Helfer suchen in Trümmern noch immer nach Überlebenden / Zeltstädte für die Obdachlosen Italien trauert um Erdbeben-Opfer

Pescara del Tronto. Sie liegen regungslos in den Notzelten von Pescara del Tronto und Amatrice, trösten sich gegenseitig in tiefen Umarmungen, lassen im Telefongespräch mit Angehörigen in der Ferne ihrer Verzweiflung freien Lauf: Den Überlebenden des verheerenden Erdbebens in Mittelitalien steht eine lange Zeit der Verzweiflung, Trauer und Ungewissheit bevor. Nach der Katastrophe im Apennin wird das ganze Ausmaß der Tragödie allmählich sichtbar.
27.08.2016, 00:00
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Von Esteban Engel und Annette Reuther

Pescara del Tronto. Sie liegen regungslos in den Notzelten von Pescara del Tronto und Amatrice, trösten sich gegenseitig in tiefen Umarmungen, lassen im Telefongespräch mit Angehörigen in der Ferne ihrer Verzweiflung freien Lauf: Den Überlebenden des verheerenden Erdbebens in Mittelitalien steht eine lange Zeit der Verzweiflung, Trauer und Ungewissheit bevor. Nach der Katastrophe im Apennin wird das ganze Ausmaß der Tragödie allmählich sichtbar.

Noch immer wühlten sich am Freitag die Feuerwehrleute mit Schaufeln und Baggern, aber auch mit Händen durch die riesigen Berge von Bauschutt. Unter den Trümmern könnte doch noch ein lebender Mensch liegen. „Jetzt beginnt die Phase Hoffnung“, sagt einer der Feuerwehrmänner in Amatrice. Doch ganz, das sieht man seinem Blick an, glaubt er nicht mehr daran.

Ganze Familien wurden aus dem Leben gerissen – ein junges Paar, das in Amatrice im Urlaub war, die 21-jährige Anna, die gerade ihre Musikausbildung beendet hatte, der Immobilien-Makler Giacomo, seine Frau und seine 13-jährige Tochter, die 18 Monate alte Marisol. Besonders viele Urlauber sind unter den Opfern, die in der Urlaubszeit rund um den Gran Sasso wandern wollten. Oder Kinder, die bei den Großeltern Ferien ­machten. Bei einem Staatsbegräbnis an diesem Sonnabend mit Präsident Sergio Matarella in Ascoli Piceno will Italien von ihnen Abschied nehmen. Nach Angaben des Zivilschutzes vom Freitag kamen bei dem Erdbeben mindestens 267 Menschen ums Leben, 387 wurden verletzt ins Krankenhaus gebracht.

Oft liegen Trauer und Freude dicht beieinander. In dem verwüsteten Ort Pescara del Tronto ist eine Vierjährige nach 16 Stunden lebend unter den Trümmern ihres Kinderzimmers gefunden worden – für ihre ältere Schwester kam aber jede Hilfe zu spät. Die kleine Giorgia und die neunjährige Giulia seien in enger Umarmung unter zwei Metern Geröll entdeckt worden, sagte Retter Massimo Caico. „Wir haben stundenlang gegraben und zunächst nichts gefunden“, sagte er. Plötzlich sei eine Puppe unter den Steinen aufgetaucht, dann ein Fuß. „Er war ganz kalt. Ein ganz schlechtes Zeichen.“ Als der leblose Körper Giulias ausgegraben wurde, habe er aber bemerkt, dass sich die Erde daneben ganz leicht bewegte. Dann sei ein leichtes Stöhnen zu hören gewesen. „Da hat sich der Alptraum in einen Traum verwandelt“, so Caico. „Giorgia lebt“, habe er geschrien. Das kleine Mädchen habe den Mund voller Erde gehabt, sei aber offenbar durch den Körper ihrer Schwester geschützt worden. Sie sei praktisch unverletzt gewesen und habe gleich nach Wasser gefragt.

Aus ganz Italien waren sofort mehr als 5400 Helfer in die Abruzzen gereist – ausgebildete Helfer und Freiwillige. Dutzende Lastwagen mit Schaufelbaggern und Kränen stauten sich in den ersten beiden Tagen nach dem Beben vor den Einfahrten der zerstörten Orte. „Wir haben am Anfang sehr viel Aufwand betrieben – vielleicht ein bisschen zuviel“, sagt einer vom Zivilschutz. Man habe sich aber auf alle Eventualitäten vorbereiten wollen. In der Nacht zum Freitag wurden hunderte Helfer mit ihren Geräten wieder abgezogen.

Andrea Cardoni wird wohl noch länger in Amatrice ausharren. Der 35-Jährige ist ein Freiwilliger von ANPAS, einer Partnerorganisation des deutschen Arbeiter-Samariterbundes. Im Katastrophengebiet haben Cardoni und seine 85 Mitstreiter mehrere „Tendopoli“ aufgebaut, Zeltstädte für die Überlebenden, die keine Bleibe mehr haben.

„Wir richten uns auf eine lange Zeit ein, vielleicht bis in den Winter“, sagt Cardoni. Wie schnell die Menschen eine feste Bleibe bekommen werden – Cardoni zuckt mit den Achseln. Dass sie wieder in ihre alten Häuser können, ist das Ziel. Aber beim Anblick der ­Zerstörung ist das vielleicht nur ein Wunschtraum.

Regierungschef Matteo Renzi stimmte ­Italien auf einen mühsamen Wiederaufbau ein. 50 Millionen Euro wolle die Regierung sofort zur Verfügung stellen, insgesamt 234 Millionen Euro. Dann ging Renzi mit seinen Landsleuten ins Gericht. „Bei der Notfallhilfe sind wir unter den besten der Welt“, sagte er nach einer Krisensitzung seines ­Kabinetts.

„Aber es reicht nicht, an der ­Spitze der Notfallhilfe zu stehen“, sagte der Ministerpräsident. Tatsächlich hat das Erdbeben Schäden angerichtet, die durch eine Bauvorsorge vermeidbar gewesen wären. Das italienische Ingenieurkollegium schätzt, dass 15 Millionen Wohnungen, also die ­Hälfte aller Wohneinheiten in Italien, nicht ausreichend oder gar nicht gegen Erdbebenschäden gesichert sind.

Dabei seien rund 40 Millionen Menschen ständig der Gefahr von Erdbeben unterschiedlichster Stärke ausgesetzt. Weitere drei Millionen Gebäude, die vor 1919 errichtet wurden, müssten ebenfalls dringend gegen Erdbeben ausgerüstet werden. Die Ingenieure schätzen die Kosten für die Instandsetzung auf 93 Milliarden Euro. Die oft Jahrhunderte alten Häuser erdbebensicher zu machen, wäre zwar teuer, würde sich aber lohnen: „Man kann das für zehn Prozent der Kosten machen, die ein Wiederaufbau kostet“, sagte der Professor und ­Erdbebenexperte Paolo Bazzurro von der ­Universität IUSS in Padua.

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