Schiitische Milizen drohen mit Angriffen auf Spezialkräfte

Irak will keine US-Einheiten

Bagdad. Wie eine Einladung klingt das nicht: „Wir brauchen keine ausländischen Kampftruppen auf irakischem Boden“, entgegnete Ministerpräsident Haidar al-Abadi auf die Ankündigung aus Washington, dass die USA weitere Spezialeinheiten zum Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in den Irak schicken werden. US-Verteidigungsminister Ashton Carter hatte am Dienstagabend vor dem Kongress verkündet, diese Spezialeinheiten sollten vor allem das irakische Militär und die kurdischen Milizen unterstützen.
03.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Irak will keine US-Einheiten
Von Birgit Svensson
Irak will keine US-Einheiten

Über die Entsendung von US-Spezialkräften zum Kampf gegen den IS im Irak ist ein Streit zwischen Washington und Bagdad entbrannt.

© Reuters Photographer / Reuter, REUTERS

Wie eine Einladung klingt das nicht: „Wir brauchen keine ausländischen Kampftruppen auf irakischem Boden“, entgegnete Ministerpräsident Haidar al-Abadi auf die Ankündigung aus Washington, dass die USA weitere Spezialeinheiten zum Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in den Irak schicken werden. US-Verteidigungsminister Ashton Carter hatte am Dienstagabend vor dem Kongress verkündet, diese Spezialeinheiten sollten vor allem das irakische Militär und die kurdischen Milizen unterstützen. Sie würden auf „Einladung Bagdads“ im Irak stationiert.

„Mit der Zeit werden sie in der Lage sein, Angriffe zu starten, Geiseln zu befreien, Geheiminformationen zu sammeln und IS-Führer zu ergreifen. Die Spezialkräfte werden auch eigene Missionen in Syrien ausüben“, umriss Carter die Ziele. Damit wollen die USA die Rolle ihrer Bodentruppen im Kampf gegen den IS ausweiten. Bereits im vergangenen Monat entsandte das Pentagon 50 Spezialkräfte in die Region. Zuvor hatten sich die USA stets geweigert, in diesem Konflikt Soldaten am Boden einzusetzen. Schritt für Schritt schickte Präsident Barack Obama, Militärberater, Ausbilder, Strategieexperten – 3500 amerikanische Armeeangehörige sind bereits zwischen Euphrat und Tigris stationiert. Doch der Auftrag jetzt gleicht dem einer Kampftruppe, obwohl dieses Wort vermieden wird.

Bagdad sieht das gar nicht gerne. Jeder Militäreinsatz und jede Stationierung ausländischer Truppen im Irak – „ob Spezialkräfte oder sonstige“ – benötige die Zustimmung der irakischen Regierung und müsse mit ihr abgesprochen werden, legte Premier Al-Abadi noch nach. Auch für die Lieferung deutscher Waffen an die kurdische Peschmerga beharrt die Regierung in Bagdad darauf, dass die Transportmaschinen zunächst in Bagdad landen, hier gesichtet werden und dann weiter ins kurdische Erbil fliegen. Berlin respektiert diese Vorgabe, Washington anscheinend nicht. Das erzürnt die mehrheitlich schiitisch geprägte irakische Regierung, umso mehr als die Beziehungen mit den USA derzeit ohnehin auf einem Tiefstand sind.

Chaos nach Rückzug

Als der letzte GI Ende Dezember 2011 symbolisch das Tor zwischen Irak und Kuwait hinter sich zuzog, hinterließ Washington unzählige Baustellen, die die heutige Misere mitbegründeten. Nur wenigen Stunden nach dem Rückzug brach die Regierungskoalition in Bagdad zusammen, der Konflikt zwischen den Volksgruppen verschärfte sich erneut, Al-Kaida wurde zum IS. Der damalige Premier Nuri al-Maliki entpuppte sich als gnadenloser Sektierer. In seiner Not über den Blitzkrieg der IS-Dschihadisten im Juni 2014, rief Maliki die Amerikaner zu Hilfe. Doch Obama zögerte, was ihm viele Iraker heute vorwerfen.

Stattdessen sprang Iran ein, schickte sofort militärisches Gerät sowie Ausbilder und unterstützte nach Kräften schiitische Milizen, die seitdem immer mächtiger werden. Einige von ihnen haben in den Bürgerkriegsjahren 2006 bis 2008 gegen die US-Truppen gekämpft und wollen dies wieder tun, sollten die Amerikaner erneut Soldaten in den Irak schicken: „Wir haben früher gegen sie gekämpft und wir sind bereit, den Kampf wieder aufzunehmen“, erklärte ein Sprecher der Gruppe Kata‘ib Hisbollah. Ähnlich äußerte sich die vom Iran unterstützte Badr-Organisation und die Gruppe Asaib Ahl al-Hak. Die Milizen kämpfen an der Seite der irakischen Armee gegen den IS. Ihre Kämpfer sind für ein brutales Vorgehen gegen sunnitische Zivilisten bekannt.

Doch auch die Sunniten sind nicht mehr gut auf die Amerikaner zu sprechen, seitdem US-Verteidigungsminister Carter die desertierenden Soldaten im Kampf um die Region Anbar und die Provinzhauptstadt Ramadi als „Feiglinge“ bezeichnet hatte. Bevor der IS im Frühjahr Ramadi eroberte, hatten die Gotteskrieger hohe Offiziere der irakischen Armee auf einem Stützpunkt in der Nähe ermordet und damit die Einheiten rund um die Stadt geschwächt. Als der Angriff kam, liefen viele Soldaten weg, unter ihnen mehrheitlich Sunniten. Ein Augenzeuge berichtete von einem Chaos in der Kommandostruktur, dem niemand sein Leben opfern wollte. Die Rüge aus Washington sei daher völlig fehl am Platz gewesen, sagte einer der Deserteure.

Seitdem üben sich die Amerikaner in Schadensbegrenzung, doch so richtig will das nicht gelingen. Unzählige Luftschläge zur Rückeroberung Ramadis brachten wenig Erfolg. Die sunnitischen Stämme in Anbar, die US-Offiziere auf ihre Seite zu ziehen versuchen, sind gespalten. Einige sind bereit, mit den Regierungstruppen und den Amerikanern zusammenzuarbeiten, andere sind skeptisch. Doch solange das Misstrauen anhält, wird Ramadi nicht zurückerobert werden können – die US-Bodentruppen blieben also ohne Unterstützung.

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