Stahmann: Lage in Bremen noch schwieriger

Jedem dritten Arbeitslosen fehlt Geld für vollwertiges Essen

Wer von Arbeitslosigkeit betroffen ist, kann sich oft keine regelmäßige gute Ernährung leisten. Das zeige die soziale Spaltung der Gesellschaft, sagt Bremens Sozialsenatorin Anja Stahmann.
30.01.2019, 06:24
Lesedauer: 3 Min
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Von Justus Randt und Norbert Holst
Jedem dritten Arbeitslosen fehlt Geld für vollwertiges Essen

Jeder dritte Arbeitslose kann sich einer Datenauswertung des Statistischen Bundesamtes zufolge nicht regelmäßig eine gute Ernährung leisten.

Sebastian Willnow/dpa

Annähernd jeder dritte Erwerbslose (30,3 Prozent) kann es sich nicht leisten, jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit einzunehmen. Das ist eine der Erkenntnisse, die das Statistische Bundesamt mit der Auswertung der EU-Datenbank Silc, einer Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen im Jahr 2017, sichtbar macht.

Insgesamt sah sich jeder dritte Bürger im Alter über 16 Jahre auch nicht in der Lage, unerwartete Ausgaben von 1000 Euro, beispielsweise für plötzlich notwendige Reparaturen, "aus eigenen Finanzmitteln" zu bestreiten – immerhin 20,83 Millionen Menschen. Fast 16 Prozent der Haushalte fehlte nach eigenen Angaben Geld, um jährlich eine Woche in den Urlaub zu fahren. In der Gruppe der Arbeitslosen beträgt diese Quote sogar 57,2 Prozent.

Stahmann: Erschreckend

„Die Ergebnisse sind erschreckend. Sie führen die soziale Spaltung der Gesellschaft deutlich vor Augen“, kommentierte Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) die Zahlen. Daten auf Landesebene liegen nach Aussage des Bremer Sozialressorts nicht vor. Stahmanns Einschätzung: „Wir können davon ausgehen, dass die Lage in Bremen und Bremerhaven eher schwieriger ist als in der gesamtdeutschen Betrachtung.“ Der Grund: Beschäftigte im Land Bremen verdienten zwar im Bundesvergleich überdurchschnittlich, aber in keinem anderen Bundesland gebe es einen derart großen Anteil an Aufstockern auf Hartz-IV-Leistungen, Zeitarbeits- und Teilzeitkräften, so die Senatorin.

Bremen hat höchte Armutsgefährdungsquote

Die besondere soziale Lage im Land Bremen zeigt sich auch beim Armutsrisiko. So wies Bremen 2017 mit 23 Prozent die höchste Armutsgefährdungsquote aller Bundesländer auf. In Niedersachsen war die Quote mit 16,7 Prozent geringer, bundesweit lag sie bei 15,8 Prozent.

Verarmte, Arbeitslose und Verschuldete sind die Hauptklientel des Bremer Vereins Solidarische Hilfe. „Die Prozentsätze bei den Menschen, die wir beraten, dürften wesentlich höher liegen“, sagt Geschäftsführer Michael Bornmann zu den bundesweit erhobenen Daten. „Es ist erschreckend, dass auch Einzelfälle zu uns kommen, die haben seit drei Tagen oder mehr nichts gegessen“, schildert Bornmann. Solche Fälle kämen vor, obwohl beispielsweise bei den Hartz-IV-Regelleistungen das Geld für Essen eingerechnet sei. Der Geschäftsführer erklärt den scheinbaren Widerspruch: Anschaffungen für die Kinder oder eine Nachzahlung bei den Energiekosten führen zu einer finanziellen Schräglage; dann wird bei der Ernährung gespart. Und Urlaub, so Bornmann, sei für die meisten Menschen, die die Solidarische Hilfe aufsuchen, schlichtweg „ein Luxusgut“.

"Soziale Kluft ist größer geworden"

Die Trends aus der bundesweiten Studie lassen sich nach Einschätzung der Arbeitnehmerkammer auch in Bremen beobachten. Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik: „Die soziale Kluft ist größer geworden.“ Die Entwicklung beträfe aber nicht nur Gruppen wie Arbeitslose oder Alleinerziehende, sondern erreiche auch die Mittelschicht. „Faktisch reicht das Geld nicht, wenn das Auto oder die Waschmaschine kaputt geht.“

Insgesamt haben den Silc-Daten für Deutschland zufolge mehr als 2,5 Millionen Menschen finanzielle Schwierigkeiten, ihre Wohnung angemessen zu heizen. Aus dem Stand und aus eigener Kraft 1000 Euro aufzubringen, stellt demnach 78,3 Prozent der Arbeitslosen – 2,12 Millionen Menschen – vor Probleme. Aber auch Rentnerinnen und Rentner sind zu knapp 22 Prozent stark betroffen.

Die Angaben der Befragten und führen unter anderem zu der Erkenntnis, dass 433.000 (15,8 Prozent) der Erwerbslosen in einem Haushalt leben, der finanzielle Schwierigkeiten hat, die Miete, Hypotheken, oder Rechnungen für Versorgungsleistungen rechtzeitig zu bezahlen. Diese Angaben beruhen, wie alle Silc-Daten, auf der Selbsteinschätzung bei der freiwilligen Befragung, die seit 2005 jährlich wiederholt wird. Zu bahnbrechenden Verbesserungen haben die Erkenntnisse bislang offenbar nicht geführt: Bereits im Jahr 2016 hatten 7,1 Prozent der Gesamtbevölkerung über 16 Jahre nicht genug Geld, um jeden zweiten Tag "Fleisch, Fisch oder eine gleichwertige vegetarische Mahlzeit einnehmen zu können". Im Jahr darauf, 2017, waren es sogar 7,5 Prozent – mehr als fünf Millionen Menschen.

"Armut ist kein Randphänomen"

Sabine Zimmermann, Sozialexpertin der Linksfraktion im Bundestag, hatte die Sonderauswertung der Zahlen beim Statistischen Bundesamt erbeten. "Armut ist in Deutschland kein Randphänomen, sondern zieht sich quer durch die Bevölkerung", erklärte die Politikerin aus Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern. Die Bundesregierung müsse nun ein Konzept zur Armutsbekämpfung vorlegen.

Sozialsenatorin Stahmann sagte zu möglichen Auswegen aus der Krise, der Weg aus der Armut führe oft über gute Ausbildung. „Wir müssen Langzeitarbeitslose weiterbilden und brauchen gute Jobs mit armutsfesten Löhnen – nicht nur in der Stahl- und Autoindustrie, sondern auch bei typischen Frauenberufen wie zum Beispiel in der Pflege“, forderte die Grünen-Politikerin. Die Arbeitnehmerkammer Bremen nennt als Hebel für weniger Armutsgefährdung: mehr Frauen sollten erwerbstätig sein, der Mindestlohn muss angehoben werden und in Branchen wie der Gastronomie oder der Altenpflege soll der Abschluss von Tarifverträgen bessere Löhne garantieren.

++ Dieser Artikel wurde um 21.32 Uhr aktualisiert ++

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