500.000 Menschen könnten sterben

Irak: Mossul-Staudamm droht zu brechen

Iraks größter Staudamm, der Mossul-Damm, droht zu brechen. 500.000 Menschen könnten durch die Fluten getötet, mehr als eine Million obdachlos werden. Italien will dem gebeutelten Land bei der Reparatur helfen.
20.03.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Irak: Mossul-Staudamm droht zu brechen
Von Birgit Svensson
Irak: Mossul-Staudamm droht zu brechen

Ein Soldat steht Wache am Mossul-Damm: Wenn das marode Bauwerk bricht, könnten Hunderttausende Menschen ertrinken und Millionen obdachlos werden.

dpa

Iraks größter Staudamm, der Mossul-Damm, droht zu brechen. 500.000 Menschen könnten durch die Fluten getötet, mehr als eine Million obdachlos werden. Italien will dem gebeutelten Land bei der Reparatur helfen.

"Feuer oder Fluten“ ist ein altes Sprichwort, wenn es um Katastrophen in der turbulenten Geschichte des Irak geht. Im Moment hat das Zweistromland beides zu fürchten. Während in Mossul, der ehemals zweitgrößten Stadt des Landes, seit fast zwei Jahren die Terrormiliz Daesch regiert und zum Kampf um die Metropole mobil gemacht wird, droht 50 Kilometer den Tigris flussaufwärts am Mossul-Damm eine andere Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes: Iraks größter Staudamm droht zu brechen.

Vor einem Monat schlug der amerikanische Generalleutnant Sean MacFarland, der derzeit die US-Truppen im Irak kommandiert, Alarm: Sensoren, die von Militäringenieuren am Damm installiert wurden, hätten tiefe Risse in dem fragilen Gipsbett festgestellt, und niemand könne sagen, wann die 113 Meter hohe und dreieinhalb Kilometer lange Staumauer breche. Eine daraufhin erstellte Studie ergab: Wenn der Damm bricht, wird die Millionenstadt Mossul von einer 20 Meter hohen Flutwelle erfasst und versinkt binnen weniger Stunden im Wasser. Eine andere Studie warnt, dass bis zu 500.000 Menschen durch die Fluten getötet und mehr als eine Million obdachlos werden könnten. Die unkontrollierten Wasser des Tigris würden durch Baiji, Tikrit und Samarra stürzen und sogar Bagdad in Mitleidenschaft ziehen.

Kurden kontrollieren das Gebiet um den Damm

Noch liegt der 400 Quadratkilometer große See idyllisch eingebettet in der Nineva-Tiefebene. Von den Hügeln der kurdischen Stadt Dohuk ist er gut zu erkennen. Kurze Zeit war der Weg auf die andere Seite versperrt. Daesch-Terroristen lieferten sich über Monate hinweg einen erbitterten Kampf mit kurdischen Peschmerga. Die Kurden gewannen und sichern seitdem den Damm und die umliegenden Gebiete. Doch die erforderliche Wartung der Staumauer ist unterbrochen worden, unter dem Damm sind Hohlräume entstanden. Die Hydraulik ist kaputt gegangen. Eines der beiden Tore funktioniert nicht mehr.

Trotzdem haben die Verantwortlichen im Wasserministerium in Bagdad nun verfügt, das andere Tor zu öffnen und somit Wasser abzulassen, um den Druck auf den Damm zu minimieren. Durch die heftigen Regenfälle in den letzten Wochen ist der Wasserpegel bedrohlich angestiegen. Die gerade einsetzende Schneeschmelze aus den kurdischen Bergen wird abermals zu einer Bewährungsprobe für das marode Bauwerk.

Daesch profitiert: Wieder Strom in Mossul

Von Anfang an musste der erodierende Boden, auf dem die Staumauer steht, regelmäßig mit einem besonderen Beton-Gemisch erneuert werden. Schon seit seiner Fertigstellung Mitte der 80er-Jahre stellte das Bauwerk ein Risiko dar. Auf Gipsboden errichtet, löst es sich bei Kontakt mit Wasser auf. Das deutsch-italienische Baukonsortium machte den damaligen Diktator Saddam Hussein durchaus auf die Gefahren aufmerksam. Doch das Prestigeprojekt sollte auf gar keinen Fall in das Gestein kurdischer Berge gebaut werden. Auf die gegen Saddam rebellierenden Kurden sei kein Verlass, lautete damals die Begründung für den zweifelhaften Standort.

Jetzt komme der Staudamm eben Daesch zugute, lauten ironische Kommentare in irakischen Medien. Denn von der neuerlichen Öffnung des einen Tores und der damit einhergehenden Stromgewinnung profitiere letztlich das von Daesch beherrschte Mossul. Die Stadt war seit Einnahme durch die Terroristen im Juni 2014 von der nationalen Stromversorgung weitgehend abgekoppelt. Elektrizität konnte nur mit Generatoren erzeugt werden, die mit Treibstoff aus von Daesch kontrollierten Ölquellen betrieben werden. Doch nach Verlust einiger Quellen und wegen des sinkenden Ölpreises blieb Mossul wochenlang ohne Strom. Unter den Einwohnern der Millionenstadt brachen erste Unruhen aus. Der wieder fließende Strom vom Damm hat nun vorerst die Gemüter beruhigt.

Unterdessen spielen irakische Behörden die Gefahr herunter, die vom Damm ausgeht. „Die Amerikaner übertreiben“, heißt es in Bagdad. Das Risiko eines Dammbruchs habe sich in jüngster Zeit nicht erhöht. Wer jeden Tag durch Terror um sein Leben fürchten muss, nimmt andere Dinge gelassener. Hinzu kommt, dass das Thema schon während der amerikanischen Besatzungszeit eine Rolle spielte. Bereits 2007 hatten Mitglieder der US-Administration auf den bedenklichen Zustand des Staudamms aufmerksam gemacht; erste Studien waren erstellt und Bauarbeiten ausgeschrieben worden.

Irakisches Parlament stimmt Reparatur zu

Noch vor dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak Ende 2011 unterschrieben das Bagdader Wasserministerium und eine Firma aus Oberbayern eine Übereinkunft zur Reparatur und teilweisen Erneuerung des Damms. Damals war der Ölpreis hoch und die Regierung hatte genug Geld, um das Projekt zu bezahlen. Doch die grassierende Korruption in den staatlichen Institutionen verhinderte den Beginn der Arbeiten – zumal deutsche Firmen Gerichtsverfahren in Deutschland befürchten müssen, wenn sie Schmiergelder zahlen. Als die Amerikaner den Irak verließen, blieb die Baustelle Mossul-Damm, wie viele andere auch, unerledigt.

Jetzt hat Shirouk Abayachi es doch noch geschafft: Das irakische Parlament hat der Reparatur des Dammes zugestimmt. Die Abgeordnete Abayachi , die lange in Wien gelebt hatte und dort zur Bauingenieurin ausgebildet wurde, war 2004 in den Irak zurückgekehrt. Sie verfasste einen langen Bericht zum Zustand des Mossul-Damms und überzeugte schließlich ihre Kollegen im Parlament, Druck auf die Regierung und den Wasserminister auszuüben, damit ein Dammbruch verhindert werden kann.

In Zeiten knapper Kassen und drastischer finanzieller Einschnitte hatte die Vorsitzende des Umweltausschusses in der irakischen Volksvertretung kein leichtes Spiel. Die Zusage der Weltbank, 200 Millionen Dollar für die Reparatur beizusteuern half ihr allerdings enorm. Anfang März wurde ein Vertrag mit der italienischen Firma Trevi unterschrieben. Die Bauarbeiten sollen umgehend beginnen und 18 Monate lang dauern. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi kündigte an, 450 Soldaten zum Schutz der Arbeiter an den Mossul-Damm zu schicken. „Nun kann es endlich losgehen“, sagt Abayachi erleichtert.

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