Interview zu den Explosionen in Beirut

„Ich persönlich habe eine unbeschreibliche Wut“

Filmemacherin Fourate Chahal lebt mit ihrem Mann, dem Journalisten Ibrahim Sharara, und ihrem zweijährigen Sohn in Beirut. Sie spricht über die Explosionen im Hafen von Beirut und den Zustand des Libanons.
06.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Ich persönlich habe eine unbeschreibliche Wut“
Von Hans-Ulrich Brandt
„Ich persönlich habe eine unbeschreibliche Wut“

Die Explosionen im Hafen von Beirut forderten mehr als 100 Tote.

AP /dpa

Fourate, wo waren Ibrahim, Nassim und du, als die Explosion Beirut erschütterte?

Ibrahim und ich saßen auf dem Balkon, unser zweijähriger Sohn spielte neben uns.

Niemand von euch wurde verletzt?

Nein, zum Glück.

Wie reagierte euer Junge?

Wir hielten ihn fest und rannten zum Korridor. Er blieb einige Minuten in unseren Armen, und wir versuchen zu verstehen, was geschehen war.

Lesen Sie auch

Das Hamra-Viertel, in dem ihr wohnt, liegt etwas entfernt vom Hafen. Gibt es auch dort Verletzte und Schäden?

Ja, in unserem Haus sind alle Fensterscheiben zerbrochen. Und auch in den Gebäuden vor uns. Das Geräusch der Explosion war so stark, dass wir zuerst dachten, auf der Straße hinter uns sei etwas passiert.

Wie reagieren die Menschen am Tag danach?

Sie scheinen geblendet. Viele Menschen sind auf den Straßen, um mit Besen die Scherben aufzufegen und mit Nylonfolie die zerbrochenen Fenster abzudecken. Es gibt eine starke Solidarität mit jenen, die alles verloren haben. Sie öffnen ihre Häuser für andere, deren Haus zerstört wurde. Die Leute tun dies, weil sie wissen, dass es keinen Staat gibt, der sich kümmert. Sie müssen sich ganz aufeinander verlassen. Wir sind auch sehr wütend. Die Leute sagen: „Heute trauern wir um die Toten, morgen räumen wir auf, und übermorgen kommen wir zu dir.“ Gemeint sind die verantwortlichen Politiker.

Lesen Sie auch

Gibt es genug Hilfe?

Nein.

Der Libanon erlebt nach dem Bürgerkrieg eine weitere schreckliche Zeit. Und jetzt diese Katastrophe. Was bedeutet das für das Land?

Der Libanon ist Unruhen gewohnt. Die Menschen hier haben Reflexe, sich in Korridoren zu verstecken, wenn irgendwo etwas explodiert. Aber ich denke, dies ist ein sehr außerordentlicher Vorfall. Unser Feind sind die uns beherrschenden Politiker. Sie sind inkompetent, und sie können uns nicht schützen. Doch wenn sie uns schon nicht schützen können, sollten sie uns zumindest nicht in Gefahr bringen, indem sie 2700 Tonnen eines leicht entflammbaren und explosiven Materials in einem Lagerhaus im Hafen lagern, mitten in der Stadt. Und das seit sechs sechs Jahren.

Lesen Sie auch

Das Land ist bankrott, die Politik ist korrupt, die Hauptstadt in weiten Teilen zerstört, und 300.000 Menschen sind obdachlos. Was wird aus dem Libanon?

Der Libanon stand schon vor dieser Katastrophe vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch und einer Hyperinflation. Das Land ist auf Importe angewiesen, und 80 Prozent davon laufen über den Hafen. Wir wissen nicht, was jetzt passieren wird, aber ich hoffe, dass diese Katastrophe der korrupten Politikerclique ein Ende setzt, die vorgibt, uns zu regieren.

Was denkt eine junge Familie jetzt über die Zukunft? Was plant ihr?

Wir wissen es noch nicht. Wir sammeln immer noch unsere Gedanken und versuchen, alles zu verstehen und denen zu helfen, die weniger Glück hatten als wir. Ich persönlich habe eine unbeschreibliche Wut. Ich verlange Rechenschaft.

Das Interview führte Hans-Ulrich Brandt.

Info

Zur Person: Fourate Chahal lebt mit ihrem Mann, dem Journalisten Ibrahim Sharara, und ihrem zweijährigen Sohn in Beirut. Sie ist Filmemacherin. In Frankreich ist sie aufgewachsen, in London hat sie studiert.

Info

Zur Sache Journalistenaustausch Beirut-Bremen

Im März 2015 arbeitete der libanesische Journalist Ibrahim Sharara für einen Monat als Gastautor beim WESER-KURIER. Seine Texte brachten den Leserinnen und Lesern seine Sichtweise auf die ihm völlig fremde Stadt Bremen nahe. Einen Monat später kam es zum Gegenbesuch. Der Politikredakteur Hans-Ulrich Brandt, Autor dieses Textes, war im Rahmen eines vom Goethe-Institut organisierten Journalistenaustauschs bei der Zeitung As-Safir in Beirut zu Gast. Seit dieser Zeit haben sich Ibrahim Sharara und er nicht mehr aus den Augen verloren.

In diesen Wochen lernte Brandt auch Fourate Chahal, Ibrahims Frau, kennen. Sie gab ihm dieses Interview, während Ibrahim Sharara das tat, was viele Beirutis jetzt tun: Er ging auf die Straße in seinem Viertel Hamra und half mit, die Spuren der Verwüstung aufzuräumen. Dies ist der Grund, weshalb das Interview mit Fourate Chahal so persönlich geführt wurde.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+