2011 in Aleppo und auch in Damaskus riesige Anschläge gab und die Nusra-Front sich dazu bekannte, existierte die Organisation eigentlich gar nicht. Die kleinen militanten Zirkel, die es damals gab, waren noch nicht in den großen Städten. Wir haben Belege dafür, dass die Angriffe der Nusra-Front am Anfang nicht echt waren. Trotzdem wurde sie zu einer Marke.

Es gab nach den spektakulären Videos reihenweise Leute aus Saudi-Arabien, aus Kuwait, die mit Koffern voller Geld in der Südtürkei nach der Nusra-Front suchten – und bitterarme, kleine Rebellengruppen trafen, die das Geld gern nahmen und sich fortan Nusra nannten. Wir haben dieselbe Geschichte damals von mehreren Gruppen aus dem Norden der Provinz Aleppo gehört. Ab Spätsommer 2012 gab es dann tatsächlich die Nusra-Front mit echten Kämpfern. Sie war allerdings in ihrer Führung nie so zentral organisiert wie alle anderen syrischen Rebellengruppen. Doch die Kontakte heute zwischen der Nusra-Front oder Hayat Tahrir al-Sham, wie sie sich jetzt nennt, und dem Regime in Damaskus sind nie so intensiv gewesen wie zwischen dem IS und Assad.

Wie stellten sich diese Kontakte dar?

Der IS, der ab Januar 2014 von allen Rebellengruppen im Norden konzertiert angegriffen und beinahe aus Syrien vertrieben wurde, konnte sich in den monatelangen Kämpfen auf ungewöhnliche Hilfe stützen: Wenn man sich die militärischen Details in den Provinzen Idlib, Aleppo, Rakka anschaut, fallen die regelmäßigen Angriffe von Assads Luftwaffe auf. Nur die bombardierte damals stets die Rebellen, nicht den IS, nicht einmal dessen unübersehbares Hauptquartier im Gouverneurssitz von Rakka. Dass der IS ab März 2014 Teile des Nordens zurückerobern konnte, etwa die Stadt al-Bab, verdankt er ganz wesentlich den Luftangriffen auf seine Gegner.

Daesh in Syrien

Propaganda unter der schwarzen Fahne des IS: Kämpfer der Terrormiliz posieren Ende 2015 für ein Video in der Nähe von Rakka – da war man noch auf dem Vormarsch.

Foto: Planet Pix viaZUMA Wire/dpa

Inwieweit ist die Türkei in das Ganze involviert?

Bei den Rebellen ist die Türkei von Anfang an involviert gewesen nach dem Motto, kämpft gegen Assad, aber vor allem gegen die Kurden, sprich PKK. Prekär ist das Verhältnis des türkischen Geheimdienstes zum IS. Wir haben sehr, sehr viele Belege gesammelt, es auch selbst gesehen, mit Augenzeugen gesprochen, fotografiert, dass die sogenannten humanitären Übergänge von der Türkei nach Syrien zum Transport von Nahrungsmitteln, Seife und sonstiger Güter auch als Schleusungspunkte für den IS dienten.

Man hat die Übergänge benutzt, um IS-Kämpfer reinzubringen und auch wieder raus. Wir haben ganze IS-Familien fotografiert, die hin und hergezogen sind, türkische IS-Mitglieder, die wieder zurückgingen, und so weiter. Es wurde medizinische Ausrüstung hin und hertransportiert, Pässe und Dokumente. Als im Herbst 2014 der Kampf um die kurdische Stadt Kobane tobte und die türkische Grenze dort hermetisch abgeriegelt war, wurden 60 Kilometer weiter östlich Lieferungen aller Art ins IS-Gebiet gebracht. IS-Leute wurden in türkischen Krankenhäusern behandelt. Der IS und der türkische Geheimdienst haben – um es gelinde zu sagen – eine gedeihliche Nachbarschaft praktiziert.

Die Fragen stellte Birgit Svensson.

Info

Zur Person

Christoph Reuter ist Korrespondent des „Spiegel“ und kennt sich wie kein zweiter in Syrien aus. Seit Jahren ist er dort präsent, verfolgt die Entwicklungen hautnah. In seinem Buch „Die Schwarze Macht“ legt der Islamwissenschaftler die Verwicklungen der Terrormiliz IS mit dem Assad-Regime offen, erklärt die gedeihliche Nachbarschaft mit der Türkei und wagt im Interview eine Prognose, wie es mit den Strategen des Terrors in Syrien weitergeht. Reuter lebt in Beirut.

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