Kampf gegen den IS im Irak

IS-Reportage: Das verborgene Netzwerk

Militärisch ist die Terrortruppe „Islamischer Staat“ (IS) weitgehend geschlagen. Doch die Lage im Irak ist so desolat, dass sie immer noch existiert, wie unsere Korrespondentin Birgit Svensson schildert.
13.10.2018, 08:00
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IS-Reportage: Das verborgene Netzwerk
Von Birgit Svensson
IS-Reportage: Das verborgene Netzwerk

Propaganda unter der schwarzen Fahne des IS: Kämpfer der Terrormiliz posieren Ende 2015 für ein Video in der Nähe von Rakka – da war man noch auf dem Vormarsch.

Planet Pix viaZUMA Wire/dpa

Der Angriff erfolgt im Morgengrauen, kurz nachdem ein Silberstreifen Licht am Horizont sichtbar wird und der Muezzin zum Morgengebet gerufen hat. Dann haben sich die Dschihadisten den Segen Allahs für den Kampf geholt und schlagen zu. So ist es am Sonntag, als eine Bombe in einem Dorf in der Region Dibis, nordwestlich der Stadt Kirkuk explodiert und eine Ölpipeline zerstört, die die wichtigen Ölfelder Bai Hassan und Avana im Nordirak verbindet. Und so ist es an allen anderen Tagen auch. Die Explosion reißt tiefe Löcher in einen Vorratstank, der mit Öl gefüllt ist. Als Notfallhelfer anrücken, explodiert ein zweiter Sprengsatz, tötet zwei Feuerwehrmänner und ein Mitglied der Schiitenmilizen, die im Auftrag der Regierung in Bagdad das Gebiet sichern. Es dauert Stunden, bis das Feuer gelöscht ist.

Jede Woche wird im Irak ein derartiger Anschlag auf den Energiesektor und dessen Infrastruktur bekannt. Immer sind Ölarbeiter und Sicherheitskräfte betroffen. Die Anschläge tragen die Handschrift der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), oder sie übernimmt direkt die Verantwortung. Das beschriebene Szenario gehört nicht der Vergangenheit an, sondern existiert heute noch oder wieder.

Smoke rises after an attack at Bai Hassan oil station, northwest of Kirkuk

Immer wieder Anschläge: Ende Juli griff der IS die Ölförderanlage Bai Hassan nordwestlich von Kirkuk an.

Foto: Ako Rasheed/reuters

Auch wenn Daesch, wie die Iraker den IS nennen, 98 Prozent der eroberten Gebiete verloren hat – geschlagen ist die Organisation in ihren beiden Kernländern Irak und Syrien nicht. In Zentralirak ist er in den Provinzen Diyala, Kirkuk und Salah ad-Din inzwischen wieder so aktiv wie seit Monaten nicht mehr. Auch im Norden ist der IS-Terror nicht gebannt. General Naijm Abdullah al-Jubouri, Befehlshaber der Nineve-Brigaden, gibt an, die Lage sei unter Kontrolle. Einen Tag später köpft der IS im Dorf Tal Khaymah den Bürgermeister und dessen Söhne.

Bestehende Angst

Im Juli machte ein Video die Runde. Es zeigt die Hinrichtung irakischer Sicherheitskräfte. Sie sind von Kämpfern des „Islamischen Staates“ bei einem illegalen Checkpoint in der Provinz Anbar, nordwestlich von Bagdad, verschleppt worden. Angst vor Entführungen und Anschlägen macht sich erneut breit. Auf der Autobahn, die die Ölstadt Kirkuk mit der Hauptstadt Bagdad verbindet, gibt es zwischenzeitlich kaum noch Verkehr. Die Leute fliegen lieber. „Wie zu alten Zeiten“, kommentieren Einwohner Kirkuks die Situation, als zwischen 2014 und 2017 links und rechts der Autobahn die schwarze Fahne der Dschihadisten wehte und die Autobahn als No-Go-Zone galt. Das ist zwar derzeit nicht der Fall, die irakische Fahne ist noch allseits präsent, aber die Einwohner entlang der Straße befürchten das Schlimmste.

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Nach zwei Jahren erbitterter blutiger Kämpfe gegen die Terroristen der Organisation „Islamischer Staat“ hat die Regierung in Bagdad im Dezember 2017 den Sieg über die selbst ernannten Gotteskrieger und deren Kalifat ausgerufen. Im Oktober hatten Regierungstruppen wieder die Oberhand in der Provinz Kirkuk im Norden Iraks erlangt. Während des gut drei Jahre währenden Kalifats war die Provinz vom autonomen Irak-Kurdistan kontrolliert worden. Es heißt, dass die irakische Polizei das Territorium noch nicht unter ihre volle Kontrolle gebracht habe.

Deshalb nutzen die sich im Berggebiet der Provinz befindenden IS-Terroristen das durch den Verwaltungswechsel entstandene Vakuum aus. Außerdem bieten Geisterstädte, aus denen die Bewohner einst vor dem IS flohen, ideale Rückzugsmöglichkeiten. Der Wiederaufbau der durch die Kämpfe völlig zerstörten Infrastruktur kommt nur schleppend voran. Nur wenige Bewohner kehren in ihre Häuser zurück.

An Iraqi flag is seen amid destroyed buildings during fighting between Iraqi forces and Islamic State militants in the Old City of Mosul

Häuserkampf in einer Trümmerwüste: Die irakische Flagge weht an einer Ruine in der Altstadt von Mossul.

Foto: Ahmed Saad/reuters

In einigen Dörfern unterstützen noch immer sunnitische Bewohner den IS, nicht selten gegen die verhassten schiitischen Milizen der sogenannten Volksmobilisierungsfront „Hashd al-Shabi“, die sich nach der blitzartigen Eroberung ganzer Teile Nordiraks durch den IS bildeten, nachdem die irakische Armee kapituliert hatte. Was jetzt entsteht, nennen die einen versprengte, „schlafende Terrorzellen“, wie der Gouverneur von Kirkuk, Rakan al-Dschaburi, andere sehen ein Wiedererstarken des IS.

Im Sturm eroberten die Dschihadisten im Juni 2014 immer größere Teile Iraks. Die zweitgrößte Stadt des Landes, Mossul in der Provinz Nineve, geriet genauso unter ihre Kontrolle wie Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit. Danach übernahmen sie Baiji, das Energiezentrum des Landes, wo acht Jahre zuvor zwei deutsche Ingenieure entführt wurden. Die größte Raffinerie Iraks versorgte ganz Bagdad mit Strom. Danach machten sie sich auf den Vormarsch nach Bagdad.

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Sie nannten sich anfangs noch ISIS – Islamischer Staat im Irak und Syrien – später nur noch IS. Wie konnte das geschehen, dass innerhalb von wenigen Tagen ganze Landesteile, Regierungspaläste, Fernsehsender und Polizeistationen schwarze Dschihadisten-Fahnen trugen? Gab es im Irak keine Sicherheitskräfte, die diesen selbst ernannten Gotteskriegern entgegentraten? Über eine Million Soldaten zählte die neue irakische Armee damals. Zusammen mit der Polizei waren es 1,5 Millionen Männer und wenige Frauen, die auf der Lohnliste der Regierung standen. Ihr Verdienst galt als gut, 1000 Dollar und mehr pro Monat. Die Jobs waren begehrt. Fast jede Familie in Bagdad hatte mindestens ein Mitglied in Polizei oder Armee. Sie waren die finanziell tragende Säule der Gesellschaft, denn die Arbeitslosigkeit war hoch, andere Jobs unsicher.

Baiji North Refinery

Rauchfahne des Terrors: Die Satelliten-Aufnahme zeigt die Raffinerie Baiji Nord nach einem Anschlag des IS Mitte Juni.

Foto: USGS/NASA/EPA

Trotzdem boten die Soldaten den marodierenden ISIS-Terroristen keinen nennenswerten Widerstand. Mossul wurde nach nur vier Tagen Kampf eingenommen, Tikrit fiel innerhalb weniger Stunden in die Hände von ISIS. Augenzeugen aus beiden Städten berichten, die Soldaten hätten ihre Uniformen ausgezogen, die Waffen niedergelegt, die Fahrzeuge verlassen und seien nach Hause gegangen. Andere seien samt ihren Fahrzeugen in die kurdischen Autonomiegebiete Richtung Erbil und Dohuk geflüchtet.

Terroristen übertreten grüne Grenze

Auch Hani hat sich aus dem Staub gemacht. Sechs Jahre lang gehörte der Kurde der irakischen Armee an und war Grenzsoldat. Er war in Badush stationiert, einem Dorf in der Nähe von Rabia im äußersten Nordwesten Iraks, an der Grenze zu Syrien. Hani ist 36 Jahre alt, durchtrainiert und muskulös, Frau und Kinder leben im kurdischen Dohuk. Die Provinz Nineve mit der Hauptstadt Mossul, wo Hani seinen Dienst versah, war schon lange ins Kreuzfeuer von ISIS geraten. Der Kurde hatte die Terroristen gesehen, wie sie über die grüne Grenze hin und her gegangen sind.

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Er nennt sie immer noch Al-Kaida, wovon sie ursprünglich abstammen. Denn es seien dieselben Leute, die sich dann IS tauften und sich vielleicht jetzt wieder einen anderen Namen geben werden. „Als der Bürgerkrieg in Syrien begann, sind viele Al-Kaida-Kämpfer von Irak nach Syrien gegangen“, erzählt Hani. Manchmal seien sie zurückgekommen und hätten sich Waffen besorgt. Das Geld kam aus den Golfstaaten. Mossul war zum Umschlagplatz geworden für alles, was die Rebellen in Syrien gebrauchen konnten. Hanis Leben wurde gefährlich. Als er und seine Kollegen einen Lkw voll mit TNT abfingen, der illegal die grüne Grenze von Syrien in den Irak überqueren wollte, entschloss sich Hani, die Armee zu verlassen.

Illegale aus Saudi-Arabien, Pakistan und Jordanien hätten sie zuhauf geschnappt. Allerdings gebe es jetzt nicht mehr so viele IS-Kämpfer aus dem Ausland, will Hani von den verbliebenden Kollegen gehört haben. Bis zu 20 000 sollen es einmal gewesen sein. „Der Andrang von Kämpfern aus dem Ausland beim IS ist zum Erliegen gekommen.“ Dagegen bleibe die Rückreisewelle der Kämpfer eine ernsthafte Herausforderung, so die irakischen Sicherheitsbehörden, auch wenn sie sich verlangsamt habe.

SYRIA-DEIR AL-ZOUR-AL-BUKAMAL-IS-MILITARY OPERATION

Ende 2017 gelang es der syrischen Armee, den IS zurückzudrängen: Soldaten nach der Rückeroberung der IS-Hochburg al-Bukamal.

Foto: Ammar Safarjalani Xinhua/intertopics

Fast 25 Milliarden Dollar haben die Vereinigten Staaten für die Ausbildung der neuen irakischen Armee ausgegeben, nachdem US-Administrator Paul Bremer nach dem Einmarsch im Frühjahr 2003 die gesamten irakischen Sicherheitskräfte aufgelöst hatte und eine neue Armee gründete. Doch beim Abzug der US-Truppen acht Jahre später stellte ein interner Bericht des Pentagon fest, dass die Armee noch immer „unzureichende Standards“ aufweise. So sei die Ausrüstung beispielsweise der Grenztruppen, bei denen Hani Dienst tat, völlig unzulänglich gewesen. Zwar seien Sondereinheiten für den Anti-Terrorkampf ausgebildet worden, aber das Gros der Soldaten sei nur minimal trainiert gewesen.

Kurden verlassen irakische Armee

Was jedoch noch schwerer wog als die unzulängliche Ausbildung und mangelhafte Ausrüstung, war die Moral der Truppe. „Ich kämpfe doch nicht für Maliki“, hörte Hani in den Monaten vor dem Blitzkrieg des IS immer häufiger von seinen Kameraden. Auch auf ihn wurde der Druck seitens der Familie und seiner Freunde immer stärker. Als es zwischen dem Regierungschef Nuri al-Maliki in Bagdad und dem Kurdenpräsident Masoud Barzani in Erbil zum offenen Streit kam, traute sich Hani nicht mehr zuzugeben, dass er noch immer Mitglied der irakischen Armee war. Scharenweise hatten die Kurden die Streitkräfte verlassen und sich den eigenen, kurdischen Peschmerga angeschlossen.

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Der Kampfgeist der arabischen Sunniten sei ebenfalls minimal gewesen. „Die kleinen Soldaten wurden doch nur verheizt“, gibt Hani ihre damalige Haltung wieder. In höheren Positionen hätte der schiitische Regierungschef keinen Sunniten geduldet. Der Ruf der Armee, eine Streitmacht für alle Volksgruppen zu sein, wie von den Amerikanern zunächst angedacht, war durch Maliki zunichte gemacht worden. „Die Armee hatte er zu einer Schiitenmiliz umgebaut“, sagt Hani bitter. Es wundert daher nicht, dass ISIS speziell in den mehrheitlich von Sunniten bewohnten Provinzen Nineve, Salahuddin und Anbar so schnell Fuß fassen konnte.

Inzwischen ist die Moral der Truppe besser, die Ausbildung spezifischer und die Ausrüstung moderner. Unzählige Länder, darunter auch Deutschland, haben Berater, Ausbilder und militärisches Gerät in den Irak geschickt, um die Soldaten für den Anti-Terror-Kampf zu schulen und so den IS zurückzudrängen. Doch trotz militärischer Rückschläge soll die Terrormiliz im Irak und in Teilen Syriens noch immer bis zu 30 000 Kämpfer aufweisen.

Displaced Christian women who fled from their homes in Mosul, are seen at Ankawa refugee camp in Erbil

Zwei Opfer von vielen: Diese christlichen Frauen mussten vor dem IS aus Mossul in die Kurdenmetropole Erbil fliehen.

Foto: Azad LashkariI/reuters

In einem kürzlich von der UN im Sicherheitsrat in New York veröffentlichten Bericht heißt es, dass diese gleichmäßig auf den Irak und Syrien verteilt seien. Es ist die Rede von einem „verkleinerten geheimen Kern“, der in beiden Ländern überdauern könnte. Viele Kämpfer, Strategen und Befehlshaber der Terrormiliz seien zwar getötet worden, andere hätten die Konfliktzonen verlassen. Einige von ihnen kämpfen nach Angaben der Experten aber im Irak und in Syrien weiter, „während sich andere in Gemeinden und urbanen Gebieten verstecken“, die ihnen wohl gesonnen seien, was man derzeit fast täglich im Irak beobachten kann. Das sogenannte Kalifat der Terrormiliz ist nach UN-Angaben zwar weitgehend zerschlagen, die Extremistengruppe wandle sich aber „von einem Proto-Staat zu einem verborgenen terroristischen Netzwerk“.

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Dieser Prozess sei im Irak am weitesten fortgeschritten, weil der IS nach wie vor Teile Syriens kontrolliere. Auch die Disziplin der Kämpfer des IS bleibt nach Einschätzung der UN-Experten hoch. Das Kalifat ist am Ende, doch der IS lebt weiter. So drücken sich irakische Sicherheitsexperten aus. „Der IS ist lediglich militärisch zu besiegen. Seine Ideologie aber findet immer Anhänger.“

Info

Zur Sache

UN-Bericht zur Lage des IS

In Libyen halten sich noch 3000 bis 4000 IS-Kämpfer auf, während wichtige IS-Mitglieder weiterhin nach Afghanistan verlegt würden. Dort zähle die Gruppe 3500 bis 4500 Kämpfer und wachse. Auch in Südostasien und Westafrika habe der IS viele Unterstützer. Im Jemen zählt der IS einige Hundert Kämpfer – dort ist die Terrorgruppe Al-Kaida mit schätzungsweise 6000 bis 7000 Kämpfern deutlich größer.

Mit Blick auf die Terrorgefahr in Europa sieht der UN-Bericht zwar einen Rückgang von Anschlägen. Einige Regierungen würden aber davon ausgehen, dass die unterschwelligen Treiber von Terrorismus allesamt vorhanden und vielleicht akuter als jemals zuvor seien. „Das lässt den Schluss zu, dass ein Rückgang von Anschlägen womöglich vorübergehend sein könnte, bis der IS sich erholt, neu formiert und auch Al-Kaida seine internationalen terroristischen Aktivitäten forciert.

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