US-Präsident unter Druck

Interview-Mitschnitte belasten Trump bei Umgang mit Coronavirus

Donald Trump fiel im Frühjahr mit verharmlosenden Äußerungen zur Gefahr durch das Coronavirus auf. Interview-Mitschnitte belegen nun, dass er die gravierenden Risiken durchaus kannte. Kurz vor der Wahl gerät Trump unter erheblichen Druck.
10.09.2020, 05:27
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Interview-Mitschnitte belasten Trump bei Umgang mit Coronavirus
Von Thomas Spang
Interview-Mitschnitte belasten Trump bei Umgang mit Coronavirus

Donald Trump spricht im Rahmen einer Veranstaltung im Weißen Haus. Foto: Evan Vucci/AP/dpa

Evan Vucci / dpa

Ende Januar unterrichtet der nationale Sicherheitsberater Robert O’Brien den Präsidenten im Oval Office über “die größte Bedrohung der nationalen Sicherheit, der Sie während ihrer Amtszeit ausgesetzt sein werden”. Ein anderer hoher Mitarbeiter Trumps verglich die Gefahr des zuerst in China aufgetretenen Corona-Virus mit der Grippe-Pandemie von 1918, die damals 50 Millionen Menschen tötete.

Während der US-Präsident im Februar und März dieses Jahres die chinesische Führung öffentlich für ihre Maßnahmen lobte, den tödlichen Erreger mit einer gewöhnlichen Grippe verglich und behauptete, seine Regierung habe den Virus “total unter Kontrolle”, täuschte er die Amerikaner über die tatsächlichen Gefahren.

“Sie brauchen nur die Luft einzuatmen und schon haben sie sich angesteckt”, sagt Trump dem Aufdecker der “Watergate”-Affäre Bob Woodward in einem Telefonat vom 7. Februar, lange vor Beginn der Pandemie in den USA. “Das ist sehr viel tödlicher als selbst eine starke Grippe”, meinte der Präsident und fügte emphatisch hinzu: “Das ist tödliches Zeug”.

Dies sind Passagen aus einem von insgesamt achtzehn Gesprächen, die der Präsident mit dem Starreporter der Washington Post zwischen Anfang des Jahres und Juli initiiert hatte. Woodward zitiert daraus in seinem neuen Bestseller (“Rage”). Das Blatt veröffentlichte Auszüge der Audio-Mitschnitte am Mittwoch auf seiner Webseite.

Analysten halten die Woodward-Aufnahmen für äußert brisant, weil sie in der heißen Phase des Wahlkampfs belegen, dass Trump seine Landsleute absichtlich getäuscht hat. Am 19. März räumte Trump in einem weiteren Gespräch ein, die Gefahren vorsätzlich minimiert zu haben. “Ich wollte das immer herunterspielen,” sagt der Präsident klar vernehmbar in dem Audio.

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Woodward gelangt nach den Interviews mit dem Präsidenten und anderen Quellen aus seiner Umgebung zu dem Schluss, dass Trump “zu keinem Zeitpunkt willens war, die Regierung voll zu mobilisieren”. Stattdessen habe er versucht, “die Probleme an die Bundesstaaten durchzureichen”. Es habe keinen richtigen Plan gegeben, “mit einer der komplexesten Notfälle in der Geschichte der USA umzugehen.”

In seinem letzten Gespräch mit Woodward, Mitte Juli, als in den USA täglich mehr als tausend Menschen COVID-19 erlagen, tat Trump so, als sei er nicht für die außer Kontrolle geratene Pandemie verantwortlich. “Der Virus hat nichts mit mir zu tun. Er ist nicht meine Schuld”.

Herausforderer Joe Biden reagierte mit beißender Kritik auf die Mitschnitte. “Donald Trump wusste es. Er belog uns über Monate. Und während sich die tödliche Krankheit in unserer Nation verbreitete, hat er seinen Job nicht erledigt - absichtlich”. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Kayleigh McEneany, wies die Kritik zurück. Trump habe, wie “jeder gute Führer”, Ruhe und Gelassenheit vermitteln wollen.

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In dem 480 Seiten starken Buch, das am 15. September erscheint, beschäftigt sich Woodward auch mit Trumps Haltung zu den Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus, seiner Bereitschaft, Gewalt gegen Demonstranten einzusetzen, die Einstellung zu den Privilegien der weißen Amerikaner, dem Verhältnis zum Militär und bizarren Nordkorea-Diplomatie.

Trump erlaubte Woodward, einige der sogenannten “Liebesbriefe” zwischen dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Un und ihm zu sehen. “Ich fühle mich geehrt, so gute Beziehungen zu einem so starken und herausragenden Staatsmann wie ihnen aufgebaut zu haben, Ihre Exzellenz”, schreibt Kim in einem Brief. In einem anderen erinnert er sich “an den historischen Moment, in dem ich an diesem schönen und heiligen Ort fest die Hand Ihrer Exzellenz gehalten habe, während die ganze Welt mit großem Interesse zuschaute”.

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Der Präsident lobte Kim als “weit mehr als klug”, prahlte damit, dass dieser selbst schaurige Details wie die Hinrichtung dessen Onkels mit ihm teilte und zitierte die gemeinsame Abneigung für Barack Obama, den der Diktator als “Arschloch” bezeichnete.

Trump gestand Woodward auch seine Präferenz für andere Autokraten wie den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. “Es ist merkwürdig mit den Beziehungen, die ich habe: Je härter und fieser sie sind, desto besser verstehe ich mich mit ihnen.”

Weiters Öl ins Feuer des angespannten Verhältnisses zum US-Militär und der militärischen Führung dürften Passagen über Trumps Verhältnis zum damaligen Pentagon-Chef Jim Mattis gießen. “Meine verfickten Generäle sind ein Haufen von Schlappschwänzen”, zitiert Woodward den Präsidenten aus einem Gespräch mit dessen Handelsberater Peter Navarro. “Sie sorgen sich mehr um ihre Allianzen als über Handelsverträge.“

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