Deutsche Kulturvermittlerin in Bagdad entführt

Chaos-Tage im Irak

Islamischer Staat, Proteste, neuer Premierminister: Im Irak herrscht seit Monaten Unruhe. Jetzt ist auch noch eine deutsche Kulturmanagerin in Bagdad entführt worden. Unsere Korrespondentin ordnet die Lage.
22.07.2020, 05:00
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Chaos-Tage im Irak
Von Birgit Svensson
Chaos-Tage im Irak

Dieses Kunstzentrum in Bagdad hat die entführte Hella Mewis mit aufgebaut.

Ameer Al Mohammedaw

Sie war auf dem Nachhauseweg nach Feierabend, wie immer auf dem Fahrrad. Plötzlich stoppten zwei Jeeps neben ihr, rissen sie vom Rad und zerrten sie in eines der Autos. So berichten es Augenzeugen. Hella Mewis, eine deutsche Kulturmanagerin in Bagdad, ist seitdem verschwunden. Das irakische Innenministerium bestätigt die Entführung, ein kurdischer Parlamentsabgeordneter ebenfalls. Das Auswärtige Amt will sich dazu nicht äußern, doch die Bemühungen um die Freilassung der Berlinerin laufen. Ein Krisenstab sei einberufen worden, sagte Außenminister Heiko Maas, der sich am Dienstag in Athen befand.

Erfahrungsgemäß sind die ersten 48 Stunden am wichtigsten. Dann können noch Spuren verfolgt werden. Je länger sich eine Geiselnahme hinzieht, desto schwieriger wird die Befreiung. Geschehen ist die Entführung im zentral gelegenen Bagdader Stadtteil Abu Nawas, am Montagabend gegen 20 Uhr (Ortszeit). Der Stadtteil gilt eigentlich als vergleichsweise sicher. In Abu Nawas liegt auch das Kulturinstitut Bait Tarkib, an dessem Aufbau Mewis arbeitete. Die knapp 50 Jahre alte Mewis wurde in Berlin geboren und lebt seit mehreren Jahren in Bagdad.

Irak hat viele Probleme

Die Entführung von Hella Mewis kommt zu einer Zeit großer Verunsicherung. In Bagdad herrscht eine angespannte Atmosphäre – aus mehreren Gründen. Der neue Premierminister Mustafa al-Khadimi ist gerade mal zwei Monate im Amt und hat unzählige Baustellen zu beackern: Probleme mit Iran und den Amerikanern, Probleme mit den Milizen, mit dem Wiedererstarken des Islamischen Staates (IS), eine schwere Finanzkrise wegen sinkender Ölpreise, die Corona-Pandemie, deren zweite Welle die Infektionszahlen gerade ins Kraut schießen lässt, und schließlich die Protestbewegung, in deren Folge er auf diesen Posten kam und die jederzeit wieder mobilisiert werden kann, wenn er nicht liefert.

Zwei Versuche einer Regierungsbildung schlugen fehl, seitdem im November Adel Abdul Mahdi nach monatelangen Protesten zurücktrat. Khadimi ist der dritte Versuch.

Der Journalist und seit 2016 Chef des irakischen Geheimdienstes begann seine Amtszeit mit einem Paukenschlag. Ende Juni ließ er eine Razzia in Bagdad am Sitz der mächtigen Kataib Hisbollah, einer dem Iran hörigen Schiitenmiliz durchführen, die beschuldigt wird, Anschläge gegen militärische Einrichtungen zu verüben. 13 Milizionäre wurden festgenommen, Raketenwerfer beschlagnahmt. Seit Oktober 2019 fanden mehr als 30 Raketenangriffe auf Einrichtungen der US-Armee, US-Ölfirmen und die US-Botschaft statt. Meist richten die Angriffe nur geringen Schaden an.

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Im März aber waren bei einem solchen Angriff auf die Militärbasis Tadschi, nördlich von Bagdad, zwei US-Bürger und eine britische Soldatin getötet worden. In Tadschi sind auch deutsche Soldaten stationiert, die als Ausbilder der irakischen Armee dort tätig sind. Inzwischen hat das US-Kommando im Irak erklärt, es werde sich aus dem Land zurückziehen und nur hochrangige Ausbilder zurücklassen. Mit den Amerikanern gehen auch die anderen Partner der Anti-IS-Koalition.

Das Vorgehen gegen die Miliz war brisant, da die Kataib Hisbollah zum Führungskreis der Volksmobilisierungskräfte (Hashd al-Shaabi) gehört, die siegreich gegen den IS kämpften und nun in die irakische Sicherheitsstruktur integriert werden sollen. Kadhimi rechtfertigte sein Vorgehen mit dem Ziel, entschlossen gegen alle Gruppen agieren zu wollen, die sich außerhalb des Gesetzes stellen. Außerhalb der irakischen Sicherheitskräfte dürfe es keine bewaffneten Einheiten geben. Die Hisbollah jedoch ist bekannt dafür, dass sie Operationen durchführt, die nicht auf Befehl des Oberbefehlshabers erfolgen, der Khadimi derzeit ist. Doch nur wenige Tage nach der Festnahme der Hisbollah-Kämpfer waren diese wieder auf freiem Fuß.

Proteste gegen Korruption

Es kommt derzeit nicht oft vor, dass Demonstranten zur Unterstützung ihrer Regierung auf die Straße gehen. Auch im Irak protestierten über ein Jahr lang Tausende gegen ihre Politiker, lieferten sich blutige Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften, bauten eine Zeltstadt im Herzen von Bagdad. Schließlich schaffte die Tahrir-Bewegung, dass der alte Premierminister zurücktrat, der zu wenig tat, um die Korruption zu bekämpfen, Reformen einzuleiten und vor allem junge Leute am politischen Prozess zu beteiligen. Jetzt hat sich das Blatt gewendet – zumindest vorübergehend.

Der neue Regierungschef, Mustafa al-Khadimi, braucht die Unterstützung der Protestierer, um das durchzusetzen, was er sich vorgenommen hat und was auch ihre Forderungen sind. Er will aufräumen im Sumpf Irak. Khadimi bittet die jungen Widerständler ihm zu helfen, damit ihre erklärte Revolution nicht im Nichts endet. Trotz Corona, Ausgangssperre und Maskenpflicht gingen sie vergangene Woche auf die Straße und marschierten in die Grüne Zone, dem bewachten Regierungsviertel, wo sie dem Premier vor dessen Amtssitz Mut zuriefen.

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Doch eine massive Warnung für ihn und die Demonstranten kam postwendend. Am 7. Juli wurde Hisham al-Hashemi in seinem Geländewagen vor seinem Haus im Bagdader Bezirk Zayouna von vier Schüssen getroffen. Hashemi starb wenig später im Krankenhaus. Er galt als guter Freund Khadimis und als sein wichtigster Berater in Sachen Extremismus. Wie kaum ein anderer kannte der 47-Jährige die Extremistengruppe bis ins kleinste Detail.

Er wusste, wer die lokalen Ableger des IS anführte, welche Rolle die sunnitischen Stämme und deren Repräsentanten spielten oder wie der IS seinen Terror finanzierte. Zuletzt rückten immer stärker die mächtigen schiitischen Milizen in den Vordergrund seiner Recherchen. Von denen entziehen sich manche der Kontrolle der Regierung und bilden quasi einen Staat im Staate, den die iranischen Revolutionsgarden steuern. Der Mord an Hisham al-Hashemi wird deshalb als Warnung an den Premier verstanden, nicht zu forsch gegen Irans Einfluss und Interessen vorzugehen.

Proteste im Irak

Wollen öffentliche Dienstleistungen und Jobs: Protestierende in Basra.

Foto: AL-JURANI/AP/DPA

„Trotzdem könnte Khadimi Erfolg haben“, meint Jacob Lees Weiss, Forscher bei der Jamestown Foundation in Washington und Kenner des Iraks, „wenn er eine Balance findet“. Er müsse den direkten Konflikt mit Iran meiden, aber Stärke in innen- und außenpolitischen Fragen zeigen. Vor allem wirtschaftlich müsse er Akzente setzen und die Milizionäre der Hashd al-Shaabi ordentlich bezahlen. Dann würde der Einfluss Irans schwinden. Denn Teheran stecke derzeit in ernsten finanziellen Schwierigkeiten und könne die Zahlungen an die Milizionäre im Irak nicht mehr in vollem Umfang leisten.

Dass Khadimi aufräumen will, zeigt auch die Ankündigung, politische Parteien und Stammesführer entwaffnen zu wollen. Dieses Dekret gelte zunächst für den Süden, die Provinz Basra. Dort sind zuletzt vermehrt Stammesfehden blutig ausgetragen worden. Da Milizen und Stämme fast ungehindert die Grenze am Fluss Shatt al-Arab zum Iran passieren können, werden nun die Übergänge zum Nachbarn befestigt. In den Städten Shalamcheh und Safwan soll moderne Technik für eine Überwachung des Grenzverkehrs installiert werden. Bulldozer und Bagger sind schon aufgefahren.

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