US-Wahlen

Joe Biden: Der Tröster der Nation

Die Bestimmung des designierten Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten Joe Biden könnte in der Zeit des Trauerns um die Opfer der Pandemie und der Polizeigewalt die des „Trösters-¬in-Chief“ sein.
17.08.2020, 05:00
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Joe Biden: Der Tröster der Nation
Von Thomas Spang
Joe Biden: Der Tröster der Nation

Am Donnerstag wird der 77-jährige Joseph Robinette „Joe“ Biden aus Scranton/Pennsylvania zum Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten gekürt.

Paul Sancya /AP /dpa

An einem eisigen Tag Ende Dezember 2014 stand der Vizepräsident der Vereinigten Staaten vor der Tür der Familie Liu in Brooklyn. Ohne Kameras und Presse stattete Joe Biden der Witwe eines ermordeten Polizisten einen privaten Kondolenzbesuch ab. Angeblich aus Rache für den Tod eines Schwarzen in Polizeigewalt hatte ein Verrückter den Mann von Sanny Liu und dessen Kollegen ein paar Tage vorher kaltblütig erschossen. Er wisse, wie es ihr gehe, versucht der weißhaarige Politiker die junge Frau zu trösten, die kürzlich erst geheiratet hatte. Er schaut ihr tief in die Augen und legt die Hand auf ihre Schulter. Auch für die Eltern findet er die richtigen Worte, die Sanny ins Kantonesische übersetze. „Kein Kind sollte vor seinen Eltern sterben. Mein Herz schmerzt für Sie.“

Bevor er sich verabschiedet, überreicht Biden der Witwe seine private Telefonnummer. „Rufen Sie mich an, wenn Sie sich niedergeschlagen fühlen.“ Manchmal sei es einfacher, mit Fremden zu sprechen, die dasselbe erlebt hätten. „Greifen Sie einfach zum Hörer.“ Liu ist nicht die einzige Trauernde, die Bidens Privatnummer hat. „Onkel Joe“ hat sie einer langen Liste an Fremden gegeben, denen er sich in ihrem Verlust verbunden fühlt. Er teilte sie am Rande von Beerdigungen, bei persönlichen Begegnungen oder einer seiner Pendelfahrten im Zug zwischen Washington und Wilmington im US-Bundesstaat Delaware.

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Im März hätte Biden sie fast im nationalen Fernsehen ausgeplaudert, als er die Angehörigen der Opfer der Corona-Pandemie einlud, mit ihm in Kontakt zu treten. „Nicht weil ich ein Experte bin, sondern weil ich es selber erlebt habe.“ Tatsächlich ist die knapp vier Jahrzehnte lange politische Laufbahn des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten eingespannt in einen Rahmen persönlicher Tragödien. Statt Weihnachten 1972 im Kreis seiner Familie die Wahl zum jüngsten Senator in der Geschichte zu feiern, trauert der 29-jährige „Kennedy aus Wilmington“ um seine erste Frau Neilia und die einjährige Tochter Naomi. Die waren beim Einkauf des Christbaums mit einem Lkw zusammengestoßen. Seine beiden Söhne Beau (3) und Hunter (2) überlebten den Unfall schwer verletzt.

Freunde überredeten Biden, nicht hinzuschmeißen, sondern sein Amt anzutreten und es für ein halbes Jahr zu versuchen. „Meine Zukunft bestand darin, mich darauf zu konzentrieren, einen Fuß vor den anderen zu setzen“, erinnert er sich in seinen ersten Memoiren, die 2007 unter dem Titel „Promises to Keep“ erschienen. Biden legte seinen Amtseid am Krankenhausbett seines Sohnes Beau ab. Um abends bei seinen Kindern zu sein, entschied sich der frisch gebackene Senator, nicht nach Washington zu ziehen, sondern jeden Tag 90 Minuten mit dem Amtrack-Zug nach Wilmington zu pendeln. Eine Routine, die er beibehielt, nachdem er seine zweite Frau, die Lehrerin Jill Jacobs, 1977 heiratete.

Parteitag der Demokraten

Umarmung von Obama während der Trauerfeierlichkeiten für seinen Sohn Beau.

Foto: Yuri Gripas /AFP Pool /AP /dpa

Kompromisse suchen

Der aus kleinen Verhältnissen der Industriestadt Scranton im US-Bundesstaat Pennsylvania stammende Politiker fiel nie dadurch auf, leidenschaftlich für ein bestimmtes Programm zu stehen. Sein Pragmatismus brachte ihn eher dazu, Kompromisse zu suchen. Deshalb spiegelt er in seiner Karriere als Senator und ab 2008 als Vizepräsident Barack Obamas eher die Trends seiner Zeit wider. Der politische Biden verkörpert bis heute für jeden etwas anderes.

Es gibt Anhänger, die ihn als Held der weißen Arbeiterklasse aus dem Rostgürtel verehren. Andere schelten ihn als Helfershelfer der in Delaware ansässigen Finanzindustrie. Die meisten Schwarzen betrachten ihn wegen seiner Loyalität zu Obama als einen der ihren und machten ihn bei den Vorwahlen in South Carolina zum „Comeback-Joe“. Auf der Linken gibt es einige, die Biden für die Masseninhaftierung afroamerikanischer Männer verantwortlich machen. Kritische Feministinnen halten seine Körperlichkeit für übergriffig, während Priester ihm die Kommunion verweigern, weil er Abtreibungen nicht bestrafen will. Er stimmte gegen den ersten und für den zweiten Irakkrieg. Das unscharfe Profil half Biden nicht bei seinen ersten beiden Anläufen auf die Präsidentschaft.

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1988 bereitete ein Plagiats-Vorwurf seinem Traum von der Nominierung ein Ende. Zwanzig Jahre später kam Biden der junge Obama in die Quere. Der Sohn einer Mutter aus Kansas und eines Vaters aus Kenia verkörperte mehr die Hoffnung der Amerikaner nach einem Kandidaten, der die bittere Spaltung in der Gesellschaft überwinden könne, als das Urgestein aus dem Rostgürtel Amerikas. Auch bei diesen Vorwahlen sah zunächst alles danach aus, dass Bidens Zeit vorüber sei. Der wegen seiner Neigung zur Flapsigkeit als „Fettnapf-Maschine“ bekannte Politiker verplapperte sich mehr als früher, wirkte müde und altbacken.

Wie der Beginn seiner Laufbahn fast an einer persönlichen Tragöde scheiterte, setzte eine weitere ihr beinahe das Ende. Sein Sohn Beau erlag 2015 einem Gehirntumor. In tiefer Trauer überlässt der Vizepräsident Hillary Clinton ein Jahr später den Vortritt zur Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. In seiner zweiten Autobiografie „Promise Me, Dad“, schreibt Biden über den Prozess der Trauer, „der sich nicht nach Fristen, Debatten und Vorwahlen richtet“. Wie einst Präsident Abraham Lincoln seinen toten Sohn öffentlich beweinte, thematisiert er in dem Buch seinen erneuten Schicksalsschlag. Biden richtet damit den Blick auf eine Seite seiner Persönlichkeit, die mit dem Ausbruch der Corona-­Pandemie und der Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus nun in ganz neuem Licht erscheint. Der vom Schicksal geprüfte Kandidat ist ein Experte für Trauerarbeit, der sich aufgrund eigener Erfahrung gut in das Leid anderer einfühlen kann.

Eine Nation, die trauert

Die USA sind eine Nation, die trauert. Um die vielleicht bald 200.000 Menschen, die bis zum Wahltag am 3. November der Pandemie zum Opfer gefallen sein dürften. Um den Schwarzen George Floyd, der unter dem Knie eines weißen Polizisten ums Leben kam. Um den Verlust von Anstand und demokratischer Kultur, seit Donald Trump 2016 mit drei Millionen Stimmen weniger als Clinton ins Weiße Haus einzog.

Die Sehnsucht der Wähler nach einem Tröster der Nation, einem Heiler und Versöhner ist in diesem Moment größer als die nach einer Lichtgestalt. Als die USA Ende Mai die Marke von 100 000 Corona-Toten überschritt, richtete sich Biden wie in einer Ansprache aus dem Oval Office an die Angehörigen, um mit der Nation die Trauer über den unnötigen Verlust an Menschenleben zu teilen. Kurz darauf terminierte er den ersten öffentlichen Auftritt nach zwei Monaten virtuellem Wahlkampf aus seinem Quarantäne-Keller in Wilmington auf den „Memorial Day“, an dem die Amerikaner ihrer Kriegstoten gedenken.

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Bidens Motto, nach dem alle Politik persönlich ist, klingt nach einer Erfolgsformel gegen einen Präsidenten, dem jede Empathie in der Krise fehlt. Einfühlen in das Leid anderer kann sich der vom Schicksal so oft geprüfte wie kaum ein Zweiter. Weshalb er über all die Jahre seiner politischen Laufbahn ein gefragter Trauerredner war. Mehr als 60 Mal sprach er über Menschen, die ihm oder für die Nation wichtig waren. Von seiner ersten Frau Neilia über politische Freunde wie John D. Dingell aus Michigan bis hin zu dem Südstaaten-Senator aus South Carolina Strom Thurmond.

Persönlichen Erfahrung

Das Menschliche hinter dem Politischen zu sehen, ist eine Konsequenz aus seiner persönlichen Erfahrung, zu der Biden immer wieder zurückkehrt. So auch in der Videobotschaft, mit der er sich bei der Beerdigung an die Eltern des Schwarzen George Floyd wandte. Er wisse, „wie tief das Loch in Eurem Herzen ist, wenn Ihr einen Teil Eurer Seele tief in dieser Erde begrabt“. Während andere allein trauern dürften, müsse Floyds Familie dies in der Öffentlichkeit tun. „Diese Bürde ist nun Ihre Bestimmung.“

Bidens Bestimmung in dieser Zeit des nationalen Trauerns um die Opfer der Pandemie und der Polizeigewalt könnte die des „Trösters-­in-Chief“ sein. Ein Mensch, der Nostalgie und Normalität verspricht. Das trifft auch auf die internationalen Beziehungen zu, für die sich der frühere Vorsitzende des Auswärtigen Komitees im Senat stets stark gemacht hat. Er muss nicht das Klischee des athletischen Supermanns erfüllen, der nachts um drei Uhr Anrufe im Oval Office entgegennimmt, um Amerika sicher zu machen. Sein nächtlicher Anruf könnte von Fremden wie der Polizistenwitwe Sanny Liu oder anderen Menschen kommen, denen Biden in der Stunde der Not seine Privatnummer hinterlassen hat.

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