Islamischer Staat gewinnt Einfluss

Amerikaner auf dem Rückzug im Irak

Bagdad und Washington haben eine weitere Reduzierung der Zahl der US-Soldaten im Irak verkündet. Dabei gewinnt der Islamische Staat seit Monaten wieder an Einfluss.
12.06.2020, 18:15
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Amerikaner auf dem Rückzug im Irak
Von Birgit Svensson

Die USA und der Irak haben sich auf eine weitere Reduzierung der amerikanischen Truppen verständigt. Deren Präsenz ist seit längerem ein Streitpunkt im Irak. Die Vereinigten Staaten haben nun bekräftigt, dass sie weder eine ständige militärische Präsenz noch dauerhafte Stützpunkte im Irak anstreben, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung in Bagdad. Washington führt eine internationale Koalition an, die in der Region gegen die Extremisten vorgeht. Rund 5000 US-Soldaten sind bis jetzt im Einsatz.

Genau fünf Jahre ist es her, da waren die irakischen Militärs stolz. Die ersten F-16 Kampfflugzeuge schwebten im Juli 2015 am Himmel über Bagdad aus den USA ein. Ein neues Zeitalter für die irakische Luftwaffe sollte beginnen. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) konnte aus der Luft attackiert werden, was bis dahin nicht möglich war. Denn der Irak besaß keine schlagkräftigen Luftstreitkräfte. Als US-Administrator Paul Bremer nach dem Einmarsch der Amerikaner und Briten 2003 die gesamte irakische Armee auflöste und neue Streitkräfte zusammenstellte, wurde auf die Luftwaffe keinen größeren Wert gelegt. Die US-Truppen zogen 2011 aus dem Irak ab und hinterließen nebst politischem und wirtschaftlichem Chaos auch eine zutiefst mangelhafte Armee. Nicht ein einziges modernes Kampfflugzeug hatte der Irak damals. Auch Boden-Luft-Raketen waren rar.

Nun also die F-16, ein einstrahliges Mehrzweckkampfflugzeug, flexibel einsetzbar, der Heilsbringer im Kampf gegen die brutalen Dschihadisten. 34 Maschinen bekam der Irak von Lockheed Martin, die das Flugzeug produzieren. Die Firma schickte Trainer nach Anbar und Kirkuk und bildete irakische Piloten aus. Das musste schnell gehen, denn die Al-Assad Militärbasis in der Wüstenprovinz Anbar, nordwestlich von Bagdad, war schon damals umzingelt vom IS. Iraks flächenmäßig größte Provinz gehörte seit Frühjahr 2014 zum Kalifat des Terrorchefs Abu Bakr al-Bagdadi. Al-Assad wurde nie vom IS eingenommen, war aber ständig umkämpft. Als Ramadi, die Provinzhauptstadt, im Dezember 2015 vom IS befreit wurde, konnten sich die F-16-Piloten auf die Schulter klopfen. Ihre Kampfflugzeuge bereiteten den Weg aus der Luft, die Bodentruppen folgten. Diese Strategie führte dann im ganzen Irak zum Erfolg und zum Ende des Kalifats.

Seitdem zogen die grauen Fighter zwölf Mal am Tag ihre Bahnen über Anbar, beobachteten Bewegungen des IS, zeigten Grenzübertritte aus Syrien an. Derartige Beobachtungsflüge sind wichtig, um das Wiedererstarken der Terrorbande zu entdecken und geeignete Gegenmaßnahmen zu treffen. Doch das F-16-Programm, das die Amerikaner im Kampf gegen den IS ins Leben gerufen haben, ist nahezu gestorben. Lediglich zwei Überwachungsflüge die Woche werden derzeit noch geflogen, sagt ein Insider, der seinen Namen nicht nennen darf, im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Nicht genug, um die Kompetenz der Piloten aufrecht zu erhalten. Auch andere, westliche Beobachter bestätigen den Niedergang des F-16-Programms.

Es ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr die Zusammenarbeit der irakischen Sicherheitskräfte mit der internationalen Allianz gegen den IS bröckelt. Der Grund ist der Riss zwischen der Trump-Administration und der Regierung des früheren irakischen Ministerpräsidenten Abdel Abdul Mahdi. Mit verantwortlich für das schlechte Verhältnis ist die Ermordung des iranischen Generals Kassim Soleimani auf irakischem Boden und des stellvertretenden Kommandeurs der Schiitenmilizen Hashd al-Shaabi, Abu Mahdi al-Muhndis, im Januar am Flughafen von Bagdad.

Nur wenige Tage nach dem Mord an den beiden Militärs votierte das irakische Parlament für eine Resolution, wonach alle ausländischen Truppen den Irak verlassen sollen. Insider sind sich sicher, dass die Entscheidung der Volksvertreter vor allem gegen die Amerikaner gerichtet war. Denn seitdem sind die US-Soldaten ständigen Angriffen ausgesetzt und mehr dabei, sich selbst zu schützen als gegen das Wiedererstarken des IS zu kämpfen. Raketen und Mörsergranaten auf Militärbasen mit US-Präsenz haben bisher mehr als 100 Verletzte gefordert. Ein Soldat ist in Kirkuk sogar getötet worden. Im März zogen die Amerikaner ihre Soldaten aus Anbar, Kirkuk und der Basis Qayyarah in der Nähe von Mossul ab. Jetzt sind sie nur noch in Tadschi stationiert, 40 Kilometer nördlich von Bagdad. Abgezogen sind auch die Flugzeugbauer, die die F-16 warteten, Ersatzteile lieferten und Piloten weitertrainierten.

Begründet wird die Entscheidung zum Rückzug von amerikanischer Seite jedoch mit Fortschritten im Kampf gegen den IS. Dieser hat zwar sein Herrschaftsgebiet in Syrien und im Irak verloren, ist aber weiter aktiv. Seit Wochen häufen sich nächtliche Überfälle, Sprengfallen, Entführungen, falsche Straßensperren und Selbstmordattentate. Knapp ein Jahr nach der Kapitulation ihres „Kalifates“ sind die Dschihadisten wieder auf dem Vormarsch. Mehr als 430 Anschläge werden ihnen seit Beginn des Jahres zugeschrieben. Im Vergleich zu Januar liegt die Zahl der Angriffe im April bereits doppelt so hoch.

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